Der Tod des Individuums in der verwalteten Welt

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von Gunnar Kaiser

Gunnar Kaiser

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Am Ende des Jahres saß ich mit ein paar Menschen, die nicht meinem Haushalt angehörten, in der Lobby eines Hotels beisammen, das seit Wochen stillgelegt war. Das Treffen verlief, wie derzeit nicht die meisten, aber doch mehr, als man glauben mag, verlaufen: “Wie schlimm das alles geworden ist!” – “Ich hätte mir niemals vorstellen können, dass es wieder so schnell gehen könnte in diesem Land.” – “Ich bin jetzt aber erleichtert, dass ich offenbar doch nicht der einzige bin, der es sieht.” – “Warum merken es die anderen bloß nicht?” – “Man muss jetzt wirklich etwas tun!” – “Wir müssen irgendwie Widerstand leisten!”

Wir hatten uns bei Bier und Essen vom Schnellrestaurant in einen geradezu konspirativen Rausch hineingeredet, der mit den Worten endete: “Wenn morgen im ganzen Land alle Gastwirte einfach ihre Läden aufmachen, alle Künstler wieder auftreten – dann ist der Spuk vorbei!”

Er endete, der Rausch, mit diesen Worten, weil wir unterbrochen wurden vom Hotelchef. Draußen sei das Ordnungsamt unterwegs, die könnten uns durch die Scheiben sehen … ob es uns was ausmachen würde, ins Hinterzimmer zu gehen?

Natürlich nicht, versicherten wir, gar kein Problem, wir wollen ja niemandem Ärger bereiten.

Und noch bevor wir mit unseren Gläsern umgezogen waren, dämmerte uns, was für feine Rebellen wir doch waren: Lassen uns im bierselig-konspirativen Rausch von einer einfachen Frage unterbrechen und kuschen, sobald wir nur das Wort “Ordnungsamt” vernehmen! Und wir waren doch „die Erwachten“! Wie soll man mit solchen Leuten je eine Revolution beginnen?

Sofort fielen uns Lenins und Stalins Worte von der Unmöglichkeit einer Revolution in Deutschland ein – „weil man dazu den Rasen betreten müsste“ oder eine Bahnsteigkarte lösen. Und weil den Deutschen die Angst vor dem Ordnungsamt so tief im kollektiven Unbewussten sitzt, dass sie die Behörde gleich mit der Gestapo gleichsetzen. Wer will es da empörten Gemütern heute verdenken, dass sie sich direkt mit Sophie Scholl vergleichen?

Wenigstens konnten wir über unsere German Angst lachen.

In der gleichen Woche hörte ich den Publizisten Richard David Precht in einem Interview seine Sicht auf die Corona-Maßnahmen in Deutschland und der Schweiz verkünden. Zum Glück seien 85 % der Bürger mit den Maßnahmen einverstanden, so Precht, und nur eine Minderheit „Genervter“ widersetze sich den Anordnungen. Er beobachtete „an sich selbst“, dass die Menschen die Maske beispielsweise immer selbstverständlicher trügen – nach einem anfangs „völlig wirren“ Umgang mit der Maske sei er jetzt trainiert und routiniert, gab er zufrieden zu. Er habe zwar keine Angst, dass das Häuflein der elenden 15 %, die mit den Maßnahmen nicht konform gingen (und die „dem Staat jegliche Sauerei zutrauen“), gefährlich groß werden könnte, aber ihm fehle doch jedes Verständnis für Menschen, die die Regeln einfach missachteten.

Wir dürften ja denken über diese Regeln, was wir wollen, gestand er großzügig zu, aber als gute Staatsbürger hätten wir doch „halbwegs zu funktionieren“. Als solche seien wir eben nicht angehalten, unsere Corona-Positionen sichtbar nach außen zu tragen.

Und dann führte Precht das Beispiel des Stehenbleibens an einer roten Ampel an: Wenn ich nachts bei Rot an einer unbelebten Straßenkreuzung stehe, könne ich ja über die Sinnhaftigkeit der Ampelschaltung denken, wie es mir beliebt; ich dürfte das sogar meiner Frau und meinen Freunden sagen. Aber es stehe mir doch nicht frei, die Regeln einfach nach meinem Gusto zu interpretieren, sprich: zu missachten.

Und es sei traurig, mahnte Precht streng, dass 15 % aller Bürger das „immer noch nicht begriffen“ hätten.

Über die Angemessenheit des Vergleiches zwischen der Beachtung der Straßenverkehrsordnung und dem kritiklosen Abnicken und Befolgen der Corona-Maßnahmen wäre viel zu sagen. Was mir aber in den Sinn kam, war der auffällig affirmative Bezug auf die Servilität der Deutschen, wie sie in der Ampel-Analogie deutlich wird. In dem Film „Sonnenallee“ von Leander Haussmann wird diese Mentalität in Verbindung mit der Unfähigkeit zur Revolution genüsslich persifliert, wenn der Protagonist in einer nächtlich einsamen Straße minutenlang auf das Zeichen der Ampel wartet, anstatt sich „mutig“ über den verlängerten Arm des Gesetze hinwegzusetzen.

Die Deutschen sind bekannt dafür, dass sie, im Gegensatz zu vielen anderen Völkern, gegenüber der Autorität eines Ampellichts selbst dann hörig sind, wenn dieses Licht eine der konkreten Situation Hohn aufs Absurdeste widersprechende Anweisungen gibt. Die Ampelschaltung kann so sehr als Symbol einer falsch verstandenen Pflichtethik fungieren, dass es unfreiwillig komisch wirkt, dass Precht sie naiv und affirmativ zum Vorbild für den braven, funktionierenden Staatsbürger heranzieht – zumal eben die zu erduldenden Verordnungen des Jahres 2020 die Freiheiten und Grundrechte der Menschen nicht nur quantitativ, sondern vor allem qualitativ in einer ganz anderen Dimension einschränken, als es eine herkömmliche Straßenverkehrsordnung tut, und ihre Sinnhaftigkeit bzw. Schädlichkeit mit weitaus größerem Recht zu hinterfragen wäre.

Weiteren Spott fügt das Jahr 2020 noch dem Schaden hinzu, in dem wir alle nur noch sklavisch den Anweisungen einer Corona-Ampel gehorchen: Wo sie rot ist, müssen wir nicht nur stehen, sondern sogar in unseren Häusern bleiben, und nur wenn sie grün zeigt, darf das Leben weitergehen. Bis auf Weiteres.

Worauf das Ampel-Beispiel aber auch verweist, ist etwas, das Max Horkheimer in den 50er und 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts formuliert hat: den Tod des autonomen Individuums in der total verwalteten Welt. Als Antwort auf eine immer komplexer werdende wissenschaftlich-technische Zivilisation, in der der Mensch sich die ungeheuren Kräfte der Natur unterworfen hat, etabliert sich eine rationale Zentralverwaltung, die das Leben der Menschen organisiert und lenkt. Alles, was verwaltet werden kann, wird auch bürokratisch verwaltet, ob es Energie, Geburtenrate oder – man darf hinzufügen – Krankheit und Infektionsrisiken sind.

„Ich glaube“, sagt Horkheimer, „dass die Menschen dann in dieser verwalteten Welt ihre Kräfte nicht frei werden entfalten können, sondern sie werden sich an rationalistische Regeln anpassen, und sie werden diesen Regeln schließlich instinktiv gehorchen.“  In dieser instinktiven Rationalität werden sie zu Tieren regredieren, oder zu Maschinen: „Die Menschen dieser zukünftigen Welt werden automatisch handeln: bei rotem Licht stehen, bei Grün marschieren. Sie werden den Zeichen gehorchen.“

In diesem Jahr ist nicht nur die deutsche Gesellschaft ein großes Stück in Richtung verwalteter Welt gerückt. Die Pandemie wurde und wird als Anlass benutzt, die Leben der Menschen mithilfe der neuesten technischen Mittel – von Tracing Apps über Kontaktverfolgung, Drohnenüberwachung, Massentests bis zur Digitalen Identität – bis ins Kleinste zu kontrollieren und zu verwalten. Wir stehen in nie dagewesenem Maße unter der „Allherrschaft des Organisationsprinzips“, dass Adorno und Horkheimer schon Mitte des 20. Jahrhunderts hinaufziehen sahen. Der weltumspannende Traum von Sozialingenieuren, die günstige Gelegenheit der Corona-Krise für die Große Transformation der Wirtschaftssysteme zu nutzen, um wohlklingende „linke“ Floskeln von Nachhaltigkeit, Sozialer Gerechtigkeit, Inklusion und Kreislaufwirtschaft mit einem eher dystopischen digital-technokratischen Transhumanismus zu verbinden, ist nichts anderes als Horkheimers „verwaltete Welt“ auf Speed.

Hier sind Autonomie oder Spontaneität nicht gefragt, ja sogar schädlich. Für sie verschwinden alle Schlupfwinkel, wie Adorno in „Kultur und Verwaltung“ schreibt.

Eine freie Gesellschaft kann dies also nicht sein. Denn „je mehr die Gesellschaft unter die Verwaltung einheitlich organisierter Gruppen gerät, um so weniger dürfen wir sie eine Gesellschaft der Freiheit nennen.“ (Horkheimer)

Der Hellsichtige wird sich dem entziehen wollen und der Mutige von Revolution, gar von Utopie träumen. Der Möglichkeit einer solchen Revolution unter den gegebenen Bedingungen des „gesamtgesellschaftlichen Verblendungszusammenhanges“ standen schon Adorno und Horkheimer skeptisch gegenüber. Sie mag nicht eben größer geworden sein. Klar ist aber, dass sie mit einer Tat beginnt, die sich über die Selbstverständlichkeiten hinwegsetzt. Diese Selbstverständlichkeiten sind ebenso in Zeichen manifest, wie es die Straßenverkehrsordnung ist.

Andernfalls ist es nicht weniger als der lange beschrieene Tod des Individuums in einer total verwalteten Welt, vor dem wir Angst haben müssen. Vielleicht ist es diese Angst, die uns lähmt, und das nicht erst seit 2020. Vielleicht ist aber auch sie es, die uns am Ende dazu antreiben kann, nicht mehr blind den Zeichen zu gehorchen. Vielleicht ist sie es, die uns dazu bringt, über Rot zu gehen.

Gunnar Kaiser, geb. 1976 in Köln, ist Lehrer für Deutsch und Philosophie. Er betreibt den Blog „Philosophisch leben“ und den Youtube-Kanal „KaiserTV“ und ist Publizist für verschiedene philosophische Themen.