Cicero: Über die Wahrsagung/De divinatione

von Alexandra Walterskirchen
„Cicero: Über die Wahrsagung/De divinatione“

 

 

 

Marcus Tullius Cicero (106-43 v.Chr.) ist der bekannteste Autor klassischer römischer Literatur, Politik und Philosophie. Sein Werk „De divinatione“ (Über die Wahrsagung), das 44. v. Chr. Verfasst wurde, ist der zweite Teil seiner theologisch-philosophischen Abhandlungen, zu denen auch die Bücher „De natura deorum“ und „De fato“ gehören. Der Inhalt des Buches ist ein Dialog zwischen Cicero und seinem Bruder Quintus, in welchem sie der Frage nachgehen, ob es eine „echte“, d.h. in der göttlichen Wahrheit begründete Prophetie bzw. Wahrsagung („divinatio“) gibt oder nicht, und ob die Erklärungen, mit denen sich die Menschen seit Jahrhunderten unbegreiflicher Phänomene zu vergewissern versuchen, einer kritischen Prüfung standhalten. Während Ciceros Bruder Quintus die Seite der Stoiker vertritt, die sich vorbehaltlos für die Wahrheit und Unangreifbarkeit der „divinatio“ einsetzen, versucht Cicero der „divinatio“ auf akademische Weise auf den Grund zu gehen, d.h. sie von zwei Seiten her zu betrachten und die Argumente dafür und dagegen darzulegen.

Das Werk „De divinatione“ ist in zwei Bücher unterteilt. Im 1. Buch vertritt Quintus die stoische Position. Er belegt anhand zahlreicher Beispiele und Begebenheiten die Existenz der „divinatio“, erklärt ihre verschiedenen Formen, in denen sie sich äußert, und versucht am Ende sie auf Gott, das Schicksal und die Natur zurückzuführen, d.h. sie wissenschaftlich zu belegen. Im 2. Buch kommt Cicero selbst zu Wort. Anhand der Lehre des skeptischen Akademiker Karneades macht Cicero deutlich, wie instabil das stoische Gedankenkonstrukt der „divinatio“ ist, da es in sich Fehler und Widersprüche aufweist. Das Gespräch, an dem keine anderen Personen teilnehmen, findet in Ciceros Landgut bei Tusculum statt.

Cicero hatte mit seinem Werk „De divinatione“ die Absicht, sein kurz zuvor entstandenes Buch „De natura deorum“ (Über das Wesen der Götter) zu ergänzen und damit den Themenkomplex der Theologie abzuschließen. Die Wahrsagung war nach römischer Vorstellung Teil der Religion. Orakel, Träume, Vogelschau, Eingeweide, Blitze, Sterne und Lose gehörten zur Betrachtung der Götter und ihres Wirkens in der Welt, gaben sie doch den Menschen durch diese wichtige Hinweise, was sie zu tun oder zu lassen hatten. Soweit die antike Erinnerung zurückreichte, hatten die Götter den Menschen stets ganz selbstverständlich die Zukunft eröffnet und ihnen Zeichen oder Träume geschickt, die dann von befähigten Menschen (Sehern) gedeutet wurden. Den Willen der Götter zu erfahren war ein ur-menschliches Bedürfnis. Die Seher waren in der Regel „Fachleute“ und verfügten über spezifische Kenntnisse, Ausbildungen und Abstammung aus „mythischer“ Zeit. Bekannt sind in Griechenland z.B. die großen Orakelstätten wie in Delphi, Dodona, Olympia. Die Römer erhoben für sich den Anspruch als besonders „religiöses“ Volk eine einzigartige Vereinbarung des „Friedens mit den Göttern“ (Pax deorum) erlangt zu haben. Deshalb musste unbedingt vor jeder bedeutsamen Handlung sichergestellt werden, dass die Götter damit einverstanden waren. Blieb der günstige Ausgang dennoch versagt, so musste man den Fehler suchen, der die Götter veranlasst hatte, den Römern ihre Gunst zu entziehen. In der Folge galt es dann herauszufinden, wie die Götter zu besänftigen waren, um den Friedenszustand wiederherstellen zu können. So war die „divinatio“ ein wichtiger Teil, ja das Herz, des römischen Staates und Kommunikationsmittel mit den Göttern, die das Römische Imperium – nach römischer Vorstellung – erst möglich machten.

Der Reiz des Buches „De divinatione“ liegt darin, dass Cicero seinen Bruder Quintus in dessen Rede zahlreiche Beispiele der „divinatio“ erzählen lässt. Dieser spricht von römischen und griechischen Träumen älterer und jüngerer Zeit, sowie von Ciceros und Quintus eigenen Träumen, von den antiken Vogelschauen und Orakelstätten, die allesamt die Wahrheit der Prophezeiungen und ihre Göttlichkeit belegen. Und auch wenn die bunte Fülle der Beispiele im zweiten Buch fehlt, hebt Ciceros aufklärerisches Plädoyer für einen „gesunden Menschenverstand“, gewürzt mit Witz und Humor, die Argumentation auf ein anderes Niveau. Denn seine geäußerte Kritik weist auf etwas Grundsätzliches hin: Ist es überhaupt sinnvoll und von Erfolg gekrönt, mit Logik und rationalen Gründen an eine Sache (die „Divinatio“) heranzugehen, die sich ihrem Wesen nach genau eben jedem rationalen Begreifen entzieht, weil sie nicht menschlich begreifbar ist?

Mein Fazit: Das Buch ist kurzweilig und doch tiefgründig geschrieben. Sowohl auf Latein als auch auf Deutsch liest es sich flüssig und nachvollziehbar. Ein sehr empfehlenswertes Buch für alle Latein-Interessierten, aber auch für Philosophen und Menschen, die mehr über die antike Weissagungskunst und Prophezeiungen wissen möchten.

 

Hrsg. v. Schäublin, Christoph
Sprache: Lateinisch/Deutsch
De Gruyter Verlag, Reihe Sammlung Tusculum
Gebunden, 420 Seiten
Erscheinungsdatum: 2002
ISBN 978-3-05-006171-9

44,90 Euro

 

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