Sayeda – Frauen in Ägypten von Amélie Losier

Buch-Rezension und –Empfehlung von Helene Walterskirchen:
„Sayeda – Frauen in Ägypten – Women in Egypt – Femmes d’Egypte“
von Amélie Losier

 


Als Autorin und Ägyptenkennerin (aus mehreren Jahren Charity-Arbeit in Südägypten und direktem Kontakt mit Männern und Frauen sowie Familien) konnte ich in den letzten Monaten immer wieder über die schlimme Lage der Frauen in Ägypten in Büchern lesen, in Dokumentarfilmen sehen oder hören. Es war die Rede von sexuellen Attacken oder sogar Übergriffen sowie von Gewalt gegenüber Frauen. Immer wieder wurden die Frauen als Opfer dargestellt, die Männer hingegen als die Täter. Die „armen Frauen“; die „bösen Männer“ – Klischees über Klischees.

Das Buch von Amélie Losier bewegt sich leider genau in diesem Fahrwasser, auch wenn darin sehr ausdrucksstarke Bilder von Frauen sind, die allein schon anzuschauen die Vielfältigkeit der arabischen Frauenwelt ausdrückt – von traditionell, städtisch, urban, ländlich, bis modern. Doch welche Seele, welche Gesinnung, welcher Spirit verbirgt sich wirklich hinter jeder Frau? Das kommt durch die Bilder nicht wirklich zum Vorschein, auch nicht durch die sehr kurzen schriftlichen Porträts.

Was nach dem Lesen oder besser Anschauen bzw. Auf-sich-wirken-lassen des Buches und der darin dargestellten Frauen auffällt ist, dass, obwohl allseits bekannt ist, wie unflätig und gemein sich die ägyptischen Männer gegenüber Frauen verhalten, indem sie sie schlagen, betrügen und vergewaltigen, sie erniedrigen und demütigen, sich die meisten Frauen im Buch darüber äußern, dass die Ehe, die Sexualität und das Ausleben ihrer sexuellen Gelüste für sie das Wichtigste ist. Dafür sind sie sogar bereit, ihre Freiheit und Würde als Frau aufs Spiel zu setzen, denn dass sie vermutlich einen bösen, faulen und gewalttätigen Mann bekommen werden, ist zu erwarten. Die Frauen rennen also wie Schafe in die Falle des Schlächters, und beklagen sich dann, wenn sie beim Schlächter sind, wie schlimm dieser ist und welch „armes Opfer“ sie doch sind.

Die meisten der dargestellten Frauen haben Kinder, auch Söhne. Hier kann man sich die Frage stellen: wie erziehen diese Frauen ihre Söhne? Machen sie aus ihnen die nächsten patriarchalischen Machos? Oder erziehen sie sie zu jungen Männern, die achtungsvoll, rücksichtsvoll und gerecht mit Frauen umgehen, für die die Würde und Freiheit der Frauen selbstverständlich ist? Im Buch Sayeda werden aber schon die kleinen Jungs als ganz Schlimme dargestellt, die ihren Vätern in keinster Weise bei der Erniedrigung der Frauen nachstehen.

Das Buch von Amélie Losier versucht Mitgefühl, ja sogar Mitleid für die „armen“ ägyptischen Frauen zu erwecken und wer die ägyptische bzw. arabisch Welt nicht kennt, wird dieses auch empfinden, wenn er das Buch anschaut oder liest.

Wer jedoch genau hinschaut, wird erkennen, dass die wirklichen Strömungen, die sich in diesem Konflikt zwischen „Frauen“ und „Männern“ gegenüberstehen, gesellschaftlicher bzw. religiöser Natur sind: Die einen polaren Kräfte wollen das, was ist und war, nicht verändern; die anderen wollen das was war, aufbrechen und verändern, modernisieren, dem neuen Zeitgeist anpassen. Beide Gruppen befinden sich in einem Kampf um die Vormachtstellung.

Das, was den ägyptischen Frauen fehlt, sind starke, selbstbewusste, weise und neutrale Frauen, die nicht kämpfen, sondern die weibliche Stärke und Autorität ausdrücken und repräsentieren. Frauen, die in einen Raum voller Männer treten mit einer Kraft und Ausstrahlung, dass jede aufgeblasene Männlichkeit in sich zusammenbricht. Frauen, die nicht abhängig sind von dem Drang nach Heirat oder Sexualität, wofür sie bereit sind, sich in die Sklaverei eines Mannes zu begeben.

Das Buch Sayeda von Amélie Losier erscheint mir wie eine Suche der ägyptischen Frauen nach einer eigenen, fraulichen Identität – einer Identität, in der sie nicht gegen die Männerwelt kämpfen und sich aufreiben müssen, sondern in der sie dahin gelangen, ihre verlorene weibliche Würde und ihren Selbstwert wiederzufinden.

Es ist immer einfach Schuldige zu suchen für die eigene Minderwertigkeit und verlorene Würde – in diesem Fall sind es die Männer. Aber bekanntlich sind immer zwei an einer Sache Schuld: die Frauen, die ihre Würde für Ehe und sexuelle Bedürfnisse „verkauft“ haben und die Männer, die sich die Würde und den Selbstwert ihrer Frauen, denn diese haben sie erobert, wie eine Trophäe umhängen und nicht mehr hergeben wollen.

So gesehen: ein Buch, das zum Nachdenken anregt und die Würde sowie den Selbstwert der Frauen ins Bewusstsein bringt, den Frauen auf der ganzen Welt sehr oft „opfern“ für ein wenig Vergnügen oder eine Ehe/Beziehung, in der sie die Rolle des „Frauchens“ an der Seite ihres Mannes/Geliebten spielen.

Das Buch können Sie hier bei Osiander versandkostenfrei bestellen.

Erschienen 2017
288 Seiten
3-sprachig: deutsch, englisch, französisch
ISBN 978-3-03850-037-7
CHF 39.80
EUR 36.00


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