„Schöne neue Welt“ von Aldous Huxley

von Alexandra Walterskirchen
„Schöne neue Welt“ von Aldous Huxley
neu übersetzt von Uda Strätling

 

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Das 1932 erschienene Werk „Schöne neue Welt“ (Originaltitel: Brave new world) von Aldous Huxley zählt zu den wichtigsten utopischen Romanen des 20. Jahrhunderts. Dabei wirft schon die deutsche Übersetzung des Wortes „brave“ in „schön“ Fragen auf, bedeutet doch „brave“ vielmehr „mutig, tapfer, wacker“ und bezieht sich als Verb auch auf „jmd. trotzen, standhalten, widersetzen.“  Dieser Sinn kommt dem Werk Huxleys wesentlich näher, denn die Charaktere des Buches, ja die komplett vom Autor konzipierte künstliche, utopische Welt, in der es keine Familie, keine Werte, keine Ethik, keine Liebe mehr gibt, dafür aber Promiskuität, Konsum, Drogenrausch und ewige Gesundheit bzw. Jugend, widersetzt sich jeder Regel des Anstands, der Moral, der Kultur und allem, was den Menschen menschlich macht, ebenso den Gesetzen der Ethik, der Natur, des Alters und der Entwicklung. Die Menschen der „Schönen neuen Welt“ werden nicht mehr von einer Mutter geboren, sondern in Reagenzgläsern gezüchtet, wobei genau bestimmt wird, welcher Gesellschafts-, Intelligenz- und Arbeiterklasse der zukünftige „Roboter-Mensch“ angehören wird.

Das Ego des Menschen trotzt in Huxleys „Schöner neuer Welt“ Gott bzw. der Natur und will selbst Schöpfer spielen. Dabei bringt es einen überzüchteten, künstlichen Menschen hervor, der äußerlich scheinbar perfekt, innerlich aber ein Krüppel ohne Gewissen und Seele ist. Diese gezüchteten Egos, die von Geburt an bereits durch psychische Suggestionen so programmiert werden, dass sie ihr ganzes Leben nur noch diesen Programmen folgen, sind unfähig überhaupt zu begreifen, was Liebe, Mitgefühl, Freude, Glück, Frieden, etc. im entferntesten bedeuten.

Die Natur in Huxleys neuer Welt ist zurückgedrängt in Reservate, wo „primitive Wilde“ hausen. Diese können von den Menschen wie in einem Zoo besucht werden. John, der von allen nur der „Wilde“ genannt wird, nimmt im Laufe des Buches eine Sonderposition ein, ist er doch kein wirklicher Wilder, auch wenn er bei den „Wilden“ mit seiner Mutter – welch schändliches Wort in der schönen neuen Welt der Promiskuität, denn das System von Mutter und Vater gilt dort als unanständig – aufgewachsen ist. Johns Mutter stammt aus der zivilisierten Welt, wurde aber durch mysteriöse Weise schwanger – etwas, was medizinisch in dieser Welt gar nicht geschehen dürfte -, so dass sie aus Scham bei den Wilden untertauchte. Dort wuchs John zum Manne heran, war im Herzen weder ein Wilder noch ein Zivilisierter und fühlte sich von niemandem wirklich verstanden. Schließlich wurde er mit seiner Mutter von „Touristen“ gefunden und zurück in die zivilisierte Welt gebracht. Dort stirbt seine Mutter „glücklich“, in einem „Soma-Rausch“, der Glücksdroge, die in der neuen schönen neuen Welt immer dann genommen wird, wenn sich ein Gefühl des Unbehagens einstellt, sei es durch eine überfordernde Situation, aus innerer Leere heraus, oder auch um einen seelischen „Rausch“ zu erleben, etwas zu empfinden, was dem Göttlichen nahe kommen könnte, denn Gott selbst gibt es in der neuen Welt nicht.

John, der nun in der schönen neuen Welt alleine ist, versucht diese zu begreifen und zu erforschen. Mit dem Bewusstsein eines außenstehenden, noch in der Natur und den Geistern der Schöpfung verankerten indigenen Menschen ist es ihm als einzigem möglich die Illusion zu erkennen, unter der die gesamten Menschen dieser Gesellschaft leben. Anfangs entsetzt, versucht er vergeblich die Menschen aufzuwecken. Doch je mehr er sich bemüht, desto mehr wandelt sich die anfängliche Bewunderung für den „Wilden“, der als neue Attraktion und Zeitzerstreuung gilt, in Ablehnung und Befremdung.
Die Menschen möchten nicht aufwachen und halten den „Wilden“ für verrückt.

Der Controller Mustapha Mond, ein Angehöriger der Elite, ist als einziger in der Lage den „Wilden“ nicht nur zu verstehen, sondern auch mit ihm wirklich auf einer höheren Ebene zu kommunizieren, denn er weiß über die Lüge der künstlichen Glückswelt mit ihren illusionären Idealen, unter der die Menschen leben. In seinem Tresor befinden sich alte Bücher über die Wahrheit, über Gott, aber auch Werke von Shakespeare und anderen Philosophen. Als der Wilde diese erblickt, ist er empört und fragt, warum die Menschen diese Schriften nicht sehen dürfen. Die Antwort Mustapha Monds ist einfach: Die Menschen der „Schönen neuen Welt“ führen ein Leben in ewiger Jugend und Wohlstand – so zumindest wird ihnen glauben gemacht – und deshalb brauchen sie keinen Gott. Gott verträgt sich nicht mit der modernen Technik sowie dem Glück des Egos und der Sinne. Die Zivilisation der „Schönen neuen Welt“ hat sich für das Ego entschieden. Folglich mussten alle Bücher über Gott in den Tresor, denn sie sind anstößig und würden die Menschen, nein ihr Ego, schockieren, wenn sie die Wahrheit wüssten, nämlich dass es eine Wahl gibt zwischen der Ego-Welt und der Welt Gottes.

Für John ist eine solche perfide Denkweise unverständlich, denn für ihn ist es ganz natürlich an die Existenz eines Gottes zu glauben. Er erkennt, dass die Ego-Menschen, wenn sie wieder an Gott glauben würden, keine Erniedrigung mehr durch ihre eigenen Ego-Laster erfahren würden, die er täglich in Form von Gier, Sexualität, Hochmut etc. in der Gesellschaft erblickt. Sie hätten vielmehr endlich einen wirklichen Grund, keusch zu leben, gelassen zu ertragen und mutig zu handeln.

Doch das, macht Mustapha Mond deutlich, darf in der neuen Welt nicht geschehen. Eigenständiges Handeln ist nicht erlaubt, denn dann würde man ja die Wahrheit Gottes vielleicht doch wieder finden. Und wenn man edel, fein und heldenhaft handeln würde – alles göttliche Tugenden -, dann würde das System instabil werden und die Wirtschaftskraft und künstliche Ego-Blase der Zivilisation in sich zusammenbrechen. Deshalb wird in der schönen neuen Welt alles getan, niemandem Gelegenheit zu Edelmut, Heroismus oder wahrer Liebe und menschlichen Bindungen zu geben.

Am Ende des Buches begeht John Selbstmord, da er es nicht ertragen kann, in einer solchen Welt zu leben, in der das Egoglück an oberster Stelle steht, Gott geleugnet wird und Leid als etwas gesehen wird, das schlecht ist. John aber weiß, dass der Mensch auch temporär Leid empfinden muss, um sich zu entwickeln, seelisch zu wachsen und zu erkennen, wer er wirklich ist und wohin sein Weg geht. Das kann nicht geschehen, indem er sich mit seinem Ego in eine künstliche Blase zurückzieht, wo jeglicher Störfaktor beseitigt wird. Dies gleicht dem Leben einer Laborratte in einem Käfig, die niemals das Tageslicht, die Natur und die Erde gesehen hat. Sie verkümmert und wird zum seelischen Krüppel, ja zum seelenlosen Monster, unfähig jeder Empfindung und jedes moralischen Werteverständnisses. Das perfide an dieser neuen Welt ist, dass der Mensch der Sklave seines eigenen Egos ist, der ihm dieses Gefängnis gebaut hat, damit sich die Seele selbst nicht erkennt und für immer von der Wahrheit Gottes und ihrem Ziel der Liebe ferngehalten wird.

Ein sehr lesenswertes und nachdenkliches Buch über eine Zukunft, wie sie hoffentlich niemals eintreten wird. Da sich die neue deutsche Übersetzung aufgrund der vielen eingedeutschten Fremdwörter stellenweise schwer liest, würde ich jedem Englischkundigen die englische Originalausgabe ans Herz legen, die auch den besonderen Sprachstil Huxleys verständlicher und besser vermitteln kann.

 

Anzumerken ist zum Schluss noch, dass Aldous Huxley in seinem 1946 geschriebenen Vorwort sein Werk „Schöne neue Welt“ bedauert und es gerne umgeschrieben hätte, da er mittlerweile eine andere Sichtweise einer utopischen Welt gewonnen hat. So schreibt er (S. 300 und 301 in der dt. Ausgabe):

„Wollte ich das Buch heute noch einmal schreiben, würde ich dem Wilden einen dritten Weg bieten. Zwischen den Hörnern seines Dilemmas, dem Utopischen und dem Primitiven, läge die Chance zur Vernunft – und die Alternative wäre überdies von einer Gemeinschaft Exilierter und Flüchtlinge aus der „Schönen neuen Welt“ innerhalb der Grenzen des Reservats bereits in Grundzügen verwirklicht…. Religion wäre die gezielte und intelligente Erforschung des letzten Sinns und Zwecks menschlichen Daseins, die uranfängliche Einheit und Immanenz des Tao beziehungsweise die Gesamtheit des Logos, göttliche Transzendenz beziehungsweise Brahman…“

Das soll allen Kritikern zu denken geben, die vorschnell Huxleys utopischen Roman als menschenfeindlichen Plan verurteilen. Aldous Huxley hatte ganz offensichtlich einen Sinneswandel, welcher sich auch in seinen späteren Werken zeigt.

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Deutsche Ausgabe

Fischer Verlag

englische Originalausgabe erstmals erschienen 1932; neue deutsche Übersetzung von Uda Strätling 2014

Taschenbuch
368 Seiten
ISBN: 978-3-596-90573-7
Preis: € (D) 11,00 | € (A) 11,40

 

Englische Originalausgabe:

Random House UK Ltd

‚Vintage Classics‘. New edition. Illustrations.
Sprache: Englisch.
Originalausgabe erstmals erschienen 1932; September 2015

154 Seiten
ISBN: 0099458233
11,00 Euro

 

 

Wir danken dem grünen Online-Buchhandel Ecobookstore, der uns dieses Rezensionsbuch zur Verfügung gestellt hat und mit dem wir eine gemeinsame Buch-Kooperation gestartet haben.

Der grüne Online-Buchhandel Ecobookstore ist ein Produkt von Macadamu, einem Familienunternehmen aus dem Westallgäu. Die Idee hinter Ecobookstore ist der Betrieb einer ökologischen, nachhaltigen und fairen Online-Handelsplattform, die einen möglichst hohen Beitrag zum Schutz des Regenwaldes und für den Klima- und Umweltschutz leistet. Das finden wir eine tolle Idee, die wir gerne unterstützen und bekannter machen möchten.

 

Das Buch Cicero: Schöne neue Welt können Sie hier beim Ecobookstore bestellen.

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