Der Wandel von der Demokratie zur Ochlokratie

von Alexandra und Helene Walterskirchen:

Der Wandel von der Demokratie zur Ochlokratie

 

 

 

Antikes Rom: das Capitol

 

Mit diesem Artikel wollen wir der Frage nachgehen: „Leben wir noch in einer Demokratie oder befinden wir uns bereits im Wandel zur Ochlokratie?“

 

Die Staatsformen

Die Suche nach der idealen Staatsform hat die Menschen seit Jahrhunderten beschäftigt. Bereits Platon und Aristoteles philosophierten über den idealen Staat. Auch heute in der Zeit der allgemein gültigen Demokratie ist das Thema hochaktuell und wird in Universitäten und Staaten diskutiert. Um es vorweg zu sagen: die Demokratie galt bei den antiken Philosophen nicht als ideale Staatsform, vielmehr wurde eine gemischte Staatsform angestrebt, wobei deren Kern die Monarchie bildete.

Gemäß der griechischen/römischen Staatsphilosophie gibt es drei Staatsformen: die Monarchie (=die Herrschaft eines Einzigen), die Aristokratie (=die Herrschaft der Besten) und die Demokratie (=die Herrschaft des Volkes).

Jede dieser Staatsformen ist in sich unvollkommen und hat Mängel, die dazu führen können, dass sie entarten. So entsteht aus der Monarchie durch Willkür die Tyrannis (=Diktatur), aus der Aristokratie durch Klüngel-Wirtschaft die Plutokratie (=Herrschaft der Reichen/Geldadel) oder in abgewandelter Form die Oligarchie (=Herrschaft von Wenigen/Wirtschaftsmagnaten), aus der Demokratie durch Parteikämpfe die Ochlokratie (vom griechischen Wort ochlos = Pöbel) oder die Anarchie (=politisches Chaos bzw. Herrschaftslosigkeit) als entartete Form der Demokratie.

 

Die 3 Staatsformen:

  • Monarchie
  • Aristokratie
  • Demokratie

Ihre Entartungen:

  • Monarchie    >>>     Tyrannis
  • Aristokratie  >>>      Plutokratie/Oligarchie
  • Demokratie   >>>     Ochlokratie/Anarchie

 

Die drei Staatsformen und ihre negativen bzw. entarteten Gegenstücke bilden den Verfassungskreislauf (griech. anakyklosis), der sich zyklisch immer wiederholt, d.h. die nächste Staatsform muss durch den Verfallsprozess der Tugenden und die Dekadenz der Herrschenden zwangsläufig die vorhergegangene ablösen. Chaos, Unzufriedenheit und Machtkämpfe zeigen immer den Beginn einer neuen Phase des Verfassungskreislaufes an.

 

Der Verfassungskreislauf

Das Modell des Verfassungskreislaufs wurde vom griechischen Historiker Polybios (ca. 200-210 v. Chr.) erstmals schriftlich festgelegt und bildet zusammen mit dem Verfassungskreislauf von Cicero die Grundlage für die bis heute gültige Verfassungslehre.

Polybios beschreibt in seinem VI. Buch der Historien erstmals den Verfassungskreislauf und die Verfassung der römischen Republik, welche er als ideale Mischform aus allen drei Staatsformen betrachtet. Am Anfang der Menschheitsgeschichte, so Polybios, entwickelte sich in kleinen Menschengruppen die Herrschaft des Stärksten und Tapfersten, der das Volk vor Angriffen und wilden Tieren schützt und in inneren und äußeren Angelegenheiten führt (=Monarchie/Königtum).

Wenn die Monarchie im Laufe der nachfolgenden Dynastien entartet in eine Tyrannis wandelt, kommt es zum Sturz des Königtums und zur Entstehung einer Verschwörung gegen die Herrschenden. Diese geht in der Regel nicht von den einfachen Menschen aus, sondern von den edelsten, tugendhaftesten und mutigsten (=dem Adel). Diese Gruppe übernimmt dann die Herrschaft (=Aristokratie). Das Volk dankt ihnen, weil sie den Tyrannen gestürzt haben, macht sie zu ihren neuen Führern und legt ihr Schicksal in ihre Hände. Die Aristokraten nehmen den Auftrag gerne an und stellen anfangs den gemeinsamen Nutzen über alles andere. Sie behandeln alle privaten und öffentlichen Belange des Volkes gewissenhaft und wachsam. Im Laufe der nachfolgenden Generationen/Dynastien, kommt es jedoch zur Entartung und die einst Besten dienen nur noch ihrem eigenen Vorteil. Es entsteht die Plutokratie (=Herrschaft der Reichen/Geldadel) oder die Oligarchie (=Herrschaft der Wenigen/Wirtschaftsmagnaten),

Polybios beschreibt diesen Prozess der Entartung in VI. Historien 8,4-5:

„Als aber dann die Söhne von den Vätern diese Machtstellung übernahmen, kannten sie die Entartungen des Königtums nicht und hatten überhaupt keinen Begriff von der Gleichheit der Bürger und der Redefreiheit; sie waren von Anfang an in der Machtfülle und in der hohen Stellung ihrer Väter aufgezogen worden. Deswegen tendierten die einen zur Habsucht und zu unrechtmäßigem Geldgewinn, die anderen jedoch gaben sich dem Trunk und damit zugleich maßlosen Gelagen hin und wieder andere vergingen sich an Frauen und raubten Knaben. So verwandelten sie die Aristokratie in eine Oligarchie und bewirkten in kurzer Zeit bei der Menge wieder die gleiche Reaktion wie kurz zuvor die Tyrannis. Deshalb war auch ihr Ende dem unglücklichen Ende der Tyrannen gleich.“

Nach der Oligarchie fällt die Herrschaft an das Volk. Dieses wagt es nicht, einen neuen König an die Spitze des Staates zu stellen, weil es noch die Ungerechtigkeit der früheren Könige fürchtet, es hat aber auch nicht den Mut, das Schicksal des Staates in die Hände einer Gruppe von (Geld-)Adeligen zu legen, weil ihnen die frühere Ausbeutung durch die Oligarchen und den Geldadel noch gegenwärtig ist. Also übernehmen sie selbst die Fürsorge und Garantie für den Staat. Es entsteht die Demokratie. Deren Existenzdauer ist aber genauso begrenzt, da der Verfassungskreislauf einen Zyklus der Dekadenz hat, der sich immer wiederholt.

Anmerkung: In der Geschichte gibt es verschiedene historische Beispiele dazu, unter anderem die Französische Revolution oder die Novemberrevolution 1918/1919 und die Abschaffung der Monarchie und der Aristokratie in Deutschland.

 

Von der Demokratie zur Ochlokratie

Polybios stellt nun in 9,5-6 den schrittweise Verfall der Demokratie zur Ochlokratie bzw. Anarchie dar, der entsteht, wenn in der Demokratie verschiedene, divergierende Interessengruppen auftreten und zu viel an Freiheit und Gleichheit gefordert wird. Aus dem politischen Chaos kann dann wiederum nur eine starke Persönlichkeit als neuer Staatslenker hervorgehen. Handelt dieser zum allgemeinen Wohl, entsteht eine neue Monarchie, handelt er nur für seine eigenen Ego-Interessen, entsteht eine neue Tyrannis. Polybios schreibt dazu:

„…solange noch Menschen da sind, die die Gewaltherrschaft der Oligarchen ausgekostet haben, sind sie [das Volk] mit dem augenblicklichen Zustand zufrieden und schätzen Gleichheit und Redefreiheit am höchsten. Wenn aber eine neue Generation heranwächst und die Demokratie den Enkeln übergeben wird, schätzen sie die Errungenschaft der Gleichheit und Redefreiheit nicht mehr hoch, da sie ihnen zur Gewohnheit geworden ist, und versuchen, die Überlegenheit über die Menge zu gewinnen. Vor allem verfallen die Reichen darauf. Sobald sie sich intensiv mit dem Gedanken beschäftigen zu herrschen und sie die Herrschaft nicht durch eigene Kraft und Tüchtigkeit bekommen können, verschleudern sie ihr Vermögen und ködern und verführen die Menge auf jede Art und Weise.“ ….

 

 

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