Johannes Follmer und die Homburger Papiermanufaktur

von Helene Walterskirchen

Johannes Follmer und die Autorin vor dem historischen Mühlrad der Papiermühle

 

Was wären wir ohne unsere Traditionen, die aus den Wurzeln unserer Vorfahren resultieren! So gehört es beispielsweise zu meinen Traditionen, meine „Special Post“, d.h. besondere Briefe, auf handgefertigtem Büttenpapier zu schreiben – natürlich mit der Hand und Füller. Ich habe die Einstellung, dass ein Brief an einen lieben Freund oder eine liebe Freundin, in dem ich ihm oder ihr etwas Wichtiges zu sagen habe, auch eine Wertigkeit ausdrücken soll nach dem Motto: „Du bist mir etwas wert, unsere Verbindung ist mir etwas wert und so soll auch dieser Brief ein Zeichen der Wertigkeit sein“. Das handgeschröpfte Büttenpapier, auf dem ich schreibe, fertigt seit Jahren Johannes Follmer in seiner Papiermanufaktur, die Teil des Museums Papiermühle in Homburg ist. Seine Liebe zum hochwertigen handgeschröpften Papier, sein Festhalten an der alten Tradition seiner Vorfahren, hat mich dazu veranlasst, einen Beitrag über ihn und seine Papiermanufaktur in diesem Kultur-Magazin Schloss Rudolfshausen, Ausgabe II/2016, zu bringen.

Papier war einst ein Luxusartikel, der manuell hergestellt wurde – heute ist es Massenware, die industriell hergestellt wird. Früher ging man sehr achtsam mit jedem Bogen Papier um, heute zerreißt man ihn bedenkenlos, wenn man auch nur ein Wort falsch geschrieben hat. Weg damit in den Papierabfall oder manchmal sogar in den Müll! Wenn ich heute einen Brief auf dem einzelangefertigten Büttenpapier von Johannes Follmer schreibe, konzentriere ich mich ganz besonders, um mich nicht zu verschreiben, denn den hochwertigen Bogen einfach so zu zerreißen, käme mir nie in den Sinn.

Johannes Follmer stammt aus einer alten Papiermacherfamilie. Im Jahre 1853 übernahm ein Urahn von ihm, der Pfälzer Papiermacher Johann Follmer, die am Bischbach gelegene Papiermühle Homburg. Bis zum Jahr 1975 blieb die Papiermanufaktur im Familienbesitz und produzierte Schreib- und Spezialpapiere, darunter auch Büttenpapier, Aktendeckel und Packpapiere. Danach war der Betrieb nicht mehr konkurrenzfähig auf dem sich immer mehr industrialisierenden Papiermarkt, insbesondere aufgrund der veralteten Maschinen. Als der Vater von Johannes Follmer 1975 den Betrieb zusperrte, war Johannes gerade einmal vier Jahre alt.

Die Familie Follmer, die bis dahin auch in der Papiermühle gewohnt hatte, zog aus dem maroden Gebäude, in dem es nicht einmal eine Zentralheizung gab, aus und baute sich nebenan ein neues Wohnhaus, in dem Johannes Follmer heute mit seinen Eltern, seiner Frau und den beiden kleinen Söhnen wohnt. Die ehemalige Papiermühle fiel in einen Dornröschenschlaf, aus der sie durch den zuständigen Bezirksheimatpfleger wieder erweckt wurde. Er setzte sich dafür ein, dass das Gebäude unter Denkmalschutz gestellt wurde und es so möglich würde, das historische Gebäude mit staatlicher Hilfe zu sanieren und für die nachfolgenden Generationen zu erhalten – als MUSEUM PAPIERMÜHLE HOMBURG.

Seitdem ist Johannes Follmer nicht nur Handpapiermacher, sondern auch Museumsleiter, der dafür sorgt, dass Leben im Museum ist und der Erhalt als Museum gewährleistet ist. Seit knapp zwei Jahrzehnten ist die ehemalige Papiermühle nun Anschauungsobjekt für die alte Zunft der Papier-Manufaktur. Johannes Follmer: „Als Nachfahre einer Papiermacher-Familie zeige ich den Besuchern gerne, wie meine Vorfahren im 19. und 20. Jahrhundert Papier und Pappe hergestellt haben und welche Maschinen sie dabei verwendet haben. Wir haben jährlich ca. 6.000 Besucher aus aller Welt, die in unser Museum kommen und das ist, für ein relativ abgelegenes Museum in einem kleinen Dorf, eine stattliche Besucherzahl – verglichen mit anderen Museen dieser Größenordnung.“

Johannes Follmer hat viel zu tun mit Führungen, Büroarbeit, Anfragen bearbeiten, Sonderveranstaltungen organisieren, Vermietung des Veranstaltungsraumes in der ehemaligen Papierscheune, die Teil des Museums ist. Dennoch bleibt ihm immer noch Zeit, sich in seine „moderne“ Werkstatt zurückzuziehen, in der er handgeschröpftes Büttenpapier herstellt. Eigentlich, so Johannes Follmer, „gibt es den Beruf des Hand-Papiermachers heute nicht mehr. Das Berufsbild heißt heutzutage „Papiertechnologe“ und diese werden anhand der modernsten Technik ausgebildet. Die Maschinen, mit denen ich heute mein handgeschröpftes Büttenpapier herstelle, sind angesichts der modernen Technik von heute, genaugenommen schon ziemlich veraltet. Leider aber gibt es keine modernen Maschinen mehr, um handgeschröpftes Büttenpapier herzustellen, weil das Handwerk, wie schon gesagt, so gut wie ausgestorben ist. So muss man sich als Hand-Papiermacher seine Maschinen entweder in gebrauchtem Zustand kaufen oder sie sich selbst zusammenbasteln.“

Johannes Follmer hat keine klassische Ausbildung als Hand-Papiermacher durchlaufen, da es diese nicht mehr gibt. Er hat sie von seinen Vorfahren, insbesondere seinem Vater erlernt, der heute immer wieder ins Museum oder in die Werkstatt kommt und dem Sohn beim Papierherstellen zuschaut oder ihm zur Hand geht. Daneben hat er diverse Praktikas und Zusatzausbildungen in Papierherstellungsbetrieben sowie in Papiermacherschulen oder bei alten Lehrmeistern aus der Zunft der Handpapiermanufaktur gemacht.

Die Familie Follmer ist eine Papiermacher-Familie durch und durch. Bereits die Kleinsten, die beiden Söhne von Johannes Follmer, Anton, sechs, und Valentin, acht Jahre alt, haben ihren eigenen Arbeitsplatz in der „modernen“ Werkstatt, wo sie sich darin üben, eigenes Büttenpapier herzustellen. Und im Verkaufsladen des Museums dürfen sie dann ihr eigenes Büttenpapier verkaufen und so ihr Taschengeld aufbessern.

Johannes Follmer gibt die Familientradition der Papiermanufaktur, des handgeschröpften Büttenpapiers, an die nächste Generation weiter. Ist er ein Papier-Botschafter, einer der die Tradition hochhält und weitergibt? Johannes Follmer antwortet schmunzelnd:

„Ich fühle mich schon so, dass ich die Fahne der Papiermanufaktur hoch halte nach dem Motto: Wissen weitergeben, Bewusstsein schärfen sowie eine Philosophie zu übertragen, die den Wert des Papiers bewusst macht und die Menschen zu einem anderen Umgang mit Papier auffordert. Papier ist in der heutigen Wegwerfgesellschaft oft ein Wegwerfprodukt, das billig erworben wird und keinen Wert mehr besitzt. Ich möchte den Menschen bewusst machen, was der Unterschied zwischen einem Billigbogen Papier und einem Bogen handgeschröpften Büttenpapier ist. Und das gelingt mir, glaube ich, ganz gut. Es freut mich sehr zu sehen, wie manche Leute dann ganz andächtig werden, wenn sie einen Bogen meines handgeschröpften Büttenpapiers in der Hand halten und wissen, wie ich ihn hergestellt habe – mit meinen Händen, mit viel Liebe, mit viel Zeit und Hingabe.“

Traditionen sind für Johannes Follmer die Wurzeln des Menschen, Teil einer wichtigen und hochwertigen Kultur und Ethik, auch gegenüber dem Alten, der Geschichte. Dadurch erst kann sich der Mensch als Teil der Menschheit und Menschengeschichte definieren: „Traditionen können dem Menschen Bodenhaftung geben und auch etwas Erfüllendes, im Vergleich zu einem Leben, bei dem man ständig unterwegs ist, ständig erreichbar sein muss, und bei dem man einfach nicht zur Ruhe kommen kann. Wie viele Menschen von heute möchten sich entschleunigen! Dieser ganze moderne Kram macht die Menschen doch so unzufrieden! Sie sehnen sich danach, mal wieder etwas mit den Händen zu machen, dabei loszulassen und zur Ruhe zu kommen. Das vermittle ich mit meiner Hand-Papiermacher-Kunst. Und indem die Leute mir dabei zuschauen können, kommen sie fast in so etwas wie in einen meditativen Zustand. Das ist es, was ich selbst beim Hand-Papiermachen erlebe: einen meditativen Zustand, der mir ganz viel innere Ruhe und Zufriedenheit vermittelt.“

Johannes Follmer in seiner „modernen“ Werkstatt in der ehemaligen Papierscheune vor der Bütte, in der die Zellulose eingeweicht ist, die er dann mit Rahmensieben schöpft

 

 

 

 

 

 

Homburger Papiermanufaktur
Johannes Follmer
Gartenstr. 7
D-97855 Homburg/Main

 

Tel. 09395/99389

www.homburger-papiermanufaktur.de
kontakt@homburger-papiermanufaktur.de

 

 

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