Rückbesinnung auf das Kleine

 

 

Herr Tell stand auf seinem Balkon und blickte über die Stadt. Noch für fünf Jahren war hier nichts als grüne Wiese. Mittlerweile hatte Titus-Stadt rund 8.000 Einwohner, klein, aber fein, könnte man sagen. Etwa 40 Jahre zuvor war Herr Tell das erste Mal in dieser Gegend gewesen, als er mit seinen Eltern Urlaub im Thüringer Wald machte. Nie im Leben, dachte er sich damals, möchte er in diese gottvergessene Region einmal sein Zuhause nennen. Wäre der Euro nicht eingeführt worden, stünde er jetzt vielleicht auch nicht auf diesem Balkon und würde bei einem Glas Rotwein den Sonnenuntergang genießen. Rückblickend war die Währungsunion gewissermaßen der Anfang vom Ende.

Die Jahre der Euphorie nach der Euro-Einführung waren mit Beginn der Finanzkrise schnell verflogen. Es folgte die Ernüchterung. Die Krise brachte all die Fehlinvestitionen, nicht nur in Südeuropa, zutage, die immer billigeres Kreditgeld aus dem Nichts verursacht hatte. Jahrelang versuchten Regierungen mit Rettungsschirmen und Investitionsprogrammen und die Europäische Zentralbank mit Nullzinsen sowie der Monetisierung von Staatsschulden das größte Geldexperiment aller Zeiten am Leben zu erhalten. Die europäische Integration wurde mit aller Macht vorangetrieben, doch am Ende waren alle Bemühungen vergebens. Geldpolitische Verzweiflungstaten wie Negativzinsen und Helikoptergeld verschlimmerten die Verwerfungen eher noch. Schließlich bahnte sich die Krise ihren finalen Weg und es kam, wie es kommen musste: Eine Depression, schlimmer als die der 1930er Jahre, suchte Europa und in Folge die ganze Welt heim.

Nachdem die Briten konsequenterweise aus der EU ausgetreten waren, war das totale Chaos für Großbritannien interessanterweise ausgeblieben, das Gegenteil von dem also, was die EU-Oberen vorausgesagt hatten. Großbritannien öffnete sich unilateral der ganzen Welt für den Handel, konnte sich aber den Auswirkungen der weltweiten Depression nicht entziehen. Jedoch erwischte es Großbritannien nicht ganz so schlimm wie die EU-Länder.

Einmal mehr war es Brüssel, von wo aus man den Bürgern Rettung versprach. Die Reichen müssten jetzt Solidarität zeigen, hieß es, als die Arbeitslosenraten in die Höhe schossen. In der Praxis bedeutete das, dass die Steuern für Vermögende in der EU massiv erhöht wurden. Zur Überraschung vieler Menschen aus der Mittelschicht zählten auch sie zu den Vermögenden. Außerdem sollten die reicheren EU-Länder die ärmeren noch stärker unterstützen, damit die Ungleichgewichte innerhalb der EU nicht zu groß würden. Innerhalb der jeweiligen Nationen wurde ebenfalls immer mehr umverteilt und den Leistungsstärkeren immer mehr zugemutet. So sollten in den einzelnen Ländern wirtschaftlich stärkere Bundesländer oder Provinzen die schwächeren finanzieren, bis die Krise vorüber sei. Das Wort „Solidarität“ löste das Wort „sozial“ an der Spitze der Skala der von Politikern am häuftigsten gebrauchten Worte ab.

Aber Worte aus Politikermund schienen die Menschen in Europa nicht mehr zu überzeugen, vielmehr zu provozieren, verständlicherweise vor allem die, die einmal mehr die Suppe auslöffeln sollten. Es kam zu massiven, nie da gewesenen Protesten, zunächst in Katalonien, bald darauf in Norditalien, bei denen man sich ein Vorbild an den Briten nahm. Es hatte den Anschein, als gingen buchstäblich alle Bürger auf die Straße; auch Herr Tell hatte sich an den Protestmärschen beteiligt. Er konnte mit seinem Engagement zufrieden sein. Er hatte bei Bürgerdebatten mitgemischt, Informationsmaterial unter die Leute gebracht und im Internet geteilt, in seinem Familien- und Bekanntenkreis Aufklärung betrieben. Er war einer von vielen. Es hatte sich eine sich selbst verstärkende, immer schneller wachsende Bewegung entwickelt. Die Menschen gaben nicht mehr auf. Ein Wettbewerb der Ideen war in Gang gekommen und die besseren Ideen begannen, sich durchzusetzen. Getrieben von visionären Politikern, die seit Jahren für die Abspaltung ihrer Regionen kämpften, spürten die Regierungen bald, dass sie der Lage nicht mehr Herr würden. Als erkennbar war, dass die Proteste in Katalanen und der Norditaliener von Erfolg gekrönt sein könnten, gingen auch die Bürger in Bayern und Baden-Württemberg auf die Straße. Die Schotten taten es ihnen gleich. Die Hanse wurde wiederbelebt. Auf den jährlichen Treffen forderten mehrere altehrwürdige Hansestädte ihre Unabhängigkeit.

Wahrscheinlich gaben die Regierungen den Sezessionsbestrebungen vieler Regionen und Städte am Ende deshalb nach, weil wirtschaftlich ohnehin alles darniederlag und sie davon ausgingen, schlimmer könne es sowieso nicht mehr kommen. Der Hauptgrund aber war wohl, dass sie sich scheuten, die Proteste mit Gewalt niederzuschlagen. Der hätte es nämlich bedurft, um die aufgebrachten Menschen wieder unter Kontrolle zu bringen.

Dann ging alles relativ schnell. Zuerst spalteten sich die Norditaliener ab und riefen die Unabhängigkeit aus. Im Jahr darauf taten es ihnen die Katalanen gleich und sagten: „Adéu, Espanya!“ Bayern und Baden-Württemberg gingen nur zwei Jahre später den Weg in die Selbständigkeit. Kurz darauf folgte eine ganze Reihe alter Hansestädte. Die Augen vor der Realität verschließend übten sich die Brüsseler Eliten in Drohgebärden – die Abtrünnigen wurden von jeglichem bilateralen Handel mit der EU ausgeschlossen! Doch das brachte die Menschen nicht mehr von ihren Zielen ab. Die Drohungen Brüssels waren letztlich nur noch heiße Luft. Jeder wusste das inzwischen. Denn gleich ob Katalonien, Bayer, Baden-Württemberg, Norditalien oder die Hansestädte: Es waren allesamt wirtschaftlich enorm wichtige Handelsknoten oder starke Industrieregionen, auf deren Produkte die restliche EU gar nicht verzichten konnte, ohne sich selbst massiv zu schaden.

Es dauerte nicht allzu lange und die neu entstandenen Nationen konnten sich wirtschaftlich noch deutlicher als zuvor absetzen. Die neuen Regierungen hatten die Steuern für Private und Unternehmen reduziert. Sofort nahmen Investitionen und Innovationen zu, genau wie die neidvollen Blicke von außen. In immer mehr Bundesländern in Deutschland, in den Departements, Regionen und Städten anderer Nationen wurden die Stimmen lauter, ebenfalls den Weg der „Abtrünnigen“ zu gehen und sich nicht mehr alles zentral von Brüssel und den jeweiligen Hauptstädten diktieren zu lassen.

Wie zu erwarten, ging nun auch das letzte Vertrauen in den Euro verloren. Von der ursprünglichen Kaufkraft war ohnehin nicht mehr viel übriggeblieben. Den in der EU verbliebenen Volkswirtschaften versetzte dies einen nochmaligen Schlag. Die Regierungen der nun selbständigen Länder hatten aber in weiser Voraussicht vorher bereits Privatwährungen als ergänzende Zahlungsmittel zugelassen. Es kursierten Gold und Silber in elektronischer Form. Auch Bitcoins fanden mehr und mehr Verwendung. Das wirtschaftliche Chaos durch den Zusammenbruch des Euro hielt sich also in Grenzen, denn es gab weiter funktionierende Tauschmittel.

Langsam, aber sicher glich die Landkarte Europas einem Flickenteppich; wie Deutschland zu Goethes Zeiten. Jede neue kleine Nation, Region oder unabhängige Stadt verfolgte konsequent eine Politik des freien Handels mit anderen Nationen. Mehr und mehr Länder konzentrierten sich auf das, was sie am besten konnten, schauten beim Nachbarn ab, ahmten nach und vermieden die Fehler, die andere irrtümlicherweise begangen hatten.

Geldmittel für Subventionen unsinniger Projekte waren seit dem Zusammenbruch des Euro praktisch nicht mehr da, auch die sozialstaatlichen Leistungen wurden zusammengestrichen. Armutsmigration gab es dadurch praktisch nicht mehr, die Grenzen konnten geöffnet werden und ließen den Warenverkehr florieren.

Die fehlenden Subventionen ließen in strukturarmen Regionen die Preise für Immobilien, Grund und Boden auf der Realität entsprechende Niveaus absinken. So auch in dem inzwischen selbständigen „Thüringen“. Die dortige Regierung hatte zunächst gezögert, als ein findiger und gleichzeitig visionärer Unternehmer mit dem Vorschlag an sie herantrat, ihm ein Stück Land zur Gründung einer privaten Stadt zur Verfügung zu stellen. Die Bürokraten konnten sich nicht vorstellen, was vor den Augen des Visionärs schon fertig und vollendet erschien. Er verwies auf eine vor zehn Jahren von ihm auf einem Teilstück des Staatsgebietes Honduras gegründete Privatstadt. Dort lebten mittlerweile 10.000 Menschen aus der ganzen Welt. Die Städte seien nur etwas für Reiche, ein Durchschnittsbürger könne sich das Wohnen dort nicht leisten, so etwas sollten wir nicht unterstützen, bemäkelten Kritiker das Konzept. Doch um die Privatstadt in Honduras herum hatte sich eine blühende Wirtschaft entwickelt. Dienstleister, Handwerker, Bauunternehmer und viele Branchen mehr hatten sich um die damals erste „Private City“ angesiedelt. Tausende von Arbeitsplätzen waren entstanden, in einer Region, die kurz zuvor noch von Kriminalität, Arbeitslosigkeit und Armut geprägt war. Das Verweismodell überzeugte die Regierung von Thüringen schließlich. Ein Politiker sagte in einem Interview wörtlich: „Vielleicht fängt unsere Landschaft ja doch noch zu blühen an, wie Kanzler Kohl es seinerzeit den Bürgern versprochen hat“. So entstand Titus-Stadt.

Herr Tell blickte vom Balkon auf das geschäftige Treiben in den Straßen. Wenn er die letzten Jahre Revue passieren ließ, freute er sich neben der Tatsache, dass politische Macht kaum mehr eine Rolle spielte, am allermeisten darüber, dass die Welt friedlicher geworden war. Durch die politische Zergliederung hatte die NATO massiv an Einfluss verloren. Selbst die USA, die im Zuge der Wirtschaftskrise genug mit sich selbst zu tun hatten, waren in ihrer Außenpolitik friedlicher geworden. Eigentlich kein Wunder, schließlich verloren sie ja auch einen Verbündeten nach dem anderen. Die in den Jahren nach der letzten Jahrtausendwende beginnende, politisch herbeigeredete Bedrohungslage durch Russland entpuppte sich ebenfalls, wie so vieles, als Propaganda.

Die Politik in Russland zwar noch weit davon entfernt, dass man sie als „liberal“ hätte bezeichnen können. Doch mit Blick auf die Entwicklungen im Westen blieb auch der russischen Führung nichts anderes übrig, als ihren Bürgern immer mehr Freiheiten einzuräumen.

Immer mehr Menschen in immer mehr Regionen und Städten auf der Welt kamen zur Überzeugung: „Wir schaffen das – alleine.“

(Auszug aus dem Buch „Wir schaffen das – alleine“ von Andreas Marquart und Philipp Bagus, erschienen 2017 im FinanzBuch Verlag, ein Imprint der Münchner Verlagsgruppe GmbH in München. Mit freundlicher Genehmigung des Verlags und der Autoren)

 

Philipp Bagus ist Professor für Volkswirtschaft an der Universidad Rey Juan Carlos in Madrid und Mitglied des wissenschaftlichen Beirates des „Ludwig von Mises Institut Deutschland“. 2016 wurde er mit dem Förderpreis für Wirtschaftspublizistik der Ludwig-Erhard-Stiftung ausgezeichnet. Buchveröffentlichungen: „Deep Freeze: Island’s Economics Collapse” (2011, mit David Howden). „Die Tragödie des Euro“ (2011). „In Defense of Deflation“ (2014). „Warum andere auf Ihre Kosten immer reicher werden“ (2014) und „Wir schaffen das – alleine!“ (2017) – beide mit Andreas Marquart.

 

Andreas Marquart ist Vorstand des „Ludwig von Mises Institut Deutschland“. Er ist Honorar-Finanzberater und orientiert sich dabei an den Erkenntnissen der Österreichischen Geld- und Konjunkturtheorie. Buchveröffentlichungen: Neben den beiden Büchern, die er gemeinsam mit Philipp Bagus geschrieben hat, ist er Autor von „Crashkurs Geld“ (2019).