Dokumentarfilm: Ghostland – Reise ins Land der Geister

von Helene Walterskirchen

„Ghostland – Reise ins Land der Geister“
Dokumentarfilm von Simon Stadler, Catenia Lermer und Sven Mehling

 

 

 

Der Dokumentarfilm „Ghostland“ nimmt den „modernen Menschen“ mit auf eine Reise nach Afrika zu einem namibischen Volksstamm, der noch weitgehend ursprünglich und abgeschieden lebt: die Ju/Hoansi. Ihr Leben bewegt sich in einem sehr kleinen, stammes- und familienbezogenen Rahmen. Jeder kennt jeden, alle fühlen sich miteinander verbunden und zusammengehörig und sind im Wir-Denken. Sie leben sehr bescheiden, haben keinen Besitz und vermissen nichts. Sie sind wie Kinder, unbeschwert, naiv und lachen gerne. Ihr Problem: sie dürfen laut Anordnung der Regierung nicht mehr jagen, weshalb ihnen ein wichtiger Teil ihrer Ernährung und Selbstversorgung fehlt. Tänzerische Darbietungen vor Touristen und Verkauf von selbstgemachtem Schmuck sind ihre einzige Möglichkeit an Geld zu kommen und sich Essen zu kaufen. Sie befinden sich mitten in einem kulturellen Wandel – zwischen gewachsenen Traditionen und neuen Strömungen, denen sie sich nicht entziehen können und für die sie keine wirkliche Lösung haben. Aufgrund ihres abgeschiedenen Lebens kennen sie weder ihr Land Namibia noch andere Länder, beispielsweise in Europa. Sie wissen nichts über die sogenannte „moderne Welt“.

Dies ändert sich, als sie Werner, ein Weißen kennen lernen, der für eine Hilfsorganisation in Namibia arbeitet. Er zeigt ihnen die „moderne“ Welt, zuerst in Form einer Busreise durch ihr eigenes Land Namibia, danach dann nimmt er vier von ihrem Stamm mit auf eine Reise nach Deutschland. Die Reise ins Land der Geister – so bezeichnen die Ju/Hoansi die Weißen, die so weiß sind wie die Geister – wird zu einem unvergesslichen Erlebnis, da es sie mit einer Lebenskultur konfrontiert, die ihnen so fremd ist, wie es fremder nicht sein könnte.

Im Teil „Deutschland“ des Films „Ghostland“ kann der Zuschauer aus Deutschland – oder jedes modernen europäischen Landes, denn die Handlung spielt auch teilweise in Italien und Dänemark  – etwas erleben, das man „den Spiegel vorhalten“ nennt. Aus der Perspektive der vier Ju/Hoansi-Bewohner sieht und erlebt man die sogenannte „moderne“ europäische Lebenskultur, deren Hektik und Lärm auf sie befremdlich wirkt. Völlig unverständlich ist für sie die Anonymität, in der die Menschen leben und die sie grußlos aneinander vorbeigehen lässt. Auch finden sie den Egoismus der Menschen unsinnig, der sie permanent dazu antreibt, sich ihre Wünsche zu erfüllen, um schon wieder die nächsten Wünsche zu haben. Die Ju/Hoansi, die kein Arbeitsleben wie es im Kapitalismus üblich ist kennen, finden es unbegreiflich, dass Menschen täglich in die Arbeit gehen, um das Geld anschließend für Dinge auszugeben, die sie eigentlich nicht wirklich brauchen. Ihre wichtigste Erkenntnis aus verschiedenen Shopping-Touren durch riesige Einkaufszentren ist: „Ohne Geld geht in dieser Zivilisation gar nichts.“ Die vier Afrikaner sehnen sich schon bald nach Namibia und ihren Stamm zurück. Die Idee, im „gelobten“ Deutschland einen Asylantrag zu stellen, lehnen sie strikt ab. In einem solchen Land, das zwar reich, aber in ihren Augen auch völlig verrückt ist, wollen sie nicht leben. Sie verlassen Deutschland erleichtert und kehren freudig in ihre Heimat und zu ihrem Volk zurück. Der Aufenthalt im „Ghostland“ war dennoch lehrreich für sie, denn dadurch haben sie begriffen, wohin sie gehören, was ihnen wichtig ist und wie sie keinesfalls leben wollen.

Der Zuschauer darf erleben, wie glücklich die Heimkehrer sind, als sie wieder bei den Menschen ihres Stammes sind, eingebunden in ihre Gemeinschaft, die ihnen ein Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit gibt, wo jeder für jeden da ist und keiner auf die Idee eines Ego-Trips käme.

Das Regie-Trio Simon Stadler, Catenia Lermer und Sven Mehling hat einen Dokumentarfilm kreiert, der uns allen das Wesentliche bewusst macht und uns das Unwesentliche vor Augen führt. Unser Lebensstil mag verlockend und fähig sein, uns viele materielle Wünsche zu erfüllen, jedoch hat er seinen Preis: als Egoisten gehen wir durch unser Leben wie einsame Wölfe, denn auch die anderen sind Egoisten. Egoisten mögen Follower haben, aber sie haben keine wirkliche Gemeinschaft, in die sie eingebunden sind und in der sie eingebunden sein möchten, eine Gemeinschaft, die ihnen Geborgenheit und Sicherheit gibt, eine Gemeinschaft, die sich für sie einsetzt und jederzeit für sie da ist. Doch dazu braucht es ein „Wir-Denken“ und ein „Wir-Lebensgefühl“. Am Ende des Films kann sich der Zuschauer fragen, wer hier eigentlich der „Arme“ ist: Die armen Afrikaner oder wir Arme in der sogenannten „modernen“ Welt.

 

  • Regisseur(e): Simon Stadler;Catenia Lermer;Sven Methling
  • Format: Digital Sound, Dolby, PAL
  • Sprache: Englisch (Dolby Stereo)
  • Untertitel: Deutsch, Englisch, Französisch, Spanisch
  • Region: Alle Regionen
  • Bildseitenformat: 16:9 – 1.77:1
  • Anzahl Disks: 1
  • FSK: Freigegeben ohne Altersbeschränkung
  • Studio: Lighthouse Home Entertainment
  • Erscheinungstermin: Juni 2018
  • Produktionsjahr: 2016
  • Spieldauer: 84 Minuten
  • ASIN: B07C5NSRWH
  • € 15,99