Handgemachte Kleidung braucht Handspinnerinnen wie Petra Urbanek

von Helene Walterskirchen

Petra Urbanek mit ihrem Spinnrad

 

Die modernen Menschen heute sind es gewohnt, in Endprodukten zu denken: da ist ein Pullover, da ist eine Tasche, da ist ein Tuch usw. Dass dahinter Prozesse stehen, bis das fertige Produkt vor ihnen liegt, ist in der Regel nicht in ihrem Fokus. Die meisten haben weder ein Fertigungsbewusstsein noch ein Qualitätsbewusstsein. Viele sehen nur das Produkt und seine Optik, die ihnen gefallen muss. Ob das Produkt aus billigem Plastik oder aus hochwertigem und natürlichem Rohmaterial besteht, ist dabei unwichtig. Der Mensch von heute ist ein Konsument, der sich durch leuchtende Farben, attraktive Designs und Glitzereffekte blenden lässt. Er ist unfähig, das traditionell Gewachsene, das mit einer Sache verbunden ist, zu sehen, zu verstehen oder gar zu schätzen.

Die Folge dieses „Endproduktdenkens“ ist, dass die meisten Menschen keinen Bezug zu den Produkten haben, die sie kaufen. Indem wir die Entstehungsschritte und die Menschen, die daran beteiligt sind, nicht sehen und nicht kennen, fehlt uns die innere Berührung mit dem Produkt. Wenn man beispielsweise weiß, dass die eigene Mutter den Pullover gestrickt hat, den man trägt, sieht man die Liebe, Hingabe, Kreativität und Energie der Mutter im Pullover. Dies erzeugt ein Gefühl der Wertschätzung, gerade so als sei die Seele der Mutter darin enthalten.

Ebenso ist es, wenn man die Rohwolle von einem Schaf oder einem Alpaka in Händen hält, das man kennt. Dann ist es ein Stück dieses lieben Tieres, das wir vielleicht gestreichelt haben, und das uns jetzt seine Wolle schenkt. Und so geht es weiter im Prozess: Die Handspinnerin/der Handspinner, die/der die Rohwolle verspinnt, die Pflanzenfärberin/der Pflanzenfärber, der die versponnene Wolle färbt, die Handstrickerin, die aus der Wolle einen Pullover, einen Schal oder eine Jacke strickt. Auch wenn man die einzelnen Menschen nicht persönlich kennt, so weiß man doch: sie alle haben dazu beigetragen, dass dieses Kleidungsstück entstehen konnte. Sie haben über Wochen daran gearbeitet – zumeist mit ihren bloßen Händen, ihrer Fertigkeit, ihrer Geschicklichkeit, ihrer Kreativität, ihrer Energie und ihrer Seele.

Wie anders dagegen ist es, wenn man ein Kleidungsstück in Händen hat, das in Industrieanlagen von Maschinen oder von Menschen im Akkord entstanden ist. Auch wenn es vielleicht ansprechend aussehen, mag, so ist es dennoch ohne Freude, ohne Hingabe, ohne Energie und ohne Seele entstanden. Das eine ist voller Lebensenergie, das andere ist wie tot.

Wenn man vom reinen „Endproduktdenken“ wieder zu einem ganzheitlichen Denken zurückkehrt, erlebt man eine Wiederverbindung mit der früheren Herstellung von Erzeugnissen, wie sie unsere Vorfahren praktiziert haben und wie es heute noch in Märchen und alten Geschichtsbüchern zu lesen ist. Damals ging man nicht „easy“ ins nächste Geschäft und kaufte sich in wenigen Minuten ein Produkt, das man brauchte, sondern man plante das Erzeugnis und die einzelnen Schritte: man ging zur Schäferei, um zu fragen, wann wieder geschoren wird, man ging zur Spinnerin, um zu fragen, wann sie die Rohwolle verspinnen kann und wie lange es dauert, man ging zum Pflanzenfärber usw. Bis das Erzeugnis fertig war und man es tragen konnte, vergingen oft Monate.

Wenn sich im Menschen einmal ein „ganzheitliches Erzeugnisdenken“ etabliert hat, wird er fast immer dieses Denken dem früheren „Endproduktdenken“ vorziehen. Es ist ein anderes, ein archaisches, ein entschleunigtes, ein zeitloses, ein geschichtsträchtiges Denken und Bewusstsein, das den Menschen zu sich selbst und seinen Wurzeln zurückführt.

In unserem „Kultur-Magazin Schloss Rudolfshausen“, Ausgabe I/2018, gibt es einen Sonderteil „Bekleidungs- und Mode-Kultur“, in dem wir die Leser vom „Endproduktdenken“ hin zum „ganzheitlichen Erzeugnisdenken“ führen, von Massenkleidung hin zu Kleidung als individueller Selbstausdruck, von Billigkleidung hin zu Qualitätskleidung, von giftstoffbelasteter Kleidung hin zu ökologischer Kleidung. Im Artikel „Kaschmir so wertvoll wie Gold“ beschreiben wir, wie wichtig ein Spinner bzw. eine Spinnerin im Entstehungsprozess eines handgefertigten Kleidungsstücks ist. Wir stellen dar, wie schwierig es für uns war, bis wir eine Spinnerin fanden, die bereit war, dieses feine und wertvolle Garn zu verspinnen. Wir fanden sie in Petra Urbanek, einer erfahrenen Handspinnerin, die in der Website www.handspinngilde.org, einem Verein, der die Kunst und das Handwerk des Handspinnens fördert und ein Verzeichnis von Spinngruppen in ganz Deutschland und teilweise Europaweit hat, gelistet ist. Petra Urbanek wohnt am Ammersee und leitet den „Ammersee-Spinn-Treff“.

Leider gibt es heute nur noch wenige Handspinner bzw. –Spinnerinnen, die ihr Handwerk vollberuflich ausüben und davon leben können. Die meisten führen nur noch Kleinaufträge aus oder arbeiten hobbymäßig. Wenn Wolle handversponnen wird, so hat das seinen Preis, da es sehr zeitintensiv ist. Heute wird fast ausschließlich schnell und preiswert in industriellen Großspinnereien gesponnen, die für große Textilunternehmen arbeiten, jedoch keine Kleinaufträge annehmen. So ist der Einzelne, der eine Kleinmenge versponnen haben möchte, auf Handspinnerinnen wie Petra Urbanek angewiesen.

Und doch gibt es immer mehr Frauen, die die Kunst des Handspinnens wieder erlernen und praktizieren wollen. Sie schätzen es, dass man beim Handspinnen nach einem hektischen Tag wunderbar entspannen und abschalten kann. Handspinnerinnen sind heute gute Feen, die eine alte Handwerkstradition aufrechterhalten und weiterführen. Petra Urbanek ist Handspinnerin und Hüterin der Handspinnkunst mit Leib und Seele. Es bereitet ihr Freude, ihre Kunst mit anderen zu teilen und an sie weiterzugeben. Auch wenn der Charakter des Handspinn-Gewerbes zurückgetreten ist, im privaten Sektor blüht die Handspinnkunst weiter und es sind Frauen wie Petra Urbanek, die dafür sorgen dafür, dass die Blüte auch immer weiter blüht und der Ausspruch von Mahatma Gandhi (1869-1948) zum Thema „Spinnen“ lebendig bleibt:

„Nimm Zuflucht zum Spinnen, damit sich der Geist beruhigt. Die Musik des Rades ist Balsam für unsere Seele. Ich glaube, das Garn das wir spinnen, ist in der Lage, die Risse im Gewebe unseres Lebens zu flicken. Das Spinnrad ist ein Symbol der Gewaltlosigkeit, auf der alles Leben – wenn es denn ein richtiges Leben sein soll – beruhen muss.“

 

Wenn Sie mit Petra Urbanek in Kontakt treten wollen, so finden Sie nachfolgend ihre Adresse und Telefonnummer:

 

Ammersee-Spinn-Treff
Petra Urbanek

Kirchbergäcker 17
D-86923 Finning
Tel. 08806/1697

Diese Produktempfehlung basiert auf unseren eigenen Erfahrungen, die wir mit dem Produkt gemacht haben. Wir übernehmen keine Garantie und Haftung, wenn Sie das Produkt aufgrund unserer Empfehlung verwenden, jedoch nicht dieselben positiven Erfahrungen machen wie wir. Die Nutzung des Produktes aufgrund unserer Empfehlung geschieht auf Ihr eigenes Risiko und Ihre eigene Gefahr.