Recht und Verfassung im Mittelalter

moderiert von Alexandra und Helene Walterskirchen:

„Recht und Verfassung im Mittelalter“
von Prof. Dr. Fritz Kern

Mit diesem Aufsatz soll Frage nachgegangen werden wie: „Ist heutiges Recht gutes Recht? Oder ist heutiges Recht schlechtes Recht, da es nicht mehr dem ursprünglichen, natürlichen Recht entspricht?“ und: „Steht heutiges Recht über altem Recht? Und ist das rechtens? Oder steht altes Recht über heutigem Recht, weil es das einzig natürliche Recht ist, das immer war und immer sein wird?“ Dies würde ein völlig anderes Licht auf das heutige, moderne Recht werfen, das uns als das allein gültige Recht präsentiert und aufgezwungen wird.

Wir wollen uns bei der Fragenermittlung mit dem Werk „Recht und Verfassung im Mittelalter“ des deutschen Historikers und Philosophen Fritz Kern (1884-1950) befassen. Der Autor bekleidete Lehrstühle für Geschichte an den Universitäten Frankfurt am Main (1914–1922) und Bonn (1922–1947). Sein wissenschaftlicher Schwerpunkt war die vergleichende Rechts- und Verfassungsgeschichte des Mittelalters und die Universalgeschichte der Menschheit. Besonders seine Gegenüberstellung des guten, alten Rechts des Mittelalters mit unserem modernen Recht ist höchst aufschlussreich und wegweisend für die Reformierung des bestehenden Staats-, Rechts- und Moral-Begriffes sowie Bewusstseins.

Das Werk „Recht und Verfassung im Mittelalter“ ist erstmals 1919 in Bd. 120 der „Historischen Zeitschrift“ publiziert worden. 1952 wurde es von der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft Tübingen als Buch herausgegeben. Die nachfolgenden Textzitate stammen aus der Sonderausgabe der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft Darmstadt aus dem Jahre 2008.

Das Recht (allgemein)

Zu Beginn seines Buches schreibt Fritz Kern über das Recht allgemein:

  1. 11. Für uns hat das Recht, damit es gelte, nur eine einzige Eigenschaft nötig: die unmittelbare oder mittelbare Einsetzung durch den Staat.

Dem mittelalterlichen Recht dagegen sind zwei andere Eigenschaften anstatt dieser einen wesentlich: es ist „altes“ Recht und es ist „gutes Recht.“ Dagegen kann es das Merkmal der Einsetzung durch den Staat entbehren.

Ohne jene zwei Eigenschaften des Alters und des Gutseins, die […] merkwürdigerweise eigentlich nur für eine einzige und einheitliche Eigenschaft gehalten wurden, ist Recht kein Recht, selbst wenn es vom Machthaber in aller Form eingesetzt sein sollte.“

 

  1. Das Recht ist alt

Im ersten Kapitel definiert Fritz Kern den Begriff des „alten und guten Rechts“, seine Bedeutung und seine Gültigkeit über die Jahrtausende bzw. Jahrhunderte bis heute. Er spricht von „leges patrum“, d.h. von den Gesetzen der Vorväter, und zeigt auf, dass „hundert Jahre Unrecht noch keine Stunde Recht“ sind:

  1. 11ff: „Für subjektive Rechte, insbesondere für Besitzrechte, ist das Alter zu allen Zeiten von Bedeutung und kann unter Umständen rechtsbegründete Kraft haben (Ersitzung). Für die Gültigkeit des objektiven Rechtes dagegen bedeutet unter der Herrschaft des heutigen Gesetzrechtes Alter schlechterdings nichts. Für uns ist das Recht vom Tage seiner Einführung bis zu dem seiner Abschaffung weder alt noch jung, sondern schlichtweg gegenwärtig. Im Mittelalter war das anders: gerade für das objektive Recht galt das Alter als wichtigste Grundeigenschaft. Das Recht war ja Gewohnheit. Das unvordenkliche Herkommen, erwiesen durch die Erinnerung der ältesten und glaubwürdigsten Leute; die leges patrum [Gesetze der Vorväter], unter Umständen, aber nicht notwendig, bezeugt auch durch äußere Gedächtnishilfen, wie Urkunden, Landmarken, Rechtsbücher oder sonst eine die Lebenszeit der Menschengeschlechter überdauernde Sache […].

Freilich, damit Recht Recht sei, muss es nicht nur alt, sondern auch ‚gut‘ sein. … Denn das Alter an sich erzeugt noch kein Recht, und am Alter allein kann man es auch nicht erkennen. Vielmehr sind ‚hundert Jahre Unrecht noch keine Stunde Recht‘, und Eike von Repgow [Verfasser des Sachsenspiegels] betont z.B., dass die Unfreiheit nur von Zwang und unrechter Gewalt herstamme, freilich von alters her Gewohnheit sei, weshalb man sie nun ‚für Recht haben will‘. Aber sie ist nur eine ‚unrechte Gewohnheit‘. Das Vorhandensein unrechter oder ‚böser‘ Gewohnheit von so langer Zeit her, zeigt, dass Gewohnheit oder Alter allein das Recht nicht macht oder erkennen lässt. Bei Eike ist die Unfreiheit ein später, wenn auch schon lange eingeführter Missbrauch gegenüber der allgemeinen Freiheit, die herrschte, ‚als man das Recht zu allererst setzte‘. Vor dem hundertjährigen Missbrauch war eben ein tausendjähriges Recht oder vielleicht sogar ein ewiges, unverjährbares […].“

Das zeigt, wie wenig der moderne Begriff des Rechts den mittelalterlichen Begriff vom guten und alten, ja ewig währenden, göttlichen Recht erschöpft oder auch nur deckt.

 

  1. Gott als Ursprung des Rechts

Weiter heißt es bei Fritz Kern über den göttlichen Ursprung des Rechts auf S. 13f:

Nicht der Staat, sondern ‚Gott ist der Anfang alles Rechtes‘. Das Recht ist ein Stück der Weltordnung; es ist unerschütterlich. Es kann gebeugt, gefälscht werden, aber dann stellt es sich selbst wieder her und zerschmettert zuletzt doch den Missetäter, der es antastete. Hat irgendwer, ein Volksgenosse oder gar die Obrigkeit, ein ‚Recht‘ geschaffen, welches einem guten alten Herkommen widerspricht, und dieses Herkommen wird zweifelsfrei, entweder durch Aussage bejahrter Zeugen oder durch Vorbringen einer Königsurkunde, erwiesen, so war jenes neugeschaffene Recht kein Recht sondern Unrecht, nicht usus [Nutzen], sondern abusus [Ausnutzen/Missbrauch], und es ist Pflicht jedes Rechtsgenossen, der Obrigkeit wie des gemeinen Mannes, das verdunkelte gute alte Recht wiederherzustellen. Der gemeine Mann ebenso wie die Obrigkeit ist dem Recht verpflichtet und berufen, an seiner Wiederaufrichtung teilzunehmen. Gegenüber der Heiligkeit des Rechtes, zu seiner Bewahrung sind Obrigkeit und Untertanen (Staatsgewalt und Private) ganz gleich befugt.“

Ein entscheidender Punkt differenziert nach Fritz Kern unser modernes Recht vom Recht im Mittelalter. Das Recht im Mittelalter wurde nicht gesetzt, sondern gefunden. Sowohl beim Einzelurteil als auch der Gesetzgebung „ wird [immer] ein zwar verstecktes, aber doch schon vorhandenes Recht gefunden, nicht geschaffen […]. Das Recht ist alt; neues Recht ist ein Widerspruch, denn entweder erfließt es ausdrücklich oder stillschweigend aus dem alten oder es steht diesem entgegen, dann ist es eben Unrecht. Der Grundgedanke bleibt unangetastet, dass das alte Recht wirklich und das wirkliche Recht alt sei.“ (S. 15)

 

  1. Das Recht ist gut

Im zweiten Kapitel definiert Fritz Kern die zweite Eigenschaft des Rechts: sein Gut-sein. So wurde im Mittelalter zwischen Recht, Billigkeit, Staatsräson und Sittlichkeit nicht unterschieden. Auf S. 17f heißt es: „Wo wir dem Recht, der Politik und dem Gewissen drei getrennte Altäre errichtet haben und jeder dieser Ideen als einer souveränen Gottheit opfern, da sitzt für den mittelalterlichen Menschen, die eine Frau Justitia auf dem Thron, über sich nur Gott und den Glauben, neben sich nichts, und zu ihren Füßen kniend Obrigkeit und Untertanen, Fürst und Volk [….], über welche sie in ewiger, unverbrüchlicher Gleichheit Schwert und Waage hält. Ihr gegenüber aber, feindlich anrennend und die Knienden aufhetzend, die höllische Schattengestalt des Unrechts.

Im Mittelalter wird das Recht als etwas großartige Ganzes und Eines gesehen, das Recht gleicht der Gerechtigkeit schlechthin als Gottes Dienerin, die ‚Jeglichem das Seine gibt‘.“ Es fehlt die Unterscheidung von positivem und idealem Recht. „Recht ist das Rechte, das Richtige, das Redliche, das Vernünftige. Das göttliche, das natürliche, das moralische Recht ist nicht über, neben oder außerhalb des positiven Rechts, sondern ‚das Recht‘ ist göttlich, natürlich, moralisch und positiv zugleich, wenn wir überhaupt diese spaltenden Begriffe von außen daran herantragen dürfen, an dieses einfache, allumfassende ‚Recht‘.“ (S. 17)

Und weiter: „‘Recht und redlich‘, ‚juste et rationabiliter‘ ist eine der der beliebtesten Wort-Ehen in der mittelalterlichen Rechtssprache, gemäß der Einerleiheit von ‚positivem‘ und ‚moralischem‘ Recht. Für uns ist das wirkliche geltende oder positive Recht etwas nicht Unmoralisches, aber Amoralisches, das seine Herkunft nicht aus Gewissen, Gott, Natur, Idealen, Ideen, Billigkeit o.dgl., sondern einfach aus dem Willen des Staates und seine Sanktion in der Zwangsgewalt des Staates hat.“ (S. 17f)

 

  1. Das Recht und der Staat

Der moderne Staat ist, nach Ansicht von Fritz Kern, deshalb für die Menschen von heute etwas Heiligeres als für den mittelalterlichen Menschen, da der Staat unsere „geistige Heimat“ ist, die wir als Teil unserer selbst anerkennen und lieben müssen, denn ein anderes geistiges Heimat-Fundament haben wir nicht mehr. „Verneinen wir ein, z.B. durch Fremdherrschaft oder Pöbelherrschaft aufgezwungenes Recht, so werden wir eben revolutionär gegen den Staat ganz im mittelalterlichen Sinn des […] Widerstandsrechtes.“ Aber mit einer Einschränkung, denn „[…] auch im verhassten Recht des verhassten Staates [sehen] wir vollgültiges Recht bis zu dem Tag, da wir beide zugleich durch Revolution zerbrechen können. Das Recht ist für uns Erben der juristisch-scholastischen Begriffsarbeit erst das Zweite, der Staat das Erste. Dem Mittelalter war das Recht Selbstzweck, weil unter Recht zugleich das sittliche Empfinden, die geistige Grundlage der ganzen Menschheitsordnungen, das Gute schlechthin mitgedacht wird, also auch für die selbstverständliche Grundlage des Staates. Für das Mittelalter ist deshalb das Recht das Erste, der Staat erst das Zweite. Der Staat ist hier nur das Mittel zur Verwirklichung des Rechts; sein Dasein leitet sich ab aus dem Dasein des über ihm stehenden Rechts. Das Recht ist vor dem Staat, der Staat für das Recht und durch das Recht, nicht das Recht durch den Staat.“ (S.18)

In unserer heutigen Zeit herrscht nur das positive Recht im Staat, welches das moralische Recht „geschluckt“ hat, wodurch eine große Gefahr besteht. Fritz Kern schreibt auf S. 20ff.Dieses positive Recht aber kann der Staat nach der heute herrschenden Staats- und Rechtsidee jederzeit beliebig ändern. Der Staat ist der Souverän; er bestimmt also sogar, inwieweit das moralisch ‚Rechte‘ Recht sein soll.

Es gibt nach der modernen Auffassung nur einen Weg, wie das ideale Recht, Antigones Gesetz der Götter, rechtmäßig (verfassungsmäßig) Herr werden könne über das positive Recht, die Gesetze des Staates: durch die staatliche Satzung neuen positiven Rechts. Das geschieht, wenn sich der Staat überzeugt, dass bisher außerrechtliche, moralische Empfindungen einen Umbau des geltenden Rechts empfehlen. Dann setzt sich aber nicht einfach das moralische Recht an die Stelle des positiven; aus dem außerrechtlichen Gebiet der moralischen Überzeugungen tritt nichts von sich aus in das Haus des Rechts hinüber. Sondern der Staat formt sein positives Recht um, was er jederzeit beliebig und souverän machen kann.

Völlig entgegengesetzt ist dagegen die Rechts- und Staatsvorstellung des Mittelalters. Das Recht ist hier souverän, und nicht der Staat, d.h. das Gemeinwesen, die Obrigkeit, der Fürst oder wie die mittelalterlichen Begriffe sonst lauten, welche wir in diesem Zusammenhang dem Recht gegenüberstellen. Der Staat kann das Recht nicht ändern. Er würde damit etwas begehen wie Muttermord.(S. 21f)

Das Kernproblem unserer modernen Gesellschaft liegt also in der Nichtunterscheidung von idealem und positivem Recht. Das Recht im Mittelalter ist gleichbedeutend mit dem Guten und steht deshalb selbstverständlich vor und über dem Staat. So herrscht eine natürliche Ehrfurcht vor der Heiligkeit des Rechtes. Das ist nur, so Fritz Kern, „natürlich, denn es ist nicht das nüchterne, trockene, bewegliche, technische vom Staat abhängige positive Recht von heutzutage: es trägt in unklarer Vermengung die Heiligkeit des moralischen Gesetzes in sich.“ (S. 22)

Die Abspaltung des Rechts von der Moral war und ist folglich kein technischer Fortschritt und keine gesunde Ernüchterung der Neuzeit, sondern hat dem Recht vielmehr seine Heiligkeit entzogen, weswegen der Staat diese nur auf anderem Wege gewinnen kann, ja muss, nämlich u.a. durch kalten, seelenlosen, modernen Gesetzesgehorsam. Dieser gilt in der heutigen Welt mehr als die warme, von Herzen kommende mittelalterliche Untertanentreue. Dadurch mangelt es der heutigen Gesellschaft aber auch der schöpferischen, kulturbringenden und vergeistigenden Kraft des wahren Rechtes und wir sind seelisch und geistig so verarmt, so dass wir eigentlich gar nicht mehr wissen, was der Begriff „Recht“ bedeutet. Fritz Kern: „Wir können, das, was ‚recht‘ ist, von dem was ‚Recht‘ ist, nur durch das Gewaltmittel der Rechtschreibung unterscheiden.“ (S. 23) Und auch hier bleibt die Frage offen, ob es sich überhaupt um das wahre Recht handelt, was wir hier zu unterscheiden und erkennen meinen, oder ob es sich vielmehr um als Recht maskiertes Unrecht handelt.

 

  1. Das Recht IST

Aus oben genannten Zitaten wird deutlich, dass das moderne Recht vom Staat gesetzt und geschrieben wurde bzw. wird, das mittelalterliche Recht dagegen IST einfach. Es wurde nicht von Menschen gesetzt, sondern, so Fritz Kern, „es IST schlechthin ein Teil des Guten, Gerechten, das immer IST, so wie das Böse (nach dem kirchenväterlich-mittelalterlichen Begriffsrealismus) niemals etwas ist als nur die Privation [Beraubung] des Guten, die Verneinung des Seienden schlechtweg, also in Wirklichkeit nichts. (S. 23f) In der Fußnote auf S. 24 erklärt Fritz Kern weiter: „Das Gute ist, das Schlechte ist NICHT; das Sein hat Gnade, und der höchste Grad des Seins fällt zusammen mit dem höchsten Grad des Guten. …“

Daraus erkennen wir: Das wahre, gute Recht muss nicht gesetzt, sondern nur gefunden werden. Das Recht ist die heilige göttliche Gerechtigkeit, die den weisen Menschen, die nach den göttlichen Geboten leben, zuteil wird. Manchmal kann der Mensch sie aus verschiedenen Gründen aber nicht mehr erkennen, so dass sie dann von Gott selbst offenbart werden muss.

Das moderne Recht dagegen ist „ein gegenwärtiges Recht vom Tag der Setzung an bis zum Tag der Aufhebung; vorher war es künftiges Recht, nachher wird es veraltetes Recht sein, beidemal also kein wirkliches Recht. Das moderne positive Recht hat weder vor seiner Setzung, noch während seiner Gültigkeit noch nach seiner Aufhebung jemals die Eigenschaften, alt oder gut zu sein. Das mittelalterliche Recht dagegen, das die Termine der Setzung und der Außerkraftsetzung nicht kennt, ist nicht sowohl gegenwärtig als zeitlos. Nur gutes Recht ist wirklich, einerlei ob der menschliche Gesetzgeber und Richter es erkennt oder verkennt […]. Das Verhalten des Gesetzgebers und Richters zum Recht ist nur ein Schatten, der über es dahinhuscht: er kann es verdunkeln, aber nicht beseitigen, denn das Recht ist wirklich, die etwaige Verdunkelung durch das ‚rechtswidrige‘ positive Recht oder durch Vergessen ist ein wesenloses Nichts, eben ein Schatten, der über ein in sich bestehendes körperhaftes Ding hinwegleitet. Das echte gute Recht besteht auch in der Zeit seiner Verdunkelung unverbrüchlich fort.“ (S. 24f)

Fresko „Allegorie der guten Regierung“ von Ambrogio Lorenzetti, 1337-1339, im Rathaus Siena

 

  1. Wo findet man das gute, alte Recht?

Fritz Kern beantwortet diese Frage im vierten Kapitel seines Buches auf S. 25f:

Es [das gute, alte Recht] wird gefunden einmal dort, wo alles Moralische seinen Sitz hat, im Gewissen, und zwar, da das Recht die einer Volksgesamtheit gemeinsamen Gebiete des Rechten umfasst, im Gesamtwissen des Volks, im Rechtsgefühl der Volksgemeinde oder ihrer Vertrauensmänner, der erlesenen Schöffen [Richter]. Nicht irgendein gelehrtes Wissen oder ein Buch ist ihnen vonnöten, sondern nur, dass sie das ’normale‘ Rechtsgefühl der Gesamtheit besitzen, dass sie sapientes, prud’hommes, Biedermänner [ehrenwerte, rechtschaffene, kluge, Männer] seien.

Das Recht wird aber zweitens gefunden in alten Überlieferungen. Alles gute und echte Recht war nach der allgemeinen Überzeugung schon irgendwie in dem legendären Recht eines sagenhaften Gesetzgebers, eines ehemaligen, besonders starken und weisen Königs enthalten.“

Der mythische Gesetzgeber wird dabei nicht als ein willkürlicher Gesetzesmacher angesehen, sondern als ein Mensch, dem besonders deutlich das Wahre enthüllt wurde und der das Gute deutlich auffassen konnte. Dabei ist Gott in ursprünglicher Instanz der einzige erste Gesetzgeber. Er gab Sein göttliches Gesetz an die mythischen Ahn-Herren der Könige und Fürsten weiter. Bei den Sagenherrschern der Vorzeit, so Fritz Kern, offenbart sich also dieses göttliche Recht erstmals in der Menschheit. Sie bringen es an den Tag und „pflanzen seine Herrschaft unter den Menschen auf. Auch sie [die Sagenherrscher] sind, wie alle Staatsgewalt, unter, nicht über dem Recht. Aber als eine Art von Propheten oder Herren rücken sie allerdings über Menschenmaß hinaus in die Nähe göttlicher Wirkungskräfte; sie können wohl dann auch als Schöpfer des Rechts selber verehrt werden, sobald sie übermenschliche Kräfte haben […].“ (S. 26f)

Alles Gute hat darin seinen Platz, alles Schlechte ist eine spätere Abweichung und Verderbnis, die wieder abgestellt werden sollte.“ (S. 27)

Unsere Erkenntnis daraus: Das wahre, gute, alte, göttliche Gesetz kann der Mensch nicht aufschreiben. Jeder Versuch bleibt immer nur ein Bruchstück von jener Ganzheit, die einzig und allein in der Brust, im Gewissen und Herzen des Volkes und seines Königs lebt. Dem entgegengesetzt ist unser modernes, geschriebenes Recht ein Kodex, der zwar den Anspruch auf systematische Vollständigkeit erhebt und für alles, formale, technische, fixierte Sätze und Forderung erhebt, ein seelenloses künstliches Konstrukt, das den Zugang zu den Sagenherrschern und dem göttlichen Ur-Recht verloren hat. Es besitzt somit weder göttliche Legitimation noch ewige Gültigkeit.

 

Zusatz: Grundsatz der Verantwortlichkeit oder das Widerstandsrecht

Im 3. Kapitel des 2. Teils beschreibt Fritz Kern das Widerstandsrecht jedes einzelnen Bürgers im mittelalterlichen Staat gegen die Regierung, wenn diese nicht mehr gemäß der guten, alten Gesetze handelte.

S 87f: Der Einzelne schützt das Recht gegen jedermann, auch gegen die Staatsgewalt. Jeder Einzelne ist hierzu berufen, berechtigt, ja verpflichtet. Das ist der Sinn des Widerstandsrechts […]. Da die Regierung eingesetzt ist zum Schutze des Rechts, so verliert sie durch den Bruch des Rechts ihre eigene Befugnis. Il n’est mie seignor de faire tort. Der Herrscher, der das objektive Recht verletzt, zerstört auch zugleich sein eigenes subjektives Herrschaftsrecht, das der objektiven Rechtsordnung als ein untrennbarer Bestandteil angehört. Rex eris, si recte egeris. Oder: recte faciendo regis nomen tenetur, peccando amittur. Die Nichtunterscheidung von idealem und positivem Recht macht auch die Herrschaftsverwirkung zu einem halb rechtlichen, halb moralisch-innerlichen Vorgang. Ipso facto verliert der Herrscher durch einen Rechtsbruch sein Herrschaftsrecht. Er setzt sich selber ab. Der Spruch der Gesamtheit, der formlose Abfall Einzelner, die Wahl eines neuen Königs (Gegenkönigs): all das, und was sonst bei den unzähligen Fällen der Anwendung mittelalterlichen Widerstandsrechtes begegnet, hat alles eigentlich nur noch deklaratorische Bedeutung, während die Herrschaftsverwirkung durch Selbstabsetzung konstitutiv schon im Augenblick der fürstlichen Rechtsüberschreitung vollzogen ist. […]“

Quintessenz: Der Verfassungskreislauf nach Polybios wird auch hier sichtbar. Immer wenn sich eine gute Regierungsform (Monarchie, Aristokratie oder Politie/gute Demokratie) in ihr Gegenteil wandelt (Tyrannis, Oligarchie, Ochlokratie/schlechte Demokratie) und quasi entartet, entmachtet sie sich gleichzeitig dadurch selbst und der einzelne Bürger/Mensch hat ein Recht, ja sogar die Pflicht, zum Widerstand, um wieder eine gute, rechte Regierungsform herzustellen. Fritz Kern auf S. 88:„Der rechtmäßig eingesetzte Herrscher hat ein Anrecht auf die Herrschaft, wie der Bauer auf den ererbten Hof; ebenso heilig ist sein Anspruch, aber ebensowenig unverwirkbar [unverlierbar]. Es ist ein (wir würden sagen „privates“) Recht wie jedes andere. Dem Herrscher muss man gehorchen, dem Tyrannen nicht. Im Augenblick aber, wo der Herrscher die Anrechte anderer Volksgenossen einseitig ändert, wandelt er sich selbst freiwillig von einem rex in einen tyrannus um und verliert sein Anrecht auf Gehorsam in demselben Augenblick, ohne dass es dazu noch ein rechtsförmliches Verfahren seitens der Gesamtheit brauchte.“

Fritz Kern macht deutlich, dass das Widerstandsrecht kein Revolutionsrecht ist, sondern eines der klarsten Bestandteile des Verfassungsrechtes selbst:eine wahre verfassungsrechtliche Auflehnungsbefugnis des Untertans. Die Erklärung hierfür liegt nicht sowohl in der Nichtunterscheidung von Staatsrecht und Privatrecht, als vielmehr in der Gleichsetzung von idealem und positivem Recht. Jene für uns außerrechtliche Macht der Sittlichkeit (Politik oder Staatsräson wird im Mittelalter überhaupt nicht anerkannt) steckt eben im mittelalterlichen Rechtsbegriff selbst drin.“ (S.90)

Fritz Kern fasst das Widerstandsrecht mit folgenden Worten zusammen: Da aber die Staatsgewalt nur ist durch und für das Recht und nur Obrigkeit ist, insofern sie das Recht spendet und verwaltet, so hört die Obrigkeit, die sich an das Unrecht gebunden hat, auf, Obrigkeit zu sein für den Mann, der sich an das Recht gebunden weiß. Das Recht ist der Souverän, und jene Obrigkeit Tyrannei, d.h. nichtig. Der Einzelne kämpft dann mit Fug und Recht gegen den angemaßten Träger der Staatsgewalt, der zu dem betreffenden besonderen Unrecht noch das allgemeine fügt, sich widerrechtlich als Obrigkeit aufzuführen, während doch der aufhört rex zu sein, der das Recht (rectum) nicht achtet. (S. 90)