Prof. Andrew R. Dyer: Hungern im Schlaraffenland

aus dem Englischen übersetzt von Alexandra und Helene Walterskirchen:

Prof. Andrew R. Dyer: Hungern im Schlaraffenland

 

 

 

 

Früchte der Erde

 

Wir stehen in der modernen Welt, in der das Thema „Gesundheit“ immer mehr in den Mittelpunkt rückt, vor einem grundlegenden Problem: Was bedeutet es, ein gesunder Mensch zu sein? Ein wichtiger Bestandteil dabei ist die Ernährung, so dass die Frage eigentlich lauten müsste: „Was soll bzw. muss ich essen, damit ich gesund bin?“

Bei vielen Menschen läuft dabei jeden Tag folgender innerer Monolog ab:

„Dies soll das fortschrittlichste Zeitalter in der Geschichte sein und ich weiß nicht, was ich essen soll? Die ständige Werbung für dieses und jenes Produkt verwirrt mich nur. Kann ich mein Mittagessen trinken oder muss ich es kauen? Sollte ich Vitamine zum Frühstück einnehmen? Sollte ich das Frühstück auslassen, aber ist es eigentlich nicht die die wichtigste Mahlzeit des Tages? Ist ein Snack am späteren Vormittag für mich schlecht? Ist Brot schlimmer als ein Müsliriegel? Welches Essen ist gut für mich? Warum ist das Thema Essen nur so schwierig! Ich möchte doch nur zum Supermarkt oder Schnellrestaurant gehen und mir irgendetwas zum Essen holen, damit ich satt bin und mich gut fühle. Ich dachte, dass ich mich nach dem Essen gut fühlen sollte, aber das ist meistens nicht der Fall. Dabei sollte mich doch das Essen gesund erhalten, mich aufmuntern, mir Energie geben und mir helfen, ein langes Leben zu führen. Ich denke nicht, dass das meiste Essen, das ich esse, mir gut tut. Ich glaube, die Pizza, die ich letzte Nacht gegessen habe, hat mir Albträume beschert. Geht es nur mir so oder auch anderen Menschen? Vielleicht bin ich ja krank? Vielleicht bin ich die Ursache und nicht das Essen? “ Und so weiter …

Wir befinden uns heute im technologisch fortschrittlichsten Zeitalter. Wir haben eine erstaunliche und sich schnell entwickelnde genetische und pharmazeutische Technologie zur Verfügung. Wir können menschliche Gene im Embryo manipulieren. Wir können lebensrettende Medikamente für jede gängige Krankheit herstellen. Wir entwickeln jedes Jahr mehr Impfstoffe gegen immer mehr Viren. Wir ernähren fast 8 Milliarden Menschen auf der ganzen Welt. Das Essen ist reichlich vorhanden und billig. Information, Energie, Transport, Elektronik in Hülle und Fülle und Essen, Essen, Essen! Wir leben wie im Schlaraffenland.

Gleichzeitig aber leben wir auch im verwirrendsten aller Zeitalter. Wann in der Geschichte mussten die Menschen jemals ihre Nahrung in Frage stellen, die sie aßen? Der größte Teil unserer Geschichte konzentrierte sich darauf, Nahrung zu finden und darauf zu achten, nicht selbst Nahrung zu werden, aber nicht darauf, entscheiden zu müssen, ob das Nahrungsüberangebot, das wir heute überall in den Supermärkten finden, auch tatsächlich als Nahrung für uns geeignet ist. Und wir mussten uns mit Sicherheit nie Sorgen darüber machen, dass normales Essen schlecht für uns sein könnte, es sei denn, es wäre verdorben. Es gab zwar schon immer Modeerscheinungen in Sachen Ernährung, aber wir waren stets davon überzeugt, dass diese Lebensmittel uns gesünder machen würden, aber nicht, dass sie zu Krankheiten führen könnten. Wir befinden uns in einer Zeit, in der es so aussieht, als müssten wir sehr vorsichtig mit unserem Essen umgehen, weil es uns sonst, wenn wir unachtsam sind, angreift oder sogar tötet. Wie ist das möglich? Was hat sich verändert? Warum sehen wir uns einerseits mit einem Überangebot an Essen konfrontiert und andererseits mit der Tatsache, dass wir dennoch dabei hungern?

Wir müssen erkennen, dass sich alles um uns herum geändert hat – sei es die Umwelt, die Natur, die Lebensweise etc. -, nur wir Menschen sind weiterhin noch die Menschen, die wir immer waren. Doch sind wir wirklich in dieser Welt des Wandels eine Konstante? Die Menschen haben sich zwar im genetischen Sinne nicht verändert, aber dennoch haben sie sich verändert. Das Wie und Warum dieser Veränderung ist das zentrale Thema in meinem neuen Buch, obwohl fast jeder lieber eine schnelle Antwort auf die Frage, was er dagegen tun kann und soll, hätte. Eine solche Antwort ist leider kompliziert, denn erst, wenn wir das Wie und Warum verstehen, werden wir in der Lage sein zu wissen, was wir dagegen tun können und sollen.

Vorerst werden wir das Wort „Essen“ bzw. „Nahrung“ weiterhin verwenden, um damit das Fleisch, Gemüse und andere Nahrungsmittel zu bezeichnen, die wir zu uns nehmen. Es ist das Essen, das uns versorgt und ernährt. Aber gleichzeitig bedeutet Essen bzw. Nahrung heute nicht mehr das, was wir mit seiner ursprünglichen Bedeutung meinen. Unvorstellbar, ich weiß!

Dabei müssen wir uns vor Augen führen: Unser Essen ist nicht mehr das, was es früher war, und wir sind diejenigen, die das mitverursacht haben – zum Teil unabsichtlich, zum Teil absichtlich. Wir haben die Veränderungen im Bereich Essen/Nahrung mitherbeigeführt und zugelassen, z.B. auch Fastfoodessen, das uns so manche Nachteile gebracht hat. Es ist wie bei einem Schneeball, der vom Hügel nach unten rollt und dabei immer größer wird. Wir haben den Ball (mit) ins Rollen gebracht und erst als er RIESIG war, haben wir gemerkt, dass wir einen Fehler gemacht haben. Das war ein bisschen zu spät. Wir leben jetzt in einer Welt, in der Essen gut, neutral oder schlecht für uns sein kann und das Schlimmste ist, dass wir den Unterschied oft nicht mehr erkennen können! Das eine Essen bzw. die eine Nahrung kann für den einen Menschen gut sein, für den anderen aber schlecht oder sogar gefährlich. Das wirkt fast wie ein Albtraum!

Kehren wir für einen Moment zu einer grundlegenderen Frage im Zusammenhang mit Essen bzw. Nahrung zurück: Was ist ein Mensch? Der Mensch ist in der (vielleicht unglücklichen) Position, an der Spitze der Nahrungskette zu stehen. Diese Position jedoch hat der Mensch überschritten bzw. verlassen und er manipuliert jetzt die Nahrungskette, wie es ihm gefällt und seinen Nahrungsgelüsten entspricht. So hat er die Natur in Ackerland verwandelt und lebt dort seine Bedürfnisse von Essen bzw. Nahrung aus, frei von Fraßfeinden und Raubtieren.

In den letzten 50 Jahren hat es sich zu einer Selbstverständlichkeit entwickelt, dass wir Burger, Pommes Frites oder Brathähnchen zu jeder Mahlzeit essen können, wenn wir dies wünschen, gefolgt von gesüßten Getränken, wie Sprite, Cola oder anderen Softdrinks. Und es wurde noch schlimmer: Es ist nicht unbedingt so, dass das Salz, das Fett und der Zucker sowie der Mangel an pflanzlichem Lebensmitteln schlecht für uns wären, aber dieses Essen bzw. diese Nahrung ist für unseren Körper etwas Fremdes, das er aus seiner Vergangenheit überhaupt nicht kennt und das man im wesentlichen Sinne als „unmenschliches“ Essen bezeichnen könnte. ….

 

Andrew R. Dyer ist Professor für Ökologie und Evolution, Umweltwissenschaft, Botanik und Restaurierungsökologie an der Universität von Süd Carolina Aiken. Er schreibt gerade an seinem neuen Buch „Hungern im Schlaraffenland“, von dem wir hier einen 1. Teil abdrucken. Einen 2. Teil mit dem Titel „Vom Lustessen zum Mikrobiom-Essen“ erhalten Sie im nächsten Kultur-Magazin Schloss Rudolfshausen, Edition I/2020, die im Februar 2020 erscheinen wird.

 

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