Die Macht in den Händen der Menschen

 

 

Der Mensch ist eine Schöpfung Gottes und damit ein Geschöpf Gottes. Man nennt ihn auch „Kind Gottes“. Gott wird als „Vater“ bezeichnet. Dies macht die beiden ursprünglichen Positionen deutlich. Ein Kind ist noch unschuldig und naiv. Gottvater hingegen ist allmächtig und weise. Der Vater wacht über das Kind, behütet und beschützt es, damit es sich ungestört entwickeln kann. Das Kind fühlt sich wohl und sicher im Schutz des Vaters. Es würde nicht an der natürlichen Rollenverteilung zweifeln, sich dagegen auflehnen oder diese sogar ablehnen. Es fühlt sich weder bevormundet noch unterdrückt, sondern weiß um das Wohlwollen und die Liebe des Vaters, der ihm die notwendigen Freiheiten gibt, um sich entwickeln zu können. Kind und Vater bilden eine Symbiose. In diese Symbiose eingebunden ist, gemäß dem christlichen Glauben, auch Jesus Christus, der Sohn Gottes, und der Heilige Geist.

Ein Kind wächst heran, wird zum Jugendlichen, gerät in eine pubertäre Phase, in der es sich auch gelegentlich gegen seinen Vater auflehnt, und wird dann zum Erwachsenen. Leben bedeutet, sich auch von Gott zu entfernen, um sich selbst, ohne seine Hilfe, dem Leben zu stellen. Das Band, das zwischen Schöpfer und Geschöpf besteht, ist ein Leben lang vorhanden, sofern sich das Geschöpf nicht selbst davon trennt und diese Leitung zerstört. Diese sogenannte „göttliche Standleitung“ befähigt den Menschen, wenn Not am Mann ist, Gott anzurufen, ihn um Hilfe zu bitten und sich unter seinen Schutz zu begeben.

Auf dem Lebensweg begegnet man anderen Menschen, die einen in den Tugenden verhaftet, die anderen in den Todsünden. Den einen bedeutet Macht nichts, den anderen bedeutet sie alles. Sie gieren nach Macht, neiden anderen die Macht und würden für Machtzuwachs ihre Seele verkaufen. Sie haben sich die entsprechenden Machttaktiken angeeignet, spielen ihre Machtspielchen und wissen, wie man sich andere gefügig macht und Macht über sie gewinnt. Bei ihrem Streben entfernen sie sich immer mehr von Gott und zerstören die „Standleitung“ zu ihm.

Im schlimmsten Fall kommt es dazu, dass die „Machtlinge“ jede Macht, die über ihnen steht, zerstören wollen – auch die Macht Gottes und der göttlichen Trinität. Dazu arbeiten sie Strategien aus, wie das zu bewerkstelligen ist – die Menschen des Volkes werden dabei von ihnen instrumentalisiert. Das Ziel der „Machtlinge“ ist es, sich selbst in den Olymp der Macht zu erheben. Der savoyische Staatsmann Joseph de Maistre (1753-1821) schreibt in seinem Buch „Betrachtungen über Frankreich“ sehr treffend dazu in seinem Nachwort (S. 130): „Das Ziel der Revolution war die Selbstinthronisierung des Menschen, der, weil er annahm, keinen König und keine Autorität zu benötigen, annahm Gott nicht mehr zu benötigen und sich, als Mitglied der endlich befreiten Menschheit, im blasphemischen Kult des ‚Etre supreme‘, selbst anbetete.“

Jeder Mensch wird auf seinem Lebensweg mit dem Thema „Macht“ konfrontiert und von der Macht in Versuchung geführt. Er wird erkennen, dass Macht über andere zu haben, das Selbstbewusstsein und die Selbstwertigkeit enorm steigern kann, aber auch einen Machthunger entfachen kann, der zerstörerisch ist. Macht ist überall, im gesamten Leben, im Spiel: in der Beziehung mit dem Lebens- oder Ehepartner, in der Familie, in der Arbeit, in der Politik, in der Wirtschaft, in den Religionen usw. Um die Macht zu bekommen werden Psychospielchen betrieben, wird gelogen und betrogen, wird unterdrückt und manipuliert, wird auf die Tränendrüse gedrückt, wird auf unschuldig und harmlos gemacht, wird geschmeichelt und geheuchelt oder Druck und Gewalt angewendet.

Die einen sind eher Opfer, die anderen eher Täter. Aber fast jeder ist in dem großen Machtspiel auf seine Art und Weise beteiligt. Selbst diejenigen, die es mit den Menschen gut meinen, die eine gute Gesinnung haben, geraten, wenn sie selbst in eine Machtposition kommen, in den faszinierenden Sog der Macht – übertüncht sie doch das Gefühl der eigenen Ohnmacht.

Die Macht in den Händen des Menschen ist jedoch eine gefährliche Sache. Macht ist eine ungemein wuchtige, gewaltige, kraftvolle bis hin zu zerstörende Energie. Sie ist, so muss man es sehen, eine himmlische oder göttliche Kraft, die in die Hand Gottes und der göttlichen Trinität, aber nicht in die Hände von Menschen gehört. Sie ist für den Menschen viel zu gigantisch und imposant. Er kann den riesigen „Löwen der Macht“, der in den Händen Gottes ein zahmes Kätzchen ist, nicht bändigen und nicht beherrschen. Wenn er sich das anmaßt, mit seinen begrenzten menschlichen Fähigkeiten, wird ihn der Löwe früher oder später anfallen und umbringen.

Die Macht ist eine Eigenschaft, für die nur wenige, außergewöhnliche Menschen geschaffen sind und die nur von diesen beherrscht und gelenkt werden kann. Woran erkennt man solche besonderen „Machtwesen“ in Menschengestalt? Dass sie an Macht nicht interessiert sind. Sie sind ebenso nicht daran interessiert, sich machtmäßig zu emanzipieren oder zu profilieren. Sie haben ein natürliches Machtbewusstsein und eine natürliche Machtausstrahlung. Sie brauchen keine Machttaktiken, da ihnen die Macht im Blut liegt. Es ist vergleichbar mit der Emanzipation der Frauen in den 1960er Jahren: die einen müssen sich emanzipieren, um sich emanzipiert zu fühlen; die anderen sind von Natur aus emanzipiert und haben sich ihr ganzes Leben lang nie anders als emanzipiert gefühlt. Die Wurzel des Ganzen liegt in der Wertigkeit. Die einen fühlen sich minderwertig und heben durch die Emanzipation ihren Wert (Selbstwert) an; die anderen fühlen sich wertig und brauchen daher ihren Wert nicht anzuheben.

Betrachtet man solche natürlichen Machtmenschen, so fällt auf, dass sie in der Regel eine starke Gottes- und Naturverbindung sowie einen starken Glauben haben, die ihnen eine Art von natürlicher Bescheidenheit und Demut verleiht auch im Ausdruck ihrer Macht. Sie sind beileibe nicht frömmelnd, sondern eingebunden in eine natürliche Symbiose mit Gott und der göttlichen Trinität. Sie wissen, dass die wahre Macht bei Gott liegt und nicht bei ihnen. Aber diese Symbiose mit Gott verleiht ihnen ein natürliches Machtbewusstsein, an dem sie teilhaben dürfen und das sie nie für eigene Zwecke missbrauchen würden. Ihr Teilhaben an der göttlichen Machtstruktur ist das, was ihnen andere neiden und was jene glauben, durch menschliches Machtstreben ihnen gleichtun zu können. Sie verwechseln „menschliche Macht“ mit wahrer göttlicher Macht.

Doch die menschliche Macht ist eine sehr unvollkommene Macht, die sich ständig beweisen muss, die ständig um ihr Bestehen kämpfen muss und die andere Menschen unterdrücken und beherrschen muss, um sich ihre Größe, die nicht viel mehr als ein Sandkorn ist, immer wieder zu beweisen. Die menschliche Machtgier ist unersättlich, da die Gier des Egoismus etwas ist, das niemals befriedigt werden kann. Der Machtgierige hat immer Machthunger. Diesen kann er niemals stillen, allenfalls kurzfristig befriedigen. Aber bereits nach kurzer Zeit kommen der Machthunger und das innere Ohnmachtsgefühl wieder. Dem natürlichen Machtmenschen hingegen, der in einer Symbiose mit Gott lebt, sind Machtgier und Machthunger fremd. Er hat ja die Macht in sich, fühlt sie beständig, ist dauerhaft von ihr erfüllt. Sie sprudelt aus ihm heraus, wann immer es die Situation erfordert.

Helene Walterskirchen September 2020