Satyrische Geschichten von Petronius

Buch-Rezension und –Empfehlung von Alexandra Walterskirchen:

„Satyrische Geschichten“
von Petronius

 


Wer Latein langweilig findet oder Ciceros trockene Reden nicht mehr lesen kann, sollte sich unbedingt Petronius Werk „Satyrica“ bzw. „Satyricon“ zu Gemüte führen. Titus Petronius Arbiter lebte ungefähr von 14 – 66 n.Chr. Über sein Leben ist nicht viel bekannt, jedoch hat er als Vertrauter und „Schiedsrichter des feinen Geschmacks“ von Kaiser Nero sicherlich die Abgründe und den Verfall der damaligen römischen Gesellschaft miterlebt. Er wurde von Nero zum Selbstmord gezwungen, nachdem er der Teilnahme an der Pisonischen Verschwörung beschuldigt worden war. Sein Testament erhielt im übrigen keine Lobesreden auf Nero, sondern eine Schilderung von dessen Missetaten und Lastern.

In seinem zu Lebzeiten verfassten satirischen Roman „Satyricon“ verarbeitet Petronius die morbide römische Kultur und ihren luxuriösen Irrsinn, der zu jener Zeit in den Kreisen der ungebildeten Neureichen vorherrschte. Sowohl für den jungen Lateinschüler als auch den erwachsenen Latein-Interessierten ist das Werk unterhaltsam zu lesen, da es sich – anders als bei allen anderen überlieferten lateinischen Werken – um einen Roman handelt, der mit seinen grotesken Schilderungen kurzweilig ist und zum Lachen, aber auch Nachdenken anregen will. Hier wird das Leben im alten Rom wiedererweckt und man fühlt sich zurückversetzt in eine Zeit, wo das Leben scheinbar ganz anders, in Wirklichkeit jedoch ähnlich unserer heutigen Zeit war. Obwohl vom Roman „Satyricon“ nur ein Teil erhalten geblieben ist, darunter der Hauptteil des bekannten „Gastmahl des Trimalchio“, und Anfang und Ende offen bleiben, ist es ein großer Lesespaß!
Wenn man einmal den besonderen Schreibstil von Petronius verstanden hat, der eine Mischung aus Prosa und Vulgärlatein ist, das sich nicht an grammatikalische Regeln hält und sich von dem starren Latein der klassischen römischen Autoren unterscheidet, ist der Text relativ flüssig zu lesen. In der Ausgabe „Satyrische Geschichten“ findet sich nicht nur der lateinische Originaltext, sondern auch eine genaue deutsche Übersetzung, sowie die oft in anderen Büchern vergessenen Anhänge bzw. Fragmente anderer Teile des Romans „Satyricon“.

Was mich besonders erfreut: Im Gegensatz zur bekannten Reclam-Ausgabe „Cena Trimalchionis“ ist hier kein Übersetzungsfehler in 71,12“: Huic seviratus absenti decretus est…“ vorhanden.

Ganz klar heißt nämlich „absenti“ in Abwesenheit. Reclam übersetzt dieses jedoch als „in Anwesenheit“. In der neuen Übersetzung dagegen heißt es richtig in der deutschen Übersetzung: „Ihm wurde der Sitz im Sechs-Männer-Kollegium in Abwesenheit zuerkannt.“

Wie auch in anderen Büchern der Reihe Tusculum fällt die Korrektheit und Gewissenhaftigkeit der deutschen Übersetzung auf, die mit einer Schul-Übersetzung nicht mithalten kann.

Der Inhalt des „Satyricon“ ist folgender: Die beiden Freunde, Studenten, aber auch eifersüchtigen Rivalen, Enclopius und Ascyltos und ihr gemeinsamer Lustknabe/Sklave Giton, die in einfachen Verhältnissen wohnen, erleben verschiedene Abenteuer. Der Hauptteil des Romans erzählt ihre Teilnahme am Gastmahl des Neureichen Trimalchio, der mit seiner extravaganten, selbstverliebten, hyper-luxuriösen Art die Gäste abstößt, aber auch fasziniert. Eine homosexuelle Beziehung des Hausherren mit seinem Lustknaben ist für die römische Zeit nichts Ungewöhnliches, wenn sie auch teilweise – besonders von der Ehefrau, was sich im Verlauf des Romans auch bei Trimalchio und seiner Frau Fortunata zeigt – als anstößig angesehen wurde.

Das „Saryricon“ des Petronius lese ich immer wieder gerne. Es ist ein jugendlicher, frischer Roman, dessen Gesellschaftskritik heute aktueller denn je zuvor ist. Der einstige Sklave Trimalchio, der nun so reich ist, dass er gar nicht weiß, was er alles besitzt, ist eine urkomische, fast tragische Gestalt, die ein Leben in Luxus nicht wirklich erstrebenswert erscheinen lässt. Es fehlt ihm als Freigelassenen an Kultur und Anstand. Trotz seines Reichtums und scheinbaren „Bildung“(er besitzt sowohl eine große lateinische als auch eine griechische Bibliothek, wie er stolz verkündet), ist und bleibt er ein ungehobelter Mensch, über den sich die Gäste nur amüsieren können. Doch diese sind in Wirklichkeit keinen Deut besser, denn die römische Welt zu jener Zeit ist bereits zu verdorben durch die Todsünden der Gier, der Wollust, der Völlerei und der Trägheit. Trimalchios Gastmahl ist somit eine einzige Versammlung der Sünden, die von den einzelnen Gästen und dem Gastgeber selbst schonungslos zur Schau gestellt werden.
Die Darstellung der Ereignisse ist komisch und kurzweilig, wenn z.B. Enclopius vor einem, an die Wand gemalten Wachhund, so erschrickt, dass er fast rücklings auf den Boden gefallen wäre und sich, wie er behauptet, um ein Haar das Bein gebrochen hätte, oder Trimalchio sein Testament vorlesen lässt und die Gäste auffordert zu weinen, als ob er bereits gestorben wäre, weswegen durch den Lärm angelockt die örtliche Feuerwehr anrückt, weil sie denkt, es gäbe ein Feuer zu löschen, das im Haus ausgebrochen sei. Auch der Ehestreit zwischen Trimalchio und Fortunata, bei dem sie ihren untreuen Gatten, der seinen Lustknaben mit Küssen überhäuft, als „Hund“ bezeichnet und er ihr gekränkt einen Becher an den Kopf wirft, könnte heute ebenso gut in jeder Soap-Opera stattfinden.

Die Frage, die sich bei dem Roman „Satyricon“ immer wieder stellt, ist, ob Petronius wirklich die damalige Gesellschaft so dargestellt hat, wie sie war, oder ob es sich um eine fiktive Darstellung handelt. Meiner Ansicht nach prangert Petronius durchaus das amoralische Sittenbild der Zeit Neros an, jedoch teilweise verschleiert hinter extremer Übertreibung, Satire und Komik. In dem derben, manchmal fast abstoßenden Roman, verbirgt sich aber trotz aller Derbheit auch ein großes Stück Mitgefühl und Lebensweisheit, wenn z.B. Trimalchio in 71,1 sagt: „Freunde, auch Sklaven sind Menschen und haben ein und dieselbe Milch getrunken wie wir, auch wenn wohl ein böseres Schicksal sie unterdrückt hat. Dennoch werden sie, so wahr es mir gut gehen möge, bald das Wasser der Freiheit kosten. Kurz und gut, ich lasse sie alle in meinem Testament frei.“ Oder in 34,10, wenn Trimalchio sagt: „Ach wir Elenden, wie doch das ganze Menschelein nichts ist! So werden wir alle [zu einer Gerippen-Puppe], nachdem uns der Orkus [Tod] tät wegholen. Darum lasst uns leben, solang möglich das Wohlsein noch.“

Das Buch „Satyrische Geschichten“ kann ich jedem Latein-Interessierten nur empfehlen. Doch auch Nicht-Lateiner werden auf ihre Kosten kommen, denn es ist ein Werk des Niedergangs der Sitten, besser als jede Soap-Opera, die man heute im Fernsehen anschauen kann, spannender als jeder Herz-Schmerz-Roman im Buchladen. Das Werk beinhaltet gleichzeitig auch einen tieferen Sinn: die schonungslose Darstellung der verkommenen menschlichen Gesellschaft und der Sitten, die jeden vernunftbegabten Menschen wachrütteln und zur Selbsthinterfragung der eigenen Lebenswerte, Lebenskultur und Lebenswerte führen sollte. Mit dem Ausspruch von Echion, einem Feuerlöschlappenhersteller, möchte ich abschließen (45,2): „’Bald so, bald so‘, sagt der Bauer, ein scheckiges Schwein hatte er verloren. Was heute nicht ist, wird morgen sein; so wird das Leben vorangetrieben.“

Das Buch können Sie hier bei Osiander versandkostenfrei bestellen.

Lateinisch – Deutsch
Reihe: Sammlung Tusculum
Copyrightjahr: 2013
ISBN 978-3-05-006483-3
59,95 Euro