Der Wahrheitsgehalt der römischen Geschichtsschreibung

von Alexandra Walterskirchen

Europäisches Kulturerbejahr 2018 – Der Wahrheitsgehalt der römischen Geschichtsschreibung

Septimus Severus-Bogen im Forum Romanum, 203 n.Chr.

Für jeden, der Latein lernt und studiert, ist die römische Geschichte ein bedeutender Teil seiner Studien. Aber auch für alle anderen, die sich für die römische Geschichte interessieren, gibt es Aufzeichnungen von bekannten römischen Geschichtsschreibern wie Livius, Sallust oder Tacitus. Es gibt auch heute noch Menschen, die sich als „Latein-Freaks“ bezeichnen und – fast – so alles gelesen bzw. studiert haben, was römische Schriftsteller und Geschichtsschreiber hinterlassen haben. Ich bin ein solcher „Latein-Freak“ und Latein gehört seit meiner Zeit am Gymnasium zu meinen Lieblingsfächern. Autodidaktisch befasse ich mich auch heute noch immer wieder gerne mit römischer Literatur und tauche tief ein in so manche römische Perlen des Wissens und der Weisheit.

Die römische Geschichte liegt sehr weit zurück und wir beziehen unsere Daten aus den Aufzeichnungen von antiken griechischen und römischen Geschichtsschreibern. Wer sich intensiv mit den jeweiligen Werken dieser Geschichtsschreiber befasst, wird gewisse Unstimmigkeiten feststellen und sich mit der Frage auseinandersetzen, was davon wirklich wahr ist und was auf persönlichen Meinungen, Propaganda der Mächtigen, Ruhmessucht des Verfassers oder blühende Phantasie des Autors beruht.

In den vergangenen Monaten habe ich mich intensiv mit den römischen Geschichtsschreibern Livius, Sallust und Tacitus beschäftigt, ebenso mit den überlieferten antiken Quellen zur Varus-Schlacht. Ich habe alle verfügbaren Reclam-Ausgaben dieser Schriftsteller gelesen und auszugsweise vom Lateinischen ins Deutsche übersetzt. Auch wenn dieser Prozess sehr aufwendig und zeitintensiv ist, ist er meines Erachtens notwendig, wenn man einen wirklichen Einblick in die historischen Werke und ihre kulturelle Energie der antiken Zeit bekommen möchte. Denn wie wir aus der Vergangenheit wissen, können sich gerade bei Übersetzungen von anderen Sprachen ins Deutsche Ungenauigkeiten oder Missverständnisse einschleichen, die im Laufe der Zeit dann zu falschen Tatsachen werden.

Nehmen wir als erstes Beispiel die bekannte Varus-Schlacht. Aus offiziellen Geschichtsbüchern ist uns folgendes überliefert: Der römische Feldherr Publius Quinctilius Varus wurde mit seinen drei Legionen im Teutoburger Wald 9 n. Chr. von den Germanen unter Führung des Hermann/Arminius vernichtet. Kaiser Augustus soll, als er davon erfuhr, laut klagend ausgerufen haben: „Varus, gib mir meine Legionen zurück!“.

Wer jedoch die historischen Quellen zu Varus und seinem Untergang liest, wird schnell feststellen, dass hier einige Ungereimtheiten bzw. Widersprüchlichkeiten bestehen. Diese Problematik wird auch in der sehr informativen Einleitung des Reclam-Büchleins „Varus, Varus! Antike Texte zur Schlacht im Teutoburger Wald“ eingehend dargelegt.

Die historische Ungenauigkeit fängt bereits mit dem Namen des germanischen Fürsten der Cherusker an, den man in den antiken Quellen nur unter seinem lateinischen Namen „Arminius“ kennt. Sein neuzeitlicher Name Hermann ist dagegen eine etymologisch falsche Übersetzung. Der Name „Herman“ ist zum ersten Mal im Mittelalter aufgetreten. Das „Hermanns-Denkmal“, das diesem berühmten deutschen Freiheitskämpfer gewidmet ist und in Hiddesen in Nordrhein-Westfalen steht, müsste somit korrekterweise „Arminius-Denkmal“ heißen.

Wer war dieser Arminius und was wissen wir wirklich über ihn? Fest steht: Arminius hatte zusammen mit anderen Söhnen angesehener Germanenhäuptlinge einige Jahre in Rom verbracht, wo er militärisch ausgebildet worden war und sogar römisches Bürgerrecht sowie den Rang eines Ritters verliehen bekam. Er war über Jahre ein loyaler Freund der Römer, der mit ihrer militärischen Vorgehens- und Denkweise vertraut war. Umso überraschender kommt sein Verrat an Varus und dem römischen Staat. Seine genauen Beweggründe bleiben im Dunklen der Geschichte, aber es muss etwas vorgefallen sein, das ihn dazu bewegt hat, seine Meinung über Rom zu ändern und sich auf Seite seiner germanischen Stammesgenossen in den aktiven Freiheits- und Widerstandskampf zu schlagen. Arminius hatte eine Vision von einem großen Germanen-Reich, das alle germanischen Stämme in sich vereinte, konnte dies letztlich jedoch nicht umsetzen, da die Stammesfehden und Feindseligkeiten innerhalb der verschiedenen Germanenstämme zu groß waren.

Der Autor Jörg Kastner erzählt die Geschichte des Arminius und seines fiktiven Blutsbruders Thorag in seiner mehrbändigen historischen Germanen-Saga, die in den 1990er-Jahren erschienen ist. Hier erfährt der interessierte Leser mehr über die Visionen und Ziele des Arminius. Bei aller Begeisterung muss man sich aber bewusst sein: Alles ist schlichtweg erfunden. Der Autor hat kein Sachbuch, sondern eine Roman-Reihe geschrieben, die seiner eigenen Phantasie entsprungen ist. Und auch wenn er sich bemüht hat, historische Quellen und Personen so gut wie möglich einzubauen, seine Geschichte ist und bleibt eine fiktive. So hat sich die wirkliche Geschichte des Arminius zu 99,9% nicht zugetragen.

Kehren wir zurück zur Varus-Schlacht und was wir wirklich darüber wissen. Im Reclam-Büchlein „Varus, Varus! Antike Texte zur Schlacht im Teutoburger Wald“ heißt es auf S. 23. „Die Schlacht im Teutoburger Wald fand sehr wahrscheinlich im September des Jahres 9. n. Chr. (= 762 ab urbe condita) statt. Der Hergang der Ereignisse ist aus den uns überlieferten Schriften nicht eindeutig zu rekonstruieren. Weder der Ort noch die Dauer der Auseinandersetzung sind zweifelsfrei zu benennen, da sich die Quellen widersprechen [sic!]. Einzig die Jahreszeit scheint gesichert, da alle antiken Autoren davon sprechen, dass sich Varus nach einem Aufenthalt in einem oder mehreren Sommerlagern auf dem Rückmarsch ins Winterquartier an den Rhein befand, als er von den Germanen in einen Hinterhalt gelockt und mitsamt der Mehrzahl der Soldaten seiner drei Legionen (bei voller Stärke insgesamt 15 000 bis 20 000 Mann – je nach Größe der Legionen und Anzahl der Hilfskontingente) vernichtet wurde. Zieht man nur die Schriftquellen zu Rate, ist nicht einmal gesichert, dass die Legionen des Varus unterwegs, also marschierend, überfallen wurden [sic!].“

Die Widersprüchlichkeiten gehen sogar so weit, dass sich aus den historischen Quellen nicht einmal die Marschrichtung des Varus und seiner Legionen entnehmen lässt. Cassius Dio berichtet davon, dass Varus von der Weser kommt und durch angeblich befreundetes Gebiet zog, Tacitus hingegen schreibt in seinen Annalen einige Jahre später, dass Germanicus das ehemalige Schlachtfeld von Westen her betrat.

Je tiefer man in die historischen Quellen zur Varus-Schlacht einsteigt, desto verwirrender wird die ganze Sache. Der Historiker Florus wirft in seinen überlieferten Texten noch mehr Fragen als Antworten in den Raum, denn er behauptet, dass die Germanen Varus nicht auf dem Marsch, sondern während eine Gerichtstages in seinem Lager überfielen, dieses ausraubten und alle Menschen töteten. Er schreibt: „Daher fielen die Germanen unversehens von allen Seiten auf Varus ein, der nichts ahnte und vor etwas Derartigem auch keine Angst hatte, als jener „o welch Sicherheit zu Gericht“ rief…“ (XXX, 34).

Im Bericht des Velleius dagegen fand die Schlacht in einem unwegsamen Gelände statt: „Weder zum Kämpfen noch zum Ausbrechen bot sich ihnen, so sehnlich sie es auch wünschten, ungehindert Gelegenheit… Eingeschlossen in Wälder und Sümpfe, in einen feindlichen Hinterhalt, wurden sie Mann für Mann abgeschlachtet….“ (II,119)
Zwei gegensätzliche Aussagen; das einzig Gemeinsame: Varus und seine Legionen wurden getötet. Das Wie, Wo und Wann bleibt jedoch im Dunklen.

Auch die Dauer der Varus-Schlacht steht nicht fest. Zwischen wenigen Stunden, einem Tag oder mehreren Tagen – alles ist möglich! Die historischen Quellen zeigen hier keine Übereinstimmung, fast wirkt es so, als ob jeder Autor die Zeitangabe nach Gutdünken festgesetzt hat, gemäß dem Motto: Was würde sich am besten und schockierendsten für die Leser machen? Manche Historiker gehen sogar von der Annahme aus, dass es den EINEN Ort der Varusschlacht nie gegeben hat, sondern sich das Gemetzel an verschiedenen Orten über mehrere Tage zugetragen hat.

Da der Wahrheitsgehalt der antiken Geschichtsschreiber fraglich bleibt, kann auch der Hergang der Varus-Schlacht nicht zufriedenstellend rekonstruiert worden. Es bleibt am Ende alles nur Spekulation und Vermutung, wie sehr man sich auch bemüht die historischen Quellen Wort für Wort zu zerlegen und nach Hinweisen zu suchen.

So heißt es im Reclam-Büchlein „Varus, Varus! Antike Texte zur Schlacht im Teutoburger Wald“ auf S. 27: „Obwohl Scharen von Wissenschaftlern und Hobbyhistorikern fast fünfhundert Jahre lang die Angaben der antiken Autoren minutiös seziert und versucht haben, sie auf die norddeutsche Landschaft zu übertragen, war es bis 1987 nicht einmal gelungen, überhaupt ein größeres Schlachtfeld zwischen Rhein und Weser ausfindig zu machen.“

Der Ort der Varus-Schlacht, der Teutoburger Wald, steht zwar als historische „Tatsache“ in den Lehrbüchern, ist aber in Wirklichkeit nichts anderes als eine (vermutlich falsche) Theorie. Nur der Geschichtsschreiber Tacitus nennt in seinen Annalen den ungefähren Ort der Varus-Schlacht, nämlich den „Saltus Teutoburgiensis“, der sich irgendwo in der Nähe der Flüsse Amisia und Luppia befinden würde. Eine genauere Lage des Waldes gibt Tacitus jedoch nicht an. Was heute als Teutoburger Wald im Osnabrücker Land bezeichnet wird, trug bis ins 17. Jahrhundert gemeinsam mit dem südöstlich anschließenden Eggegebirge den Namen „Osning“. Diesen Wald kann Tacitus wohl nicht gemeint haben. Hier wird die Problematik der Namensveränderung von Orten im Laufe der Geschichte deutlich, wodurch man die geographischen Bezeichnungen der alten Römer heute oft nicht mehr auf unsere Landschaften, Flüsse und Städte übertragen kann.

Wo könnte die Varus-Schlacht nun wirklich stattgefunden haben? Nachdem man in der Nähe von Alt-Barenau bei Kalkriese 1987 neben römischen Münzen auch auf zahlreiche Überreste von Kampfhandlungen zwischen Römern und Germanen aus spätaugusteischer Zeit gestoßen war, glaubte man eine Zeit lang, damit auch den Ort der Varus-Schlacht von 9. n. Chr. gefunden zu haben. Doch intensive archäologische Ausgrabungen und Untersuchungen ergaben: Es handelt sich wohl eher um den Ort der Schlacht an den pontes longi, die 15. n. Chr. stattfand. Damals geriet der römische Legat Aulus Caelius Caecina, nachdem er mit Germanicus die menschlichen und tierischen Überreste der Varusschlacht in Massengräbern beigesetzt hatte, in einen Hinterhalt der Germanen und konnte nur mit Not und großen Verlusten entkommen.

Neben den geographischen Widersprüchen ist auch die Glaubwürdigkeit und persönliche Voreingenommenheit der historischen Geschichtsschreiber zur Varus-Schlacht ein Problem. So hat zwar Valleius Paterculus, der als Offizier die Kämpfe der Römer in Germanien miterlebt und evtl. sogar Varus und Arminius persönlich gekannt hat, über die Varus-Schlacht berichtet, wird aber aufgrund seiner fanatischen Bewunderung für Tiberius, den er als vollkommene, vergöttlichte Wesenheit ansieht, unglaubwürdig. Er wiederholt sich in seinen Lobreden auf den Retter Tiberius Caesar, der als Retter des Reiches dargestellt wird und nach der Meinung Paterculus ohne Zweifel sieben Triumphe verdient hätte, sich aber mit nur drei zufrieden gegeben hat, was seinen maßvollen Charakter zeigen würde. Gleichzeitig weist Paterculus die alleinige Schuld an dem Verlust der Legionen der Unfähigkeit des Varus zu. Hier stellt sich die Frage: Inwieweit verfälschte persönliche Liebe, Verehrung oder auch berechnende Vergöttlichung eines einflussreichen Führers oder Staatsoberhauptes der damaligen Zeit die historischen Tatsachen? Hat Valleius Paterculus wirklich so verehrend über Tiberius gedacht oder wollte er mit seinen schmeichelnden Lobeshymnen etwas bezwecken?

Genauso verhält es sich mit der Biographie des Agricola, die Tacitus 98 n. Chr. über seinen Schwiegervater Agricola anlässlich dessen Tod schreibt und die man in einer Lateinisch-Deutschen Ausgabe bei Reclam lesen kann. Was sich zuerst wie eine biographische Abhandlung über das Leben des bekannten Feldherrn Agricola liest, wird mehr und mehr zu einer idealisierten Darstellung der römischen virtus (Tugend). So tritt der historische Agricola hinter den literarischen zurück und wird teilweise regelrecht transparent, da Tacitus über ihn etwas viel Größeres zeigen möchte: die römische Tugendhaftigkeit, die sich symbolisch in der Gestalt des Agricola und seinem ganzen Denken und Handeln zeigt. So ist die Leichenrede für Agricola zwar ein interessanter moralischer Text über korrektes römisches Verhalten, vermittelt aber nur wenig greifbares Wissen über die wirkliche Person des Agricola und seinen „echten“ Charakter. War er wirklich ein so tugendhafter Mensch oder wollte Tacitus bewusst nur die guten Seiten seines Schwiegervaters betonen und seiner Frau und ihrer Familie zu Gefallen sein?

Das Werk „Agricola“ ist alles in allem eine bewusste Vermischung von realen, historischen Gegebenheiten und der Betonung der idealen römischen Lebensweise der virtus (Tugend), die Tacitus gerade unter dem Kaiser Domitian so vermisst, wodurch „Agricola“ auch zu einer versteckten Anklageschrift gegen Domitian wird. Dies zeigt, wie schnell sich Wahrheit mit persönlichen Bestrebungen vermischen und verändern kann.

In diesem Zusammenhang stellt sich uns eine andere Frage: Inwieweit sind Schriftsteller wie z.B. Cassius Dio (163 bis 229 n. Chr.) oder Orosius (385-418 n. Chr.), die einige Jahrhunderte nach der Varus-Schlacht 9. n. Chr. lebten, überhaupt verlässliche Quellen? Auch wenn sie antike Quellen zitiert haben, liegt es nahe, dass sie eigene Ergänzungen und Änderungen hinzugefügt haben, wo es ihnen notwendig erschien. Wir müssen uns nur einmal selbst die Fragen stellen, ob wir als Menschen des 21. Jahrhunderts heute in der Lage wären einen zu 100% wahrhaften Bericht über den 30-Jährigen Krieg 1618-1648 zu schreiben? Wir müssten uns auf alte Quellen verlassen, deren Wahrheitsgehalt wir nicht überprüfen können, und müssten bei fehlenden Lücken eigene Vermutungen bzw. Ergänzungen hinzufügen. Es müssen nicht 400 Jahre Zeitabstand sein! Allein schon die Wiedergabe der genauen Ereignisse des 1. oder 2. Weltkrieges wird viele junge Menschen der heutigen Zeit vor ernste Schwierigkeiten stellen, da bereits in dieser geschichtlich kurzen Vergangenheit zahlreiche Widersprüche und bewusste Verschleierungen vorliegen.

Colosseum in Rom

Manchmal scheint es auch eine Ironie des Schicksals zu sein, dass die schriftstellerischen Werke, die sich mit der genauen Darstellung der historischen Ereignisse und Wahrheiten beschäftigen, nicht überliefert sind. So hat Plinius der Ältere (23/24 bis 79 n. Chr.) ein umfangreiches 20-bändiges Werk über die Germanenkriege „Bella Germania“ geschrieben, in welchem er auch die Varus-Schlacht abhandelt, jedoch ist dieses Werk im Laufe der Jahrhunderte verloren gegangen. Diese Berichte von Plinius sollen angeblich Tacitus als Quelle gedient haben. Dies zeigt: Ein Schriftsteller schreibt vom anderen ab, übernimmt Wahrheiten, aber auch Fehler, persönliche Meinungen, Vorlieben oder Abneigungen. Wie können wir anhand solcher Lücken und Unwahrheiten sicher sein, dass sich die Geschichte, so wie wir sie heute rückblickend betrachten, wirklich zugetragen hat? War vieles vielleicht ganz anders?

Titus Livius (59 v. Chr. bis 17 n. Chr.) gilt als bedeutendster Geschichtsschreiber des römischen Reiches. In seinem Werk „Ab urbre condita“ (Von der Gründung der Stadt Rom an) beschreibt er die römische Geschichte von den Anfängen der Gründung Roms bis zur Zeit von Augustus. Ein Viertel der 142 Bücher ist überliefert, der Rest ist im Laufe der Jahrhunderte verloren gegangen. Livius gilt als zuverlässige historische Quelle. Dabei wird allerdings übersehen, dass Livius unmöglich bei über 300 Jahre zurückliegenden Ereignissen wie den römischen Ständekämpfen, die er anschaulich mit direkter Rede wie in einem Roman beschreibt, dabei gewesen sein, sondern sich auf andere historische Quellen bezogen oder womöglich sogar einiges hinzuerfunden hat.

Diese Problematik greift auch Robert Graves in der fiktiven Autobiographie „Ich, Claudius, Kaiser und Gott“, auf, die 1934 publiziert wurde und so manchen Leser glauben lässt, er halte wirklich die Autobiographie des bekannten Kaisers in den Händen. So ist es zumindest mir ergangen, als ich zum ersten Mal als Jugendliche dieses Buch las und von ihm mehr als entzückt war. Geradezu ehrfürchtig blätterte ich durch die Seiten und fühlte mich zurückversetzt in das alte Rom. Schon von der ersten Seite an konnte ich mich mit dem klugen und gutherzigen, aber durch sein Umfeld unterdrückten und verunsicherten Claudius identifizieren, der in der „Ich-Person“ über sein Leben berichtet. Anders als manch andere moderne Autoren kommt Robert Graves ohne (sexuelle) Gewalt und die Beschreibung blutiger Gräueltaten aus, um einen Bestseller zu schreiben, sondern hält sich sehr eng an historische Fakten und Personen sowie römische Kulturgrundlagen und Gebräuche der damaligen Zeit, die allein durch ihre Andersartigkeit faszinierend sind. Dadurch gibt Robert Graves seinem Roman eine kultivierte, antiquiert-klassische Note, die einer wirklichen Autobiographie des Claudius nahe kommen könnte.

Auf S. 50 ff schildert der Autor ein Gespräch von Claudius mit den beiden bedeutenden Geschichtsschreibern der damaligen Zeit, die er in der Bibliothek trifft: Gaius Asinius Pollio und Titus Livius. Es wird über die Unterschiede in der Geschichtsschreibung diskutiert. Claudius sagt zu Pollio: „Es gibt sicherlich zwei ganz verschiedene Arten der Geschichtsschreibung: Die eine will die Menschen zum Guten erziehen, und die andere will sie zur Wahrheit zwingen. Der erste scheint mir der Weg des Livius zu sein, der zweite der Ihre [Pollio]. Und vielleicht lassen sich sogar beide Wege miteinander vereinen.“

Sculpius [der Bibliothekar],…, ergriff dann das Wort und fasste zusammen: „Ein Autor wie Livius wird immer Leser haben. Die Leute haben es gern, wenn ein liebenswürdiger Autor sie zur alten Tugend ermahnt, besonders wenn ihnen im gleichen Satz versichert wird, dass die moderne Zivilisation es unmöglich gemacht hat, den alten Tugenden je wieder nahezukommen. Aber die Autoren, die bloß die Wahrheit sagen und nichts als die Wahrheit, können sich nur ein Publikum schaffen und erhalten dadurch eine gute Küche und einen noch besseren Weinkeller.“

Das heißt: Geschichtsschreibung an sich sollte immer ein wahrheitsgemäßer Bericht dessen sein, was sich zugetragen hat. Der Autor sollte seine Quellen genauestens überprüfen und erforschen. Er sollte sich nicht durch eine gefällige Art oder romanhafte, unterhaltsame Darstellung von der Wirklichkeit entfernen, nur um mehr Leser zu bekommen. Denn dies geht immer zu Lasten der historischen Genauigkeit.

Dahinter steht aber auch ein Dilemma, denn bekanntlich überdauert ein trockener, langweiliger Tatsachenbericht seltener die Jahrhunderte, als ein unterhaltsames, kurzweiliges Werk. Je mehr Leser man hat, desto größer ist die Auflage und die Verbreitung. Mussten vielleicht deswegen die antiken Schriftsteller flunkern und die Wahrheit mit dichterischer Erfindung ausschmücken, um sie in den Augen der Nachwelt erhaltenswert zu machen? Was wird die Jahrhunderte überdauern: Das Epos „Aeneis“ von Vergil über dessen Flucht aus Troja, seine unglückliche Liebe zu Dido und seine Abenteuer, bis er Italien endlich erreichte, oder eine sachliche Abhandlung über die politischen Ereignisse des Jahres 40. v. Chr.? Die meisten Leser lieben dramatische, humorvolle und spannende Geschichten.

Zusammenfassend bedeutet das: Auch wenn historische Geschichtswerke der Antike faszinierend sind und dem Leser einen Einblick in eine längst vergangene Welt ermöglichen, sind ihre Angaben doch mit Vorsicht zu genießen, denn wir wissen nicht, welche Motivation des Autors dahinter steht, welche Missverständnisse bei der Wiedergabe noch älterer Quellen entstanden sind und wie die Wahrheit durch politische Instanzen oder persönliche Sichtweisen verfälscht wurde. Letztendlich gleicht Geschichte einer „Flüsterpost“. Im positiven Fall kommt der ursprüngliche Satz weitgehend unverfälscht beim letzten Glied der Kette an, im negativen Fall ist er verdreht oder zu etwas ganz anderem geworden.

Die Autorin mit ihren Reclam-Schriften zur römischen Literatur und Geschichte

Mit den Reclam-Schriften können Sie sich selbst eine Meinung über die historische Wahrheit oder Scheinwahrheit der römischen Geschichtsschreibung bilden. Der Reclam-Verlag bietet jedem Geschichts-Interessierten viele aus der Antike überlieferte Werke in teils zweisprachigen Ausgaben zu günstigen Preisen an. Folgende Bücher kann ich besonders empfehlen:


Varus, Varus! Antike Texte zur Schlacht im Teutoburger Wald
Lat./Dt.; Griech./Dt. Hrsg.: Walther, Lutz
175 S. 2 Karten
ISBN: 978-3-15-018587-2
4,80 Euro

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Tacitus: Agricola
Lat./Dt.
Hrsg., Übers., Erl. u. Nachw.: Feger, Robert
152 S.
ISBN: 978-3-15-000836-2
4,80 Euro

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Livius: Ab urbe condita. Libri I – V / Römische Geschichte. 1. – 5. Buch
Lateinisch/Deutsch
Übers.: Feger, Robert; Fladerer, Ludwig; Giebel, Marion
Hrsg., Komm. und Nachw.: Giebel, Marion
1099 S.
ISBN: 978-3-15-018871-2
24, -. Euro

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Und alle anderen Livius-Ausgaben der Bände 21. bis 30 sowie Werke von Sueton, Sallust und Tacitus.

Für Freunde hochwertiger historischer Romane empfehle ich:


„Ich, Claudius, Kaiser und Gott“
von Robert von Ranke-Graves
List Verlag
Taschenbuch
352 Seiten
ISBN-13 9783548609133
Erschienen: 13.05.2009
€ 12,00 [D] € 12,40 [A]

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