Professor Peter Berthold – Ornithologe und Naturforscher

von Helene Walterskirchen:
Professor Peter Berthold – Ornithologe und Naturforscher


Eines Tages im Sommer legte mir meine Tochter zwei Bücher vor die Nase und sagte: „Diesen Autor musst du unbedingt ins nächste Kultur-Magazin aufnehmen!“ Es waren die Bücher „Unsere Vögel – Warum wir sie brauchen und wie wir sie schützen können“ und „Mein Leben für die Vögel – und meine 60 Jahre mit der Vogelwarte Radolfzell“ von Peter Berthold. Meine Begeisterung hielt sich in Grenzen, denn ich erinnerte mich an frühere Fernsehdokumentationen mit dem bekannten verstorbenen Tierfilmer Heinz Sielmann, in denen es um Tiere und insbesondere um Vögel ging, die mich eher gelangweilt als interessiert hatten. Dabei gefielen mir die putzigen kleinen Tierchen mit ihrem melodischen Gezwitscher oder auch die wunderschönen bunten Papageien, die menschliche Worte nachsprechen konnten, aber ich war weder Ornithologe noch Ornithomane, geschweige denn Ornithopath wie sich Peter Berthold selbst in seinem Buch „Mein Leben für die Vögel“ bezeichnete.

Nachdem ich die beiden Bücher gelesen hatte, erwachte mein Interesse an dem rauschebartigen Mann, diesem „Naturburschen“, der zwar kein Bursche mehr war mit seinen 78 Jahren, sondern ein „gstandenes Mannsbild“ wie man bei uns in Bayern sagen würde. Ein Gesprächstermin kam schnell zustande und so fuhr ich Anfang November mit meiner vogelbegeisterten Tochter nach Radolfzell am Bodensee, dort, wo das „Max-Planck-Institut für Ornithologie“ seinen Sitz hat. Obwohl ich Professor Berthold das erste Mal traf, hatte ich gleich ein vertrautes Gefühl als wir uns begrüßten und ihm schien es ebenso zu ergehen, denn es entstand sofort eine angenehme Atmosphäre, in der ein angeregtes Gespräch in Gang kam. Peter Berthold war ein Mann, dem man die Worte nicht aus der Nase ziehen musste, sondern der bereitwillig sein Füllhorn an Lebenserfahrungen ausgoss.

Er erzählte, wie sein Buch „Mein Leben für die Vögel“ entstanden war, dass er etwas ganz anderes hatte schreiben wollen und sollen, nämlich ein Buch mit dem Titel „115 Jahre Vogelwarte Radolfzell“. Seine Kollegen hatten auf die Realisierung dieses Buches gedrängt und gesagt: „Wenn du das jetzt nicht schreibst, dann lass noch mal 10 Jahre vergehen, und es kennt keiner mehr die Anfangsjahre und Entwicklung der Vogelwarte und all die Persönlichkeiten, die eine tragende Rolle bei der Entstehung und Entwicklung gespielt haben.“ Peter Berthold war zwar noch fit und geistig sehr rege, jedoch war er sich dessen bewusst, dass die Zeit vor ihm nicht Halt machte. Also gab er dem Drängen seiner Kollegen nach und entschloss sich das Buch zu schreiben. Sein Verlag, der Kosmos Verlag, wollte jedoch keine geschichtliche Dokumentation der Vogelwarte, sondern viel lieber eine Lebensgeschichte von Peter Berthold, in die durchaus einiges Dokumentarisches der Vogelwarte eingebaut sein durfte. Und so entstand sein Buch „Mein Leben für die Vögel – und meine 60 Jahre mit der Vogelwarte Radolfzell“, das im Jahr 2016 erschienen ist.

Peter Berthold, geb. 1939 im sächsischen Zittau, ist seit über 60 Jahren in Sachen Vogelforschung und Vogelkunde aktiv und sein Entschluss dazu entstand in den 1950er Jahren, als er im baden-württembergischen Nagold das Internat besuchte, um das Abitur abzulegen. Er schreibt in seinem Buch: „Mein Leben für die Vögel“: „…dass mir klar wurde: Ich werde weder Walfänger, Schreiner, Industriekaufmann, Psychotherapeut oder Volksschullehrer, wie der Reihe nach geplant, sondern muss Biologie studieren und versuchen, mich einer Laufbahn als Wissenschaftler der Ornithologie zu widmen.“

Seit seinem kindlichen Erlebnis, in dem er einen Vogel fing, der einen Ring der „Vogelwarte Radolfzell“ trug, spukte in ihm der Gedanke herum, in Kontakt mit jener Vogelwarte zu gelangen. Wie es ihm möglich wurde, diese Nuss zu knacken, beschreibt Peter Berthold in seinem Buch: „Der damalige Federsee-Ornithologe, Dr. Gerhard Haas, Vater meines Nagolder Klassenkameraden Wilfried, riet mir, zunächst Mitglied der Deutschen Ornithologen Gesellschaft zu werden und deren nächste Jahresversammlung zu besuchen. Dort würde ich alle führenden deutschen Vogelkundler treffen und könnte sie gut ansprechen. Also trat ich 1955 der DO-G bei und peilte deren Versammlung im Juli in Frankfurt an.“

Dass Peter Berthold überhaupt nach Frankfurt kam, ist seinem Ideenreichtum und seiner Hartnäckigkeit zu verdanken, aber auch seinem Mut – Eigenschaften, die ihn sein ganzes Leben lang begleitet haben. Er schwänzte den letzten Schultag vor den Sommerferien und machte sich mit seinem Fahrrad auf in Richtung Frankfurt. Peter Berthold erzählt in seinem Buch: „Und dann konnte ich vom nächsten Tag an meine erste DO-G-Tagung besuchen – und sah erstmals eine Reihe der „Götter aus dem Ornithologen-Olymp“: Erwin Stresemann – den Allmächtigen, Gustav Kramer – Genius der Orientierungsforschung, Heinz Sielmann – Pionier des Tierfilms, Ernst Schüz – letzter Direktor der Vogelwarte Rossitten, Rudolf Kuhk – Leiter der Vogelwarte Radolfzell. Der Rest war einfach: Sie waren sehr freundlich, fanden offenbar Gefallen an einem 16-jährigen überaus interessierten ‚Nachwuchs-Ornithologen‘, und Kuhk stellte mir in Aussicht, ich könne wohl nach entsprechender Vorstellung in Schloss Möggingen mit einer Erlaubnis der ‚Vogelberingung für wissenschaftliche Zwecke‘ zum Jahresende rechnen.“ Damit war also der erste Bezug zur Vogelwarte Radolfzell hergestellt, die noch eine zentrale Rolle in seinem Leben spielen sollte.

Nach Beendigung seines Studiums der Biologie, Chemie und Geografie, promovierte Peter Berthold 1964 an der Universität Tübingen; 1972 folgte seine Habilitation in Biologie an der Universität Konstanz. Seit über 60 Jahren ist er für die Vogelwarte Radolfzell tätig: zuerst ehrenamtlicher Beringer, danach studentische Hilfskraft, Doktorand, Postdoc-Stipendiat, wissenschaftlicher Mitarbeiter, Örtlicher Leiter und schließlich von 1998 bis 2004 Direktor des Max-Planck-Instituts für Ornithologie. Daneben war er von 1981 bis 2005 Professor für Biologie an der Universität Konstanz.

Peter Bertholds Arbeitsplatz befand sich viele Jahre in Schloss Möggingen, das im Ortsteil Möggingen der Gemeinde Radolfzell liegt und im Eigentum der Freiherrlichen Familie von Bodmann steht. Peter Berthold schreibt in seinem Buch: „Der Neubeginn des Instituts als ‚Vogelwarte Radolfzell‘ (vormals Vogelwarte Rossitten) kam schnell in Gang. Schon vom 19. bis 22. März 1946 besuchte Dr. Schüz Baron von Bodmann in Schloss Möggingen zur Lagebesprechung, und beide wurden sich rasch einig. Als ‚Keimzelle‘ für das neue Institut stand im damals stark belegten Schloss zunächst ein Raum im zweiten Stock zur Verfügung mit Aussicht auf baldige Erweiterung.“

Peter Berthold ist lebendige Geschichte und berichtet in unserem Gespräch im modernen Gebäude des MPI in Radolfzell (gegenüber von Schloss Möggingen) aus seinem enormen Fundus an Erinnerungen: „Ich erzähle manchmal Studenten, wie es früher hier war, in den 50er und 60er Jahren. Da gab es ganze drei Autos: eines gehörte dem Baron, eines der Vogelwarte und eines dem Dorf. Unser Auto ist in der Woche zweimal bewegt worden, das vom Baron in der Regel nicht, weil er kein Geld fürs Benzin hatte, und das im Dorf auch nicht sehr oft. Hier, wo sich heute das Max-Planck-Institut für Ornithologie befindet, herrschte absolute Totenstille. Man hat nur das Muhen von Kühen oder das Zwitschern von Vögeln gehört. Alle Straßen waren ungeteert. Da, wo wir jetzt sitzen, war früher ein Haferfeld. Die Heidelerchen haben gesungen, ab und zu kam ein Fasan aus dem Wald heraus. Wenn ich das so erzähle, schauen mich die jungen Studenten an, als hätte ich einen Vogel und würde das alles nur erfinden.“

Professor Peter Berthold vor Schloss Möggingen

Peter Berthold hat, wie er sagt, in Sachen Natur radikale Umbrüche erlebt, Umbrüche, die seines Erachtens nicht mehr rückgängig gemacht werden können: „Wenn man jetzt einen Strich ziehen und versuchen würde, alle Schäden zu reparieren, die in der Landwirtschaft, in den Böden und im Grundwasser vorhanden sind, würde das grob geschätzt ca. 300 Milliarden Euro kosten. Zum Vergleich: Das ist der Etat der Bundesregierung von etlichen Jahren!“….

Dies ist nur eine Leseprobe. Den gesamten Inhalt des Artikels können Sie in unserer Printausgabe des Kultur-Magazins lesen.

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