Der Untergang des Abendlandes

Buchbesprechung von Gunnar Kaiser

Der Untergang des Abendlandes

 

Abs

Vor einhundert Jahren ist es erstmalig erschienen: Oswald Spenglers „Untergang des Abendlandes“. Der erste Band erschien im letzten Jahr des Ersten Weltkriegs 1918 in Wien.

Nach dem Weltkrieg – der Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts, wie George Kennan sie genannt hat – haben viele Menschen das Gefühl gehabt, etwas geht zu Ende. Die Krise des abendländischen Bewusstseins. Wenn Weltreiche wie Rom fallen können, dann kann es sicher auch unseres, das Weltreich der westlichen Kultur. Und immer wieder in der Zwischenzeit haben Menschen das Gefühl gehabt, oder davor gewarnt, dass wir zerstört werden oder uns selbst zerstören. Bis heute.

Zwei Bände. Über tausendzweihundert Seiten. Es geht um alles: Um das Problem der Weltgeschichte, um Musik und Völker, um Buddhismus und Sozialismus, Geld und Maschinen. Ein Panorama der Kulturgeschichte von den frühen Sumerern bis heute.

„Das Abendland geht unter“ – das ist zum einen eine Zustandsbeschreibung, aber auch eine Prophezeiung. Noch STEHT es offensichtlich, das gute alte Abendland. Aber wie kann man als seriöser Wissenschaftler solche Voraussagen treffen? Spengler sieht sich die anderen Kulturen der Weltgeschichte an und kommt zu dem Schluss:

Alle Kulturen der Welt ähneln sich in bestimmten Phasen; das ist ihre Homologie – ihre Gleichförmigkeit. Diese Gleichförmigkeit zeigt sich in den Parallelen der Kulturen.

Zum Beispiel gab es immer wieder große Feldherrn: Napoleon war wie Cäsar, Cäsar war wie Alexander der Große. Oder große Religionsstifter und Denker: Buddha, Mohammed, Christus. Es gab Zentren der Hochkultur: das Florenz der Renaissance ähnelt dem Athen der Antike. Die Methode, die Spengler der Biologie entlehnt, nennt sich Morphologie. Nicht politische und historische Tagesereignisse machen die Logik der Zeit aus, sondern die großen Entwicklungen, die die Geschichte beeinflussen, die Dynamik des Schicksals.

Weil die Ereignisse und Zeitperioden einer Kultur denjenigen einer anderen Kultur entsprechen, lässt sich eine Form von Gleichzeitigkeit ableiten. So betrachtet sind etwa Pythagoras und Descartes Zeitgenossen, weil sich die antike und die abendländische Mathematik in der gleichen relativen Zeitspanne innerhalb ihrer Kultur entwickelt haben. Ionische Kunst und Barock finden zur „gleichen“ Zeit statt; der antike Bildhauer Polyklet ist ein „Zeitgenosse“ Johann Sebastian Bachs; auch die Städte Alexandria, Bagdad und Washington entstehen in diesem Sinne „gleichzeitig“

Und weil das so ist, kann man zu dem Ergebnis kommen, dass wir uns heute an einem ähnlichen Punkt befinden wie die Hochkulturen der Vergangenheit, bevor sie schließlich dahinsiechten und zerstört wurden. Die moderne Zivilisation befindet sich in der letzten Phase des Zerfalls.

Denn es gibt in den acht großen Kulturen stets den Ablauf von Frühling zu Winter, von Kindheit zum Alter. Diese acht Hochkulturen waren die babylonische, die ägyptische, die antike, die chinesische, die indische, die arabische, die aztekische und die abendländische.

Ihre Entwicklung ist immer gleich: Im Frühling entwickelt sie sich aus ihren mystischen Wurzeln heraus und beginnt, wie eine Blütenknospe, zu wachsen. Man erkennt diesen Prozess beispielsweise in der Gotik, in der Dorik, in der früharabischen Kunst und in den Werken der 4. Dynastie des alten Ägyptens. Die Kultur wächst, sie sucht ihren eigenen Ausdruck. Im Sommer und Herbst, der Zeit der Reife, werden die Formen strenger. Es ist eine Phase der gesteigerten Kraft, des Selbstbewusstseins und der Vollendung. Die Werke sind dabei aber nicht ohne eine gewisse Leichtigkeit. Die Verworrenheit der Frühformen verschwindet zugunsten klarerer Linien: Romanische Kirchen, wie die Hagia Sophia, die Bilder Tizians, die Werke Mozarts. Im Winter bäumt sich die gealterte Kultur noch einmal auf. Im Klassizismus und in der Romantik sehnt sie sich nach vergangenen Epochen. Sie kehrt zu alten mythischen Formen, zu den spirituellen Wurzeln zurück, oft in einer Art: „zweiter Religiosität“.

An dieser Jahreszeitenanalogie aber kann man schon sehen: Nach dem Winter kommt wieder der Frühling. Die Weltgeschichte ist zyklisch. Sie ist nicht zielgerichtet, wie das Christentum und Hegel es behaupten, sondern besteht aus einem steten Werden und Vergehen. Eine „ewige Wiederkunft des Gleichen“, um mit den Worten von Nietzsche zu sprechen.

Wichtig für Spenglers Theorie: Die Kulturen berühren sich nicht. Es kommt nicht zu einem Austausch zwischen ihnen. Jede Kultur hat ihre eigene Weltanschauung, und die ist abgeschlossen gegen die Weltanschauung anderer Kulturen. Wenn man in der einen Kultur beheimatet ist, kann man die andere nie voll und ganz verstehen. Wer denkt, er könnte ganz in eine andere Kultur eintauchen, versteht nicht, dass er sie nicht versteht. Kulturelles Verständnis ist eine Illusion.

Das ist auch so, weil jede Kultur eine eigene Seele hat. Das ist eine Art Metaphysik der Kultur. Man spricht zum Beispiel von der russischen Seele oder der deutschen Seele. Für Spengler ist die antike Welt zum Beispiel von einer apollinischen Seele beherrscht. Eine Kultur des Engen, des Kleinen, des Statischen. Antike Kunst ist die Kunst des nackten Körpers, der olympischen Götter, die Begrenzung von Formen auf der Leinwand. Politisch-geografisch ist sie gekennzeichnet durch die vereinzelten griechischen Stadtstaaten. Die abendländische Kultur ist die Kultur des faustischen Strebens. Abendländische Technik strebt, vom gotischen Bauerntum bis zur modernen Industrie, nach Herrschaft über die Natur.

In der Architektur haben wir die in den Himmel aufragenden Kathedralen des hohen Mittelalters, in der Malerei den gewaltigen Raum, der von Licht und Schatten gestaltet wird, wie bei Rembrandt oder William Turner. Abendländische Politik ist von Eroberung und Ausdehnung in den Raum geprägt.

Von besonderer Bedeutung vor allem für den deutschsprachigen Diskurs ist die Unterscheidung von Kultur und Zivilisation: Kultur ist Seele, Zivilisation ist Geist. Griechenland ist Seele, Rom ist Geist. Die Seele der Kultur verwandelt sich in Geist und besiegelt damit ihren Untergang. Dieser Übergang fand in der Antike im 4. Jahrhundert statt und im Abendland im 19. Jahrhundert. Wir stehen genau am Ende dieser Entwicklung: die Seele unserer Kultur ist zerfallen, es gibt nur noch den Geist der Zivilisation. Sie ist kraftlos geworden. Zivilisation bedeutet vor allem: Herrschaft der Städte. Sie sind die Keimzellen der „Entartung“. Was Rom für die Antike war, sind London, Berlin und New York heute, also 1918. Massenkultur, Massenmenschen, Geld regiert, Künstlichkeit, Dekadenz, auch im Politischen.

Der Parlamentarismus ist für Spengler eine typisch kraftlose Erscheinung des Verfalls: hinter der Fassade des demokratischen Systems, das nur noch die Aufgabe hat, das einfache Volk einzulullen und in Sicherheit zu wiegen, entwickeln sich die wirklichen Machtstrukturen: der Cäsarismus. Die Macht verlagert sich auf eine bestimmte Gruppe oder eine Einzelperson, das System des Parlamentarismus bleibt zum Schein noch intakt. So wie wir heute von einer Machtelite und einem Deep State sprechen, denen die moderne Demokratie nur zum Vorwand dient, ihre Machtinteressen auszubauen. Parlamentarische Demokratie ist ein Deckmantel formal legitimierter Herrschaft – die Massen fallen darauf rein, die Elite herrscht schrankenlos. Die Kultur verwandelt sich zurück ins Primitive. Das Formvollendete wird in den Urzustand zurückgestoßen. Das Urwüchsige, das Grobe, das Gesetz des Stärkeren bricht sich die Bahn. Die Welt wird beherrscht von Riesenreichen, an deren Spitze ein Cäsar steht und die dereinst aufeinandertreffen werden, um die Vormachtstellung zu erringen.

Geht das Abendland unter? So einen Cäsarismus heute, im 21. Jahrhundert zu beobachten, dürfte nicht schwer fallen. Die Massen halten die parlamentarische Demokratie weiterhin für das beste aller möglichen Systeme, aber in Wahrheit herrschen Korporatismus, Korruption, Lobbyismus und eine geheimnisvolle Machtelite. Was wir Spengler verdanken, ist die Idee, dass es nicht selbstverständlich ist, dass alles immer so weiter geht. Was einmal als zivilisatorischer Fortschritt erreicht wurde, kann auch wieder zurückgedreht werden, wenn wir nicht aufpassen. Ja sogar, dass sich unsere Kultur gar nicht auf ihrem Höhepunkt befinden muss, auch wenn wir das im Vergleich mit anderen Kulturen denken. Oder gedacht haben. Der westliche Imperialismus ist Ausdruck eines letzten Aufbäumens, bevor dann alles in ein chinesisch-indisches Zeitalter übergeht. Wir leben unsere westlichen Werte nicht mehr formvollendet, selbstbewusst, im Vollbesitz unserer Kraft, mit ganzer Überzeugung, sondern sie sind nur noch Hülle, stehen nur noch auf dem Papier. Wir sind nicht stolz auf das Eigene, im Gegenteil, stolz ist Zeichen von Arroganz, wir sind unsicher in der Erziehung unserer Kinder, wir haben Angst, Leistung und Disziplin zu fordern, und wir verteidigen „unsere“ Werte nicht als „universalistisch“, weil wir das für chauvinistisch halten. Wir sind Sklaven der modernen Kommunikationsmittel und der Technik geworden. Massenmenschen.

Die Wertschätzung der persönlichen Freiheit, des Eigentums, der Wert des Individuums sind nur noch Lippenbekenntnisse, Zensurgesetze, Regulationen, Zwangskollektivierung, Staatliche Eingriffe überall. Die Gruppe, die Gemeinschaft wird wieder beschworen – ein Rückfall ins Primitive?

Diese Gedanken wären sicher nicht im Sinne Oswald Spenglers gewesen: Spengler träumte von einer „konservativen Revolution“, wie auch Ernst Jünger, Carl Schmitt oder Thomas Mann. Ihnen schwebte ein autoritärer Staat vor, der von einer geistig-politischen Elite geführt werden sollte, und der die deutsche Kultur von der englischen und französischen Zivilisation abgrenzte. Spenglers Idee für Deutschland war eher ein konservatives Staatswesen im „Geiste Preußens“, wie er es im Dezember 1919 in der Schrift „Preußentum und Sozialismus“ vertrat. Er sah 1918 schon eine russische Vormacht voraus sowie einen zweiten Weltkrieg. Er behauptete sogar, dass das Abendland deswegen eine Zeit des Cäsarismus benötige, die durch Technokratie, Imperialismus und Sozialismus gekennzeichnet sein werde. Zudem waren für Spengler auch alle Kulturen untereinander gleichberechtigt – eine Kultur des Individualismus ist nicht besser oder schlechter als eine Kultur des Kollektivismus. Es gibt keine Geschichte der Menschheit und keinen Fortschritt zu einer besseren Welt, sondern nur eine Abfolge voneinander isolierter Kulturen. Wenn das Abendland verwelkt und abstirbt, wird etwas anderes erblühen – für Spengler war das die russische Kultur, für uns heute scheint es die chinesische oder die indische Kultur zu sein. Ich denke, dass genau so ein kulturpessimistisches und kulturrelativistisches Denken der Auslöser für den Niedergang der eigenen Kultur ist. Wenn man in seiner eigenen Kultur nicht mehr das Absolute sehen kann, wenn man seine Werte nicht für universell hält, kann man sie natürlich nicht mehr mit voller Überzeugung und ganzer Kraft vertreten. Dann ist der Verfall nur eine Frage der Zeit.“

Gunnar Kaiser

geboren 1976 in Köln, arbeitet als Lehrer für Deutsch und Philosophie. Er betreibt den Blog »Philosophisch leben« und den Youtube-Kanal »KaiserTV«. In renommierten Literaturzeitschriften und in Anthologien veröffentlichte er Kurzgeschichten und Gedichte. Er lebt in Köln. (Text und Foto von Piper)

 

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