Cloclo und ich von Stefano Knuchel

von Helene Walterskirchen:
Cloclo und ich (Originaltitel: „Quand j’étais Cloclo“)
von Stefano Knuchel

 


Dieser Dokumentarfilm beweist es wieder einmal: die skurrilsten, dramatischsten und abenteuerlichsten Geschichten schreibt das Leben selbst – sie müssen nicht erfunden werden.

Cloclo ist ein Film, mit dem der Regisseur und Produzent Stefano Knuchel das, was ihm als Kind widerfahren ist, aufarbeiten möchte. Wie einen Teppich rollt er sein Leben und das der Familie, in die er 1966 hineingeboren worden ist, auf, schaut es sich an, sortiert das Lustige vom Traurigen, das Schöne vom Schlechten, das Gute vom Bösen, um besser verstehen zu können, was damals passiert ist – mit ihm und seinen vier Geschwistern.

Es beginnt wie im Märchen in einer Luxusvilla am Lago Maggiore in den 60er und 70er-Jahren: High Life auf allen Ebenen, amerikanischer Nobelschlitten, Swimmingpool, exzessive Partys – und: krumme Geschäfte seines Vaters im Immobilienbereich. Es endet mit einem Berg voll Schulden, mit jahrelanger Flucht – und überall die Kinder mit dabei, Kinder, die die meiste Zeit keine Schule besuchen, keine Freunde haben, kein gesellschaftliches und ethisches Fundament aufbauen können.

Irgendwann wird der Vater auf der Flucht erwischt, vor den Augen seiner Kinder verhaftet, und für viele Jahre ins Gefängnis gesteckt. Hinter ihm bleibt eine Spur der Verwüstung zurück – eine zerbrochene Familie, eine zerstörte Existenz, psychisch, sozial und menschlich gebrochene Kinder.
Eine Mutter, die als Bardame versucht, eine neue, bescheidene Existenz aufzubauen, und deren Rolle in diesem Familiendrama zwiespältig bleibt. Eindeutig ist ihre Bewunderung für den bekannten französischen Sänger Claude Francois, genannt Cloclo, über dessen Tod im Jahr 1978 sie untröstlich gewesen ist.

Der junge Stefano Knuchel wollte seiner Mutter eine Freude bereiten oder, besser gesagt, ihre Liebe erringen: er nutzte sein musikalisches Talent dazu, sich einige der Songs von Cloclo beizubringen und sie danach vor der Mutter aufzuführen. Sie war darüber entzückt und gab ihm den Kosenamen Cloclo“.

Der Film ist eine hervorragende Studie über elterliche, insbesondere väterliche Verantwortungslosigkeit, die das Ausleben eigener, egoistischer Interessen über das Wohl der eigenen Kinder stellt. Doch Sohn Stefano klagt mit diesem Film weder an noch sucht er Schuldige, vielmehr sucht er nach Momenten der Liebe, Wärme und Geborgenheit in seiner Kindheit, die doch da sein müssen, und hier wird seine Suche zwanghaft, denn er jagt einem Phantom nach, das ihm letztlich stets entflieht. Liebe wird zu einem Taschenspielertrick, zu einer Show, zu einer Parodie.

In der Endsequenz trifft Stefano nach vielen Jahren den alten Vater. Er versucht, mit ihm in die Vergangenheit einzutauchen, wo sie, seiner Erinnerung nach, miteinander glücklich waren. Doch dies gestaltet sich zu einer herben Enttäuschung, denn der Vater, kalt und desinteressiert, kann sich an nichts mehr erinnern. Stattdessen zeigt er dem Sohn einen Taschenspielertrick aus vergangenen Zeit und taut erst dann auf, als der Sohn mit ihm den Trick im Duett vollführt.

Der Film endet damit, dass Stefano für seine Mutter nochmals in die Rolle von Cloclo schlüpft, sich den Bart abrasiert, sich schminkt und eine blonde Perücke aufsetzt. Sie ist entzückt, als er so in ihre Wohnung kommt und Songs von Cloclo für sie singt, die sie zu Tränen rühren. Es bleibt dem Zuschauer überlassen zu entscheiden, wem diese Tränen gelten: dem Sohn oder ihrem Idol Cloclo, an dessen Grab sie noch kurz zuvor war.

Erschienen 2017
Regisseur: Stefano Knuchel
Produktion: Stefano Knuchel – Venus and beyond
Co-Produktion: Silvana Bezzola – RSI Televisione Svizzera, Marco Bielli – Spaid

 

 

KINOFILME FÜR KENNER
Hamburger Berg 7 · 20359 Hamburg
T (040) 63 66 55 44
dispo@dejavu-film.de