Kulturverfall führt zur Unfreiheit

von Helene Walterskirchen:
Kulturverfall führt zur Unfreiheit

Die Autorin am Kulturtraditions- und Kulturlernort Kloster Benediktbeuern

Ein Kulturverfall ist wie eine degenerative Krankheit, die aus starken, widerstandsfähigen und gesunden Menschen degenerierte, ständig kränkelnde und widerstandsgeschwächte Menschen macht. Beim Kulturverfall sind es primär die Kulturgrundlagen, die immer mehr verkommen, entarten und degenerieren, so dass keine gesunde und stabile Kulturlandschaft mehr besteht, die das Kulturverhalten der Menschen positiv beeinflusst.

Nehmen wir als Beispiel die Handy- und Smartphone-Kultur. In den 90er Jahren kam das Handy auf, was in der Gesellschaft sehr begrüßt wurde, weil man endlich von den Telefonzellen befreit wurde und jederzeit von überall aus mit einem Teilnehmer telefonieren konnte, ob bei einer Autopanne, einem Stau oder einer Verspätung. Telefonzellen waren immer lästig, denn entweder waren die Apparate kaputt oder man musste kilometerweit laufen, bis man eine fand. Es entwickelte sich eine Handy-Kultur, die ursprünglich positiv war. Das Handy war auch bei den meisten Menschen nicht ständig an, was ohnehin nicht möglich war, da kein flächendeckendes Handynetz vorhanden war und die Teilnehmer so nicht permanent erreichbar waren. Das Handy hatte noch nicht die Macht über den Menschen wie dies heute der Fall ist. Es war eher ein Mittel zum Zweck und hatte durchaus praktische Faktoren.

Dies änderte sich mit den Jahrzehnten, insbesondere durch das Smartphone und die Bereitstellung eines flächendeckenden Mobilfunknetzes durch zahlreiche Sendemasten, die man heute überall sehen kann, ob an Autobahnen, in Großstädten oder auf dem Land. Was dabei verloren ging, ist das Maß und Ziel der Nutzung, denn heute wird das Handy bzw. Smartphone von vielen 24 Stunden am Tag genutzt. Es ist in der Handtasche, Schultasche oder in der Jackentasche, es liegt am Nachttisch, am Esstisch oder am Schreibtisch. Die Kultur der Handy- und Smartphone-Nutzung ist heute so überzogen, dass Menschen nicht mehr frei sind in der Art und Weise ihrer Nutzung, sondern von dem Medium Handy- bzw. Smartphone dominiert und manipuliert und nicht selten in die Sucht getrieben werden.

Neben der Unfähigkeit und Unfreiheit, das Handy bzw. Smartphone nur dann nutzen zu können, wenn man es wirklich braucht, gibt es weitere Kulturverfallsfaktoren: Dazu gehört, dass Handy- und Smartphone-Nutzer rücksichtlos überall telefonieren, wo es ihnen passt, ob im Restaurant, im Zug oder in einer Veranstaltung. Die meisten Gespräche sind nicht nur laut, sondern oft auch sehr intim und daher eigentlich nicht für die Ohren anderer Menschen gedacht. Dass sich die Mitmenschen gestört und unangenehm berührt fühlen, interessiert die Nutzer nicht. Der Kulturverfall liegt in einem starken Egoismusverhalten, das sich in Rücksichtslosigkeit und Unhöflichkeit, aber auch in einem Verlust der Moral und ihren Grenzen (was tut man in der Öffentlichkeit und was nicht, was gehört in den Bereich Intimität usw.).

Ein weiterer Kulturverfallsfaktor ist die Beschäftigung mit dem Handy- bzw. Smartphone in der Gegenwart anderer. Beispiel: Man sitzt mit seiner Familie beim Abendessen. Das Telefon des halbwüchsigen Sohnes klingelt. Er nimmt ohne mit der Wimper zu zucken ab und quatscht mit einem Freund. Die anderen Familienmitglieder fühlen sich zurückgesetzt und gestört. Das aber stört den Sohn nicht. Auf Forderungen der Eltern, das Handy vom Essenstisch zu nehmen bzw. auszuschalten, reagiert er nicht, weswegen es immer wieder zu Streit kommt. Auch hier kommen dieselben Kulturverfallsfaktoren zum Tragen wie im vorangegangenen Beispiel, ergänzt um den Verlust einer gesunden, rücksichtsvollen und rollenbewussten Familienkultur.

Hier könnten noch viele andere Kulturverfallsfaktoren angeführt werden, wie beispielsweise „Selfie-und Fotografier-Sucht“, um Fotos in allen Lebenslagen zu machen und in soziale Netzwerke hochzuladen. Dabei werden nicht selten rücksichtslos und bedenkenlos moralische und ethische Grenzen überschritten, d.h. durch die Handy- und Smartphone-Nutzung ist bei vielen Menschen, gerade jungen, das natürliche Gefühl für Respekt, Rücksichtnahme, Wertschätzung, Moral usw. verloren gegangen und das Sich-zur-Schau-Stellen oder sogar andere bloß zu stellen etwas Normales geworden.

Die Kultur der Menschlichkeit, der Wertschätzung anderer Menschen, des gegenseitigen Respekts, des Selbstschutzes wie des Schutzes unserer Mitmenschen hat sich im Kulturverfall des Handy- und Smartphone-Zeitalters zu einer Kultur der Vergötterung des Instruments Handy/Smartphone entwickelt, das die Macht hat, über den einzelnen Menschen wie die gesamte Menschheit zu dominieren. Wenn es jedoch dazu kommt, dass die Technik den Menschen beherrscht und die Menschlichkeit immer mehr zurückdrängt, handelt es sich nicht mehr um eine gesunde, sondern um eine kranke, degenerierte Kultur, die eine kulturelle Wandung notwendig macht.

Wir müssen die derzeitige kranke, degenerierte Handy- bzw. Smartphone-Kultur wandeln, damit sie in die Schranken gewiesen wird, die ihr als technisiertes Medium zusteht. Sie soll uns als Menschen dienen und nicht wir sollen ihr als „vergöttertes Wesen“ dienen.

Eine gesunde Kulturgrundlage muss stets dem Wohl der Menschen dienlich sein, indem sie aus diesem Kulturgrundlagen-Pool das schöpfen können, was für sein Leben gut ist: z.B. Werte und ethische Grundsätze, die für das Leben und Zusammenleben der Menschen notwendig sind. Eine gesunde Kulturgrundlage zeigt den Menschen Regeln und Grenzen auf nach dem Motto: „Das tut man, das ist im Rahmen des ethisch Vertretbaren“, und: „Das tut man nicht, das gehört sich nicht, da es den ethischen Gesetzen nicht entspricht.“

Wenn wir davon ausgehen, dass die Handy- und Smartphone-Nutzung die Menschen und die Gesellschaft verdirbt, so muss sie auf ein gesundes Maß zurückgeschnitten werden. Dies geht am besten dadurch, dass man dem Handy bzw. Smartphone seine Macht und Dominanz nimmt und die Macht und Dominanz von etwas anderem anhebt.

Wir müssen selbst für uns feststellen, was uns wichtiger ist: Ein ungestörtes, harmonisches Abendessen mit einem lieben Freund/einer lieben Freundin? Oder die uneingeschränkte 24-Stunden-Erreichbarkeit über unser Handy/Smartphone mit der möglichen Folge, dass wir während des Abendessens mehrere Male gestört werden? Wem geben wir die Macht und Dominanz in unserem Leben? Einem lieben Menschen oder dem Handy/Smartphone?

Wir können uns weiter die Frage stellen: Wie wirkt sich das eine auf unseren lieben Freund/unsere liebe Freundin aus? Und wie das andere? Im ersten Fall zeigen wir mit unserer Handy-/Smartphone-Abstinenz, wie sehr wir unseren Freund/unsere Freundin und das Beisammensein mit ihm/ihr wertschätzen. Wir wollen diese kostbare Zeit nicht durch irgendetwas stören lassen. Wir geben unserem Freund/unserer Freundin und einem schönen Abend die Macht in unserem Leben. Das hat immer positive Auswirkungen auf eine Beziehung.

Im zweiten Fall zeigen wir, dass uns unser Handy/Smartphone und die Anrufe von außen wichtiger sind als unser lieber Freund/unsere liebe Freundin. In diesem Fall ist der „liebe“ Freund/die „liebe“ Freundin gar nicht das Liebste für uns, sondern unser Handy/Smartphone, dem wir die Macht in unserem Leben geben. Das hat immer negative Auswirkungen auf eine Beziehung, denn wer lässt es sich schon gerne bieten, wenn er zum Abendessen eingeladen wird, immer wieder erleben zu müssen, dass er hinter dem Handy/Smartphone zurückstehen muss. Wie soll da eine romantische, entspannte und harmonische Stimmung entstehen?

Wir bestimmen und entscheiden, wem oder was wir die Macht und Dominanz in unserem Leben geben. Wir sind nicht unschuldige Opfer einer destruktiven Handy- oder Smartphone-Kultur, sondern wir sind selbstbestimmte Wesen mit einem freien Willen und können selbst über uns und unser Leben bestimmen. Wenn wir nicht (mehr) fähig sind, selbstbestimmte Wesen zu sein und das sind, was man „fremdbestimmt“ nennt – in diesem Fall von einem Handy/Smartphone -, dann brauchen wir eventuell psychologische Hilfe, damit wir von der Fremdbestimmung wieder frei werden.

Führen wir uns vor Augen: In einer gesunden Kulturgrundlage sind die Menschen immer frei und selbstbestimmt. In einer destruktiven Kulturgrundlage verlieren die Menschen ihre Freiheit und werden zu fremdbestimmten Wesen. Dies ist der Maßstab für alle Kulturbereiche unserer Gesellschaft.

Schloss Rudolfshausen ist handyfreie Zone – statt dessen gibt es alte und ältere Telefone mit Schnur, die ein Faible von Alexandra Walterskirchen sind

Copyright © aller Texte und Fotos (ausgenommen Fremd-Fotos mit Quellenangaben) dieser Ausgabe liegt bei Helene Walterskirchen