Dr. Thomas Goppel: Gefährlicher Kurs für Familien und Bildung

von Helene Walterskirchen:

Dr. Thomas Goppel: Gefährlicher Kurs für Familien und Bildung

 

 

 

 

Als 1968 die weltbekannte Pop-Gruppe „The Beatles“ ihren Song „Let it be“ auf den Markt brachten, war Thomas Goppel gerade mal 21 Jahre alt und ein junger Student. Mit „Wisdom“ bzw. „Weisheit“ hatte er damals nicht viel am Hut, denn er entdeckte gerade das Leben und war das, was man „grün hinter den Ohren“ nennt. Aber den Song „Let it be“ hat er mitbekommen und vielleicht sogar so manches Mal mitgesungen:

„When I find myself in times of trouble, Mother Mary comes to me
Speaking words of wisdom, let it be …“

Heute, 50 Jahre später, hat Thomas Goppel nicht nur viele Erfahrungen aus seinem reichhaltigen Leben, unter anderem als Lehrer in den 1970er Jahren und danach als Politiker und Minister im Bayerischen Staatskabinett geerntet, sondern ist er auch das geworden, was man „weise“ nennt. Er ist keiner von der Sorte, die „leise weise“ sind, sondern vielmehr einer, der sich nicht scheut, klipp und klar und durchaus auch mal laut zu sagen, was in unserem Gesellschaftssystem faul ist. Oder sagen wir es einmal in gepflegterer Sprechweise: Was ihm große Sorgen bereitet angesichts eines Kurses, der früher oder später erheblichen Schaden in den Bereichen „Familie“ und „Bildung“ anrichten wird. Beide Bereiche sind ihm, der heute Vorsitzender der CSU-Senioren-Union ist, bestens vertraut.

Als ich ihn kurz vor dem Weihnachtsfest 2019 in seinem Haus in Eresing, nahe Landsberg am Lech, treffe, geschieht dies aus dem Motiv heraus, ihm, dem „Weisen“, Gelegenheit zu geben,  zu den aktuellen Entwicklungen in seinen beiden Spezialgebieten Stellung zu nehmen und so sein Porträt, das im „Kultur-Magazin Schloss Rudolfshausen“, Edition II/2019 erschienen ist, fortzuführen mit kritischen Gedanken zur heutigen Familien- und Bildungspolitik. In einer Atmosphäre der Behaglichkeit, versorgt von der Hausherrin, Claudia Goppel, mit dampfendem Kaffee, nehmen wir den roten Faden für das Gespräch auf und beginnen dort, wo für jedermann die Wurzeln liegen: in der Familie.

Familie

Thomas Goppel bezeichnet sich als einen, der ein Riesenglück gehabt hat, denn er wuchs in einer intakten, nein, besser wie er meint, funktionstüchtigen Familie heran: die patente Mutter war Vollzeitmutter mit Leib und Seele und führte in der Familie das Amt der „Innenministerin“. Der politisch engagierte Vater war der „Familienaußenminster“. Beide Elternteile hielten ihre Familie mit den fünf Buben zusammen, waren ihnen Leitbild und Vorbild, förderten deren Entwicklung, zeigten ihnen aber auch die Grenzen auf, alles in einer wohldosierten Menge zwischen Strenge und Herz. Dafür ist Thomas Goppel, wie er sagt, seinen Eltern unendlich dankbar.

Wie hat sich doch alles in den vergangenen Jahrzehnten verändert – nicht unbedingt zum Wohl der Kinder. Das wichtigste Gut, ein aufmerksames, funktionstüchtiges, warmes und förderndes Elternhaus ist heute in seinen Augen vielfach ein Auslaufmodell. „Heutzutage“, so Thomas Goppel, „kommen viele Kinder auf die Welt, weil die Eltern etwas zum Ausgleich brauchen, nicht, weil sie sich der Aufgabe verschreiben, der nächsten Generation die eigenen Erfahrungen mitzugeben mit dem Ziel, daraus etwas Neues zu stricken. In unserer Zeit arbeitet jeder nur daran, die eigene Position zu stärken und zu behaupten. Dabei ist das Entdecken vielfach in den Hintergrund getreten. Vielleicht deswegen, da unsere Gesellschaft angesichts der vielen Entdeckungen glaubt, man könne das getrost anderen überlassen.“ ….

 

Die Eltern von Thomas Goppel: Gertrud und Alfons Goppel

 

… In der Familie geht es um eine formende Umgangsweise und hier spielen die Eltern als Erziehungsberechtigte eine zentrale Rolle. Thomas Goppel: „Ich habe ganz große Sorge, dass man die Beschäftigung mit Kindern heute eher missverstehen kann und die Gefahr besteht, dass die Eltern ihre Kinder so lange an andere abgeben bis feststeht, dass sie eine Form angenommen haben, die ihnen vielleicht nicht gefällt. Sie haben sich dabei um die erforderliche Erziehungsarbeit gedrückt und das Ganze als eine Mitgliedschaft im Streichelzoo missverstanden.“

Eine Entwicklung neuerer Art in unserer Gesellschaft treibt Thomas Goppel Sorgenfalten auf die Stirn: „Jetzt kommt neu dazu, dass Kinder ab dem 10. Lebensjahr von frühmorgens bis um 17.00 Uhr in die Hand des Staates gegeben werden müssen – egal ob die Eltern oder ein Elternteil zu Hause ist oder nicht. Nur zum Fernsehen oder Schlafen dürfen sie noch heim. Bekanntlich ist aber die Formzeit eines Kindes die Tagesszeit, also die Zeit tagsüber. Dies hat zur Folge, dass die Kinder zur Formzeit nicht zu Hause bei den Eltern oder einem Elternteil ist. Da haben es ja Hunde oft besser als Kinder!  …

Schule

… Ein großes Problem besteht heute nicht nur in den falsch geformten Kindern, die nur noch auf sich bezogen und nicht mehr fähig sind, gemeinsam mit anderen zu operieren, und wenn, dann nur so, wie sie es wollen, sondern auch in deren Eltern. Thomas Goppel: „Die meisten Eltern heutzutage haben den Anspruch, dass ihre Kinder einmal Nobelpreisträger werden müssen. Keinesfalls soll ihr Kind später einen „Blaumantel“ tragen, sondern natürlich nur einen Nadelstreifenanzug.“

Gab es früher an Gymnasien noch das System, dass nur die Besten von der Grundschule aufs Gymnasium gehen konnten, also diejenigen, die Einsen und Zweien hatten, so können heute auch alle anderen, selbst diejenigen, die Vieren und Fünfen haben, aufs Gymnasium gehen. Thomas Goppel: „Wenn die Eltern sagen: ‚Mein Kind geht aufs Gymnasium!‘, dann können die Lehrer nichts dagegen machen und müssen auch solche Schüler aufnehmen.“ …

… Durch diesen Trend ist es dazu gekommen, dass Gymnasien heute nicht mehr dieselbe Qualität haben wie dies noch vor 50 oder 60 Jahren der Fall war und zu Massenbildungseinrichtungen verkommen sind, in denen einen Teil der Kinder unter ihrem Niveau in die Schule gezwungen wird. Thomas Goppel sieht für die Zukunft große Probleme auf die Gesellschaft zukommen:

„Die Zahl derer, die heute ins Gymnasium gehen, hat sich verdreifacht. Und nun komme ich auf eine Schlussfolgerung, über die heute nur wenige Menschen reden: Nach Aussagen von Fachleuten braucht unsere Gesellschaft 25 % an Nachwuchsakademikern. Ausgebildet jedoch werden im Moment über 50 %. Das heißt, wir bilden eine neue Form der Arbeitslosigkeit aus, also von jungen Leuten, die demnächst keine Stelle mehr finden.“ …

 

Sind Sie an diesem Artikel interessiert? Dann können Sie in unserer Print-Edition „Kultur-Magazin Schloss Rudolfshausen“ I/2020 weiterlesen.

 

 

© Copyright des Artikels und der Fotos liegt bei Helene Walterskirchen www.helene-walterskirchen.de