Frieden mit Stärke und Schwäche

Friedenskolumne mit Helene Walterskirchen
Frieden mit Stärke und Schwäche

 

Es gibt viele Menschen, die Stärke bewundern und Schwäche verachten. Das kann die eigene Stärke und Schwäche betreffen, wie die von anderen Menschen.

Es kann sein, dass ein Mensch von Natur aus so gelagert ist, dass er alles, was mit Stärke zu tun hat, bewundert, anerkennt und liebt, alles jedoch, was mit Schwäche zu tun hat, verachtet, ablehnt und nicht liebt bzw. sogar hasst. Dann geht dieser Mensch mit einer „Stärke-Wertung“ durchs Leben, mit der er alles, was ihm begegnet, danach bewertet: Ist das oder der/die stark oder schwach? Allem, was stark ist, steht er bewundernd gegenüber, denn es entspricht seinem „Stärke-Weltbild“. Allem jedoch, was schwach ist, gilt seine Verachtung und wird von ihm abgelehnt.

Das „Stärke-Weltbild“ kann sich auf sich selbst beziehen, d.h. man liebt sich nur dann, wenn man stark ist. Ist man hingegen schwach, verachtet man sich selbst und liebt sich nicht. Da man sich jedoch gerne selbst lieben möchte, wird man alles daran setzen, sich selbst in einem Zustand der Stärke zu erleben. Damit verbunden ist ein oft gnadenloses Unterdrücken der eigenen Schwächen, wobei die Selbst-Beurteilung, was Stärke und was Schwäche ist, individuellen Maßstäben folgt, die von anderen nicht selten anders gesehen werden. Um dem eigenen Maßstab der Stärke zu folgen, setzt man sich nicht selten selbst unter Druck, ist man enorm selbstkritisch, selbstbewertend und selbstabwertend. Das kann sich bis zum Selbsthass steigern oder sogar zum Hass auf das Leben. Auch mit Gott gerät man oft ins Hadern, weil man sich von diesem verlassen oder bestraft fühlt.

Das „Stärke-Weltbild“ kann sich jedoch auch auf andere beziehen, d.h. man nimmt diese nur dann für vollwertig, wenn sie stark, gesund und leistungsfähig sind. Sind sie hingegen schwach, krank oder hinfällig, begegnet man ihnen mit einer abwertenden und verachtenden Einstellung. Dies kann so weit gehen, dass man unfähig ist, einen solchen Menschen zu lieben und wertzuschätzen. Eine solche Einstellung findet man oft im Bereich „Altenbetreuung“, wo den alten, schwachen und hinfälligen Menschen eine menschenwürdige Behandlung verweigert wird, sie nicht mehr bei ihrem Namen genannt werden, sondern pauschaliert als „Oma“ und „Opa“ bezeichnet werden, und mit ihnen gesprochen wird, als seien sie unmündige Kleinkinder, die man nicht mehr für voll nehmen kann.

In unserer Leistungsgesellschaft orientiert sich alles an den Stärken, die wir selbst oder andere haben. Sich durchsetzen können, sich behaupten können, körperlich fit sein, allem gewachsen sein, drei Dinge auf einmal machen können, mehr wissen als andere, mehr Kraft zu haben als andere usw. Unsere Schwächen dagegen fürchten wir oder besser, wir ignorieren und unterdrücken sie. Sie dürfen nicht sein, wir dürfen nicht nachgiebig sein, wird dürfen keine Unsicherheiten zeigen, wir dürfen nicht sensibel sein, wir dürfen körperlich nicht schwach oder krank und hinfällig sein usw.

Wir müssen eines erkennen: Stärke und Schwäche sind zwei Polaritäten. Sie sind wie eine Wippe, an deren Ende jeweils ein Zustand ist – auf der einen Seite die Stärke, auf der anderen die Schwäche. Wer eine starke Neigung zur Stärke hat, ist damit polar und nicht neutral. Er sieht alles durch die Brille der Stärke. Diese Sichtweise favorisiert das eine und lehnt das andere, die Schwäche, ab. Unsere Aufgabe im Leben ist es, diese polare Sichtweise aufzugeben und in Ausgeglichenheit und Frieden mit Stärke und Schwäche – unseren eigenen sowie denen von anderen – zu gelangen. Ob etwas wirklich eine „Stärke“ ist, beurteilen wir mit unserer eigenen Sicht der Dinge. Andere sehen es vielleicht nicht als Stärke, sondern als Härte oder Starrsinn oder auch als Selbstüberschätzung.

Dabei vergessen wir eines: Wenn wir uns und andere ständig nur als stark sehen und die Schwäche verleugnen und unterdrücken, wird die Schwäche irgendwann aus ihrem Untergrund, in dem sie eingesperrt ist, an die Oberfläche kommen. Das ist das Gesetz der Natur, dass alles, was wir unterdrücken, eines Tages nach oben kommt und damit auch die unterdrückten Kräfte, die wie ein Gewitter in unserem Leben toben können, z.B. in Form von Unglücksfällen oder schweren Krankheiten, in denen wir gnadenlos mit unseren Schwächen konfrontiert werden. Wir können dann entweder darunter leiden, uns beim Schicksal (Gott) beklagen oder wir können uns auf den schweren Weg machen, unsere Schwächen anzuschauen und anzunehmen wie ein Kind, das wir vor langer Zeit ausgesetzt haben.

Jeder Mensch hat Stärken und Schwächen in sich. Niemand ist nur stark. Wenn dem so scheint, ist es nur eine aufgesetzte Fassade, eine Rolle, eine Maske. Ebenso ist niemand nur schwach, sondern hat auch Stärken. Wenn wir also uns selbst oder einen Menschen als „Schwächling“ bezeichnen bzw. abstempeln, so begehen wir ein großes Unrecht. Wenn wir uns oder jemanden als „starken Held“ glorifizieren, ist das ebenfalls ein Unrecht. Wenn wir von unserer Rolles des „starken Helden“ nicht ablassen, wird dieses Egostärke-Monument, das wir sind, irgendwann durch äußere Ereignisse vom Sockel gestürzt. Was dann im Scherbenhaufen zutage tritt, sind die verborgenen Schwächen, die wie Schatten aus unserem Inneren aufsteigen und sich befreien, damit wir sie erlösen können, d.h. uns mit ihnen versöhnen und sie annehmen. Dieser Prozess, der einem Burnout ähnelt, kann sehr schmerzhaft sein, im Körperlichen wie im Seelischen. Sehr oft spielt der Faktor „Alter“ dabei eine wichtige Rolle.

Erst wenn wir dahin gelangen, uns zur Gänze, in allem, als Wesen der Stärke und Schwäche anzuerkennen und anzunehmen, entwickeln wir das, was man Gelassenheit und Neutralität nennt. Stärke und Schwäche lösen sich dann auf und machen Platz für unser wirkliches Wesen, das sich weder beweisen muss durch Handlungen der Stärke noch sich minderwertig fühlen muss durch Handlungen der Schwäche. Wir dürfen uns endlich so wertschätzen und lieben wie wir sind. Wir dürfen endlich tun, was uns Freude macht, anstatt das zu tun, was unser Ansehen und unsere Stellung in der Gesellschaft steigert.

 

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