Das Geheimnis des Lebensfeuers

von Helene Walterskirchen:
Das Geheimnis des Lebensfeuers

 

 

 

Das Leben ist eine geheimnisvolle Sache, die man ein Leben lang zu ergründen versucht, manchmal meint, sie entschlüsselt zu haben, um dann festzustellen, dass dem doch nicht so ist.

Man kann versuchen, das Leben zu verstehen, es als Ganzes zu sehen, von der Geburt bis zu 80, 90 oder vielleicht sogar 100 Jahren. Als eine Linie, eine Gerade, die ununterbrochen verläuft, so wie ein Fluss sich seinen Weg bahnt von der Quelle bis zur Mündung. So fließen wir durch unser Leben.

Bei genauer Betrachtung jedoch wird man feststellen, dass das Leben in Etappen oder Zyklen verläuft, die man auch Lebensjahrzehnte nennen kann. Nicht umsonst feiern wir die runden Geburtstage, also z.B. 30, 50 oder 70 ganz besonders, denn mit jedem runden Geburtstag beginnt eine neue Etappe in unserem Lebensfluss. Dabei werden die Etappen, denen eine 3 vorausgeht, also 30, 31, 32 Jahre usw. anders aussehen als die Jahre, denen eine 5 vorausgeht, also 50, 51, 52 Jahre usw. Und noch einen Sprung weiter: sie werden anders aussehen als die, denen eine 7 vorausgeht, also 70, 71, 72 Jahre usw.

Jedes Lebensjahrzehnt hat seine ganz eigenen Themen und Inhalte. In den 30er Jahren steht sehr oft die Familienplanung im Mittelpunkt, denn man möchte Kinder und eine eigene Familie haben. In den 40er Jahren steht oft der Beruf und die Karriere im Mittelpunkt, aber auch der Sprung in die Selbständigkeit und damit verbunden der Aufbau einer eigenen Firma. In dem 50er Jahren kann es sein, dass man sich eher dem zuwendet, was man „Berufung“ nennt. Es kann jedoch auch sein, dass das Thema „Erfolg“ noch einmal ins Zentrum rückt und man so richtig durchstartet.

Der Übergang von einem Lebensjahrzehnt ins nächste ist wie eine Schnittstelle. Etwas kommt zum Ende, etwas Neues beginnt. Jedoch kommt das Neue nicht unvermutet, sondern es bahnt sich mit dem Ende des alten Jahrzehnts bereits an. Dies geschieht dadurch, dass das für das alte Jahrzehnt laufende Programm ausläuft, d.h. das Interesse für bestimmte Dinge erlahmt und die Energie, die darin sonst vorhanden ist, nimmt ab, ja, sie verläuft oft geradezu im Sande. In dieser Übergangsphase ist jedoch das Neue noch nicht so richtig da, so dass eine Pause entsteht, wie zwischen zwei Akten eines Theaterstücks, in der ein Bühnenwechsel erfolgt. Eine solche Übergangsphase kann oft zwei bis drei Jahre dauern bis sich das neue Thema und die neue Energie etabliert hat. In dieser Zeit braucht man viel Geduld und auch intuitives Feeling, um zu spüren, wohin man vom Lebensfluss getragen wird.

Man sollte sich Fragen stellen wie: „Was möchte im neuen Lebensjahrzehnt kommen? Für was verspüre ich Interesse und einen gewissen Reiz? Was zieht mich an? Wohin wird mein Fokus und meine Energie gelenkt?“ Und natürlich sollte man das Alte, das ausläuft, nicht festhalten, sondern es loslassen. Umso besser man loslassen kann, umso leichter wird der Wechsel und kann das Neue kommen. Für den neuen Lebensabschnitt sollte man keinen unnötigen alten Ballast mitschleppen, d.h., man sollte sich von alten Dingen, für die man eigentlich nichts mehr verspürt, trennen. Das kann auch Menschen betreffen. Warum soll man eine alte Beziehung, die schon lange unfruchtbar oder wie tot ist, noch weiterführen? Sie ist nur ein Bremsfaktor im neuen Lebensjahrzehnt. Beziehungen müssen unbedingt lebendig, inspirierend und befruchtend sein, nur dann sind sie es wert, den neuen Lebensabschnitt zu begleiten.

Unser Leben ist ein ewiger Fluss bis zu dem Moment, wo wir in das große Meer münden. Es ist ein Naturgesetz, dass der Fluss immer fließt. Nichts kann ihn aufhalten, außer ein Staudamm. Auf das menschliche Leben bezogen baut sich der Mensch selbst durch sein Verhalten solche Staudämme, die verhindern, dass sein Lebensfluss ungestört fließen kann. Er baut sie durch Ängste, Unsicherheiten, Klammern, Blockieren, Depressionen usw. Dabei dürfte er sich vertrauensvoll seinem Lebensfluss hingeben und sich von ihm tragen lassen, denn ein ungestörter Lebensfluss bedeutet Leben aus dem Vollen. Das Leben ist niemals eine Strafe, sondern ein Geschenk, in dem wir uns entfalten und zur Blüte gelangen dürfen. Es ist ein Feuerwerk von immer neuen Zyklen.

Wir dürfen neugierig sein, neugierig darauf, was uns die nächste Etappe in unserem Leben bringen wird. Vielleicht sind wir ja gerade in einer Übergangsphase und spüren, dass etwas Neues kommen möchte. Das ist ein ungemein vibrierender Zustand voller Vorfreude, geradeso, als begäben wir uns auf eine Reise. Vorfreude ist oft die schönste Freude, heißt es im Volksmund.

Wir dürfen hineinfühlen in das, was kommen möchte. Wo spüren wir bereits ein gewisses Interesse? Wovon fühlen wir uns vielleicht schon jetzt angezogen? Und was, im Gegensatz dazu, lähmt uns, auch wenn wir es jetzt noch machen? Lassen wir das Alte los, das uns lähmt, das uns nicht mehr wirklich interessiert, für das wir einmal Feuer und Flamme waren, das aber jetzt nicht mehr in uns brennt, sondern nur noch eine verlöschende Glut ist. Wenden wir uns dem zu, was uns jetzt entzünden möchte, was in uns brennen möchte. Denn nur, wenn etwas in uns brennt, ein Feuer für eine Sache, dann sind wir lebendig, dann brennt in uns die Lebensfreude, die Schöpfungsfreude, die Schaffensfreude, die Hingabe und Liebe zu einer Sache, zu etwas, das uns am Herzen liegt.

Auch wenn heute jemand im Übergang von den 70er zu den 80er Jahren oder von den 80er zu den 90er Jahren ist, sollte diese Vibration und dieses Brennen vorhanden sein. Ein alter Mensch muss nicht folglich schon innerlich wie tot sein, wie ein längst erloschener Vulkan. Auch ein alter Mensch kann innerlich für etwas bzw. für eine Sache brennen. Wir wissen nie, wie lange unser Leben dauert und wann der Zeitpunkt ist, an dem unser Lebensfluss in das Meer mündet. Wir können 80, 90, 100 oder sogar mehr Jahre leben und weitgehend gesund, fit und vital sein. Ich denke hier im Besonderen an zwei Frauen: Tao Porchon Lynch, eine 99-jährige amerikanische Yoga-Lehrerin, die mit 96 Jahren mit ihrem Tanzlehrer eine Tanz-Show im amerikanischen Fernsehen zum Besten gab mit der Folge, dass das Publikum vor Begeisterung johlte, und die 80-jährige Paddy Jones aus England, die mit ihrem Tanzpartner bei einer Tanz-Show einen Salsa-Tanz aufführte, der die Jury und alle Anwesenden vom Hocker riss.

Für beide Frauen war es eine enorme Herausforderung, den swingenden und rockenden Bewegungsablauf mit Figuren einzustudieren, aber in beiden brannte das Feuer für das Tanzen und dafür, einmal in ihrem Leben auf einer Bühne zu stehen und eine Tanz-Show aufzuführen. Dieses Feuer entzündete in ihnen eine Kraft und Dynamik, die sie mit ihrem Körper Dinge machen ließ, die sonst für Menschen in diesem Alter nicht mehr möglich sind. Wie viele Menschen zwischen 80 und 90 sitzen nur noch steif im Rollstuhl und warten auf den Tod?

Finden wir heraus, was uns zum Brennen bringt, wo wir unsere ganze Energie hinlenken wollen, wo unser Körper ein brennendes Energiebündel ist und Dinge möglich macht, die sonst nicht möglich sind. Wir Menschen sind Energiewesen, d.h. je weniger Energie in uns fließt, desto energiearmer, starrer und älter sind wir. Je mehr Energie durch Freude am Tun in uns fließt, desto energievoller, dynamischer und jünger sind wir. Wir programmieren uns praktisch selbst durch unseren energetischen Zustand, durch unser Lebensfeuer, das in uns brennt.

So können wir jede Lebensetappe zu einem Feuerwerk machen, in dem die Funken sprühen und wir Dinge vollbringen können, die andere nur noch zum Staunen bringen und uns ganz enorm viel Spaß machen. Das zu tun, wozu wir uns berufen oder zu dem wir uns hingezogen fühlen, für das wir eine Begeisterung haben, für das wir brennen, ist das Ziel und der Inhalt in allen Lebensetappen. Lebensfreude ist kein leeres Wort, sondern eine Mission für uns selbst und für unser Leben.

 

 

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