Staaten sind keine heiligen Kühe

 

 

von Alexandra und Helene Walterskirchen:

 

Staaten sind keine heiligen Kühe

 

Rom

 

Der Begriff „Staat“ ist heute ein häufig verwendeter Begriff. Die gesamt Welt besteht aus unterschiedlichen Staaten: dem Staat Deutschland, dem Staat Österreich, dem Staat Ungarn, dem Staat Italien, dem Staat Frankreich, den Vereinigten Staaten von Amerika usw. Es ist jedoch nicht nur ein häufig verwendeter Begriff, sondern auch ein Ausdruck der für alle – ob Staatsführungen oder Bürger – eine zentrale Bedeutung hat. Daher wollen wir uns in diesem Beitrag mit dem Begriff „Staat“ näher befassen.

Wenn wir das Etymologische Wörterbuch des Deutschen von Wolfgang Pfeifer (1989) heranziehen, so erhalten wir folgende Definition:

Staat: politische Herrschaftsform, die das Zusammenleben einer Gesellschaftsformation innerhalb festgelegter territorialer Grenzen regelt, Pracht, Aufwand…. Der Ausdruck wird im 14. Jh. (ein zweifelhafter mhd. Beleg stammt aus dem 13. Jh.) aus lat. status ‚das Stehen, Stand, Wuchs, Zustand, Umstände, Lage, (durch die Geburten bedingte) soziale Stellung, fester Bestand, Wohlstand‘, lat. auch ‚Hofhaltung, Haushalt, Einkünfte, Rechnungslegung‘ (s. Status), einer Bildung zu lat. stare (statum) ’stehen‘ (verwandt mit stehen) entlehnt.“

Wenn wir den in der Definition genannten lateinischen Begriff des Wortes „status –ūs“ eingehender betrachten, so hat dieser folgende Bedeutung. Stehen, Stand, Lage, Zustand, Beschaffenheit, gesellschaftliche. Stellung, Rang, Wohlstand.

Aus diesen Definitionen erkennen wir, dass das, was wir heute unter „Staat“ verstehen nicht oder nur sehr bedingt mit dem identisch ist, was unsere Vorfahren darunter verstanden. Der Begriff „Staat“ hat sich offensichtlich erst in neuer Zeit gebildet und die zentrale Stellung erhalten, wie wir sie heute kennen. Wir sprechen von der Welt als einer Staatengemeinschaft, wir sprechen von Staatsführern, von Staatshoheit, von Staatsgrenzen, von Bundesstaaten, von Staatspräsident, von Staatsminister, von Staatspropaganda, von Staatsbürgern, von Staatsfeinden.

Wir haben uns eine ganz eigene Sicht vom Begriff „Staat“ gebildet – genaugenommen wurde sie uns durch die Bildungseinrichtungen und Mainstream-Medien so eingetrichtert. So ist der Staat heute für viele Menschen eine „heilige Kuh“, die es zu schützen, zu verteidigen und zu erhalten gilt. Die meisten Bürger glauben, ihr Staat sei wie die Mutter oder der Vater, die es gut mit ihnen meinen. Doch der Staat ist nur ein künstliches Konstrukt, das diejenigen aufgebaut haben, die zur elitären Schicht des Landes bzw. der ganzen Welt gehören. So ist jeder Staat dieser Welt genaugenommen nicht viel mehr als ein Disneyland – ein künstliches Konstrukt, das den einen Nutzen bringt und den anderen Schaden. Staaten dürfen nicht mit natürlichen Volksgruppen oder Volksstämmen verwechselt werden. Wenn jemand Sachse ist, dann gehört er zu dieser Volksgruppe bzw. diesem Volksstamm, auch wenn er Bürger des Landes Deutschland ist. Wenn jemand Nubier ist, dann gehört er zu dieser Volksgruppe bzw. diesem Volksstamm, auch wenn er Bürger des Landes Ägypten ist. Das eine ist etwas Gewachsenes, das andere etwas künstlich Konstruiertes.

Diejenigen, die sich mit Staatskunde befassen, sind davon überzeugt, dass das Konstrukt, das ihren Staat ausmacht auf antike Vorbilder aus Griechenland und Rom zurückgeht. Hier jedoch irren sie und genau darauf wollen wir nachfolgend eingehen.

Wenn wir heute in Übersetzungen von Texten Ciceros (106-43 n.Chr.) das moderne Wort „Staat“ finden, so müssen wir bedenken, dass es sich um eine freie, moderne Übersetzung handelt, die keine historische Grundlage hat. Denn hätte Cicero vom „Staat“ bzw. „Status“ gesprochen, wäre dieses Wort auch in seinen Texten aufgetaucht. Doch der Begriff „Staat“ war zu jener Zeit offensichtlich unbekannt. So hat Cicero zwar von status civitatis (=Zustand der Bürgerschaft) oder „status rei publicae“ (=Zustand/Beschaffenheit des Gemeinwesens) gesprochen, aber nicht vom „Staat“.

Dennoch übersetzt man heutzutage häufig beide Begriffe „res publica“ und „civitas“ mit „Staat“, aber dies entspricht nicht der wirklichen Bedeutung, denn sonst hätte Cicero „Status“ verwendet. Dass Cicero aber „res publica“ und „civitas“an verschiedenen Stellen benutzt, zeigt, dass er damit zwei unterschiedliche Strukturen beschreiben möchte:

Res publica bedeutet wörtlich “öffentliche Sache“, d.h. „Gemeinwesen, Politik, Republik“.

Die weiteren Übersetzungen „Staat, Staatsgeschäfte, Staatswesen“ etc. wurden erst in neuerer Zeit hinzugefügt.

Civitas bedeutet „Stadt, Stamm, Gemeinde der Bürger, Bürgerschaft, Bürgerrecht.“

Erst in neuere Zeit wurde daraus „Staat“. Beide Begriffe sind jedoch grundverschieden und können deshalb nicht „Staat“ bedeuten.

In seinem bekannten Werk „De re publica/Über den Staat (eigtl. Über das Gemeinwesen“) schreibt Cicero in Kapitel 1,38-41 über die Entstehung von „Staaten“, wobei er genau zwischen „civitas“ und „res publica“ differenziert:

„Omnis ergo populus, qui est talis coetus multitudinis, qualem exposui, omnis civitas, quae est constitutio populi, omnis res publica, quae, ut dixi, populi res est, consilio quodam regenda est, ut diuturna sit. Id autem consilium primum semper ad eam causam referendum est, quae causa genuit civitatem.“

Deutsche Übersetzung: „Jedes Volk also, das ein Zusammenschluss einer Menge ist, wie ich oben dargelegt habe, jede Bürgerschaft, die die verfassungsmäßige Einrichtung eines Volkes ist, jedes Gemeinwesen [Staat], der, wie ich gesagt habe, die Sache des Volkes ist, muss, um dauerhaft zu sein, durch eine planvolle Leitung gelenkt werden. Diese Planungsinstanz muss aber immer auf die Ursache bezogen bleiben, die die Bürgerschaft [Staat] ins Leben gerufen hat.“

Vermerk zur deutschen Übersetzung:

In der offiziellen Übersetzung von Reclam und Gottwein werden „civitas“ und „res publica“ nach Belieben einmal mit „Bürgerschaft“ und einmal mit „Staat“ (eckige Klammern) übersetzt. Das verändert jedoch die komplette Bedeutung des Textes, denn dann müssten alle drei fetten Begriffe „Staat“ bedeuten, ein Unding, was keinen Sinn machen würde. Eine andere Übersetzung des lateinischen Textes von Rainer Nickel, die im De Gruyter Verlag erschienen ist, lautet dagegen:

Jedes Volk also, das aus einer solchen Verbindung einer Vielzahl von Menschen besteht, wie ich sie dargestellt habe, jede Bürgerschaft, die als ein Volk mit einer Verfassung zu verstehen ist, jede Republik, die wie ich sagte, eine Sache des Volkes ist, muss durch eine irgendwie kompetente Führung gelenkt werden, damit sie Bestand hat, Diese kompetente Führung aber muss sich erstens immer auf den Grund beziehen, dem der Staat seine Entstehung verdankt.

Hier taucht zum ersten Mal die Übersetzung „Republik“ auf, etwas ganz anderes als Gemeinwesen. Man sieht also, dass die Lateinisch-Deutschen Übersetzungen, die heute verwendet werden, nicht eindeutig sind und stets eine Interpretationssache des Übersetzers sind. So bleibt letztendlich im Dunklen, was Cicero wirklich gemeint hat.

Auch bei den Texten der antiken griechischen Philosophen Aristoteles und Platon geht es nicht um den uns bekannten Begriff „Staat“, denn sie sprechen von „Polis“, dem altgriechischen Wort für „Stadt, Städtebund, Siedlung“.

Erst moderne Übersetzungen machten aus dem Begriff „Polis“ die Bezeichnung „Staat“, was nicht wirklich der eigentlichen Bedeutung des Begriffs entspricht. Wir müssen vielmehr davon ausgehen, dass weder Cicero, Polybios, Aristoteles noch Platon die Institution „Staat“ überhaupt kannten.

Was sind nun die Merkmale einer solchen Polis? Nachfolgend wollen wir zwei Merkmale aufzeigen:

Sowohl Aristoteles als auch Platon fordern, dass alle Bürger des „Staates“ (der Polis) auch Grundbesitzer sind. Sie müssen Land sowohl in der Stadt als auch auf dem Land besitzen (Aristot. Pol. 1330A10-18, Plat. Leg. 745c). Daneben war auch die Größe des Grundbesitzes geregelt, der eine bestimmte Größe nicht über- bzw. unterschreiten durfte. Das Land sollte jedoch groß genug sein, damit es die Besitzer/Bewohner ausreichend versorgen konnte und sie gut leben konnten. Zudem bewirkte es eine größere Einmütigkeit gegen feindliche Nachbarstaaten und schuf so eine stabile Basis für das Zusammenleben der Bürger. Aristoteles:

….“von den Privatländereien aber der eine Teil der nach den Grenzen des Landes und der andere der nach der Stadt zu liegende ist, auf dass dergestalt, indem jedem Bürger zwei Landgüter zugeteilt werden, ein jeder an beiden Örtlichkeiten Anteil hat.“ (Aristot. Pol. 1330A10-18)

Zudem sollte die Anzahl der Bürger in einem „Staat“ bzw. einer Polis begrenzt sein, ansonsten sei er nicht mehr verwaltbar. Platon spricht von 5040 wehrpflichtigen Grundbesitzern. Die Zahl 5040 ist dabei nicht per Zufall gewählt, sondern ist eine pythagoreische Zahl mit einer tieferen Bedeutung. Dazu kommen die Sklaven, Frauen und Kinder, so dass man schätzt, dass Platon von ca. 20 000 Bürgern und 100 000 Sklaven für die schwere Arbeit sprach. Platon:

Nämlich an Land ist so viel erforderlich als dazu hinreicht eine bestimmte Anzahl mäßig und besonnen lebender Bürger zu ernähren, und mehr bedarf es nicht; die Anzahl aber muss sich darnach richten, wie viele einigermaßen stark genug sind sich selbst gegen die Unbilden von Seiten der umwohnenden Völker verteidigen und auch ihren Nachbarn, wenn diese dergleichen erleiden, beistehen zu können…. Um also eine möglichst passende Zahl zu nehmen, so mögen 5040 Grundeigentümer dieselbe bilden und als zukünftige Verteidiger der Landeseinteilung dastehen, auf gleiche Weise aber Land und Wohnungen in ebenso viele Teile geteilt werden, so dass auf jeden Mann ein Grundstück kommt.“ (Plat, leg. 737c)

Intermezzo: Nach dem Lesen dieser beiden Merkmale sollten wir uns fragen, ob wir eigentlich in einem guten und gesunden „Staat“ bzw. einer Polis leben. Dem widerspricht sowohl die derzeitige immense Bevölkerungszahl von „Staaten“, z.B. unseres deutschen „Staates“ mit rund 80 Millionen Einwohnern, wie auch der Umstand, dass die überwiegende Mehrheit dieser Bevölkerung in Wohnblocks in der Stadt lebt, also weder ein eigenes Haus mit Grund in der Stadt noch ein zusätzliches Haus mit Grund auf dem Land hat, um sich selbst zu versorgen. Wir leben somit in einer Art „Monster-Staaten“, die die eigentlichen Bedürfnisse und Grundlagen einer Polis/Res Publica/Civitas nicht mehr zu erfüllen vermögen. Wir wissen aus dem antiken Griechenland, dass man dort irgendwann begann, die bestehenden Polis („Staaten) zu einer Mega-Polis („Mega-Staat“) zu erweitern, was schließlich zum Untergang Griechenlands führte. Wir dürfen am Ende dieses Intermezzos unseren Blick auf das lenken, was heute von der Weltführung angestrebt wird: der Eine-Welt-Staat, der die gesamte Welt umfasst und beherrscht. Dies widerspricht gänzlich der Natur einer gesunden Polis. Wie soll ein solcher „Super-Monster-Staat“ noch verwaltbar, versorgbar und beherrschbar sein?

Fahren wir nach diesem Einschub weiter in unserer Staatskulturbetrachtung.

Fast 200 Jahre später verwendete Tertullian (150-200 n.Chr.) erstmals den Begriff „Romanus status“, wobei „status“ anstatt dem sonst üblichen „civitas“ oder „res publica“ geschrieben wurde. Hier kann zwar durchaus vom „Römischen Staat“ gesprochen werden, wobei die Betonung allerdings auf dem festen, unerschütterlichen Bestand des römischen Gemeinwesens liegt. Da zu jener Zeit keine Republik mehr existierte, konnte Tertullian offensichtlich „res publica“ nicht mehr guten Gewissens verwenden, stattdessen benötigte er einen neuen Begriff, wenn er die bestehende Herrschaft beschreiben wollte. Der „Staat“ ist dabei etwas Festes, Stehendes, Starres, das das Gemeinwesen begründet bzw. dessen Bestand sichert. So wird aus der Gemeinschaft von Bürgern eine Ordnung, ein Konstrukt, das ihm Halt, Stabilität und Sicherheit gibt.

Allerdings spielte der Begriff in den darauffolgenden Jahrhunderten keine Rolle mehr.

Erst vom 17. Jahrhundert an gewann der Begriff an Bedeutung. So heißt es im Etymologischen Wörterbuch des Deutschen (1989): „[…] erweitert sich der Bedeutungsumfang in Verbindung mit der staatlich-politischen Entwicklung in Europa (verschiedentlich beeinflusst von ital. Stato und frz. Ètat); er erfasst das Territorium, den Verwaltungsapparat, das fiskalische System, die fürstlichen Hoheitsrechte und die Rechte und Pflichten der Stände- oder Klassengesellschaft, die Vertretung der Macht nach außen und innen... Die bereits früh ausgebildete Bedeutung ‚Ausstattung, Aufwand, Pracht‚ bleibt daneben unverändert lebendig und geht in der Umgangssprache auch in ‚Prunk, Putz, kostbare Kleidung, prächtiges Hausgerät‘ über, vgl. redensartlich sich in den Staat werfen, Staat machen. […]“

Heute wird der Begriff „Staat“ im Duden folgendermaßen definiert:

Gesamtheit der Institutionen, deren Zusammenwirken das dauerhafte und geordnete Zusammenleben der in einem bestimmten abgegrenzten Territorium lebenden Menschen gewährleisten soll.

Dennoch bleibt die Frage: Die Gesamtheit welcher Institutionen? Der Bürgerschaften, der Republik, des Gemeinwesens, der Städtebünde? Es scheint so, als ob das Wort „Staat“ ein Kunstbegriff ist, der ein „Kunstkonstrukt“ bezeichnet, das es so nicht gibt und auch nie gegeben hat.

Denn halten wir uns vor Augen: Im Verfassungskreislauf von Cicero, Polybios, Aristoteles und Platon taucht der Begriff bzw. das Konstrukt „Staat“ nicht auf, auch wenn es fälschlicherweise so übersetzt wurde.

 

Was kennzeichnet einen „Staat“/Polis/Res publica/Civitas?

Laut Aristoteles braucht es sechs Dinge bzw. Grundfunktionen, ohne die ein „Staat“ bzw. Polis nicht bestehen kann und ohne die er seine Autarkie nicht bewahren kann. Diese sind:

„Das erste Erfordernis nun ist Nahrung; das zweite sind die Kunstfertigkeiten [Handwerk], denn das menschliche Leben bedarf einer Fülle von Werkzeugen; das dritte sind die Waffen, denn die Mitglieder der staatlichen Gemeinschaft bedürfen der Handhabung derselben ebenso nach innen, um die Herrschaft gegen diejenigen aufrecht zu erhalten, welche nicht gehorchen wollen, wie nach außen zur Abwehr feindlicher Angriffe; ferner aber bedarf es eines gewissen Vorrats von Geldmitteln, um mit denselben sowohl die Bedürfnisse des inneren Staatslebens als auch die des Kriegswesens zu bestreiten; das fünfte sodann und dem Range nach das erste Erfordernis ist die Besorgung des Gottesdienstes oder des sogenannten Kultus; das sechste endlich, der Zahl nach, aber der Sache nach das allernotwendigste ist die Entscheidung über das, was den Bürgern heilsam und was Rechtens ist unter denselben.“

Das sind nun also die Verrichtungen, deren geradezu ein jeder Staat bedarf. Denn Staat ist nicht jede beliebige Menschenmenge, sondern eine solche, wie gesagt, die ein sich selbst genügendes Leben zu führen imstande ist; und fehlt eins von den genannten Stücken, so ist es unmöglich, dass die Gemeinschaft schlechterdings sich selbst genüge. Folglich muss der Staat notwendig vollständig nach den genannten Verrichtungen gegliedert sein. Es muss also eine gewisse Zahl von Ackerbauern da sein, um die Nahrung zu beschaffen, sodann von Handwerkern, ferner eine streitbare Macht, eine Zahl wohlhabender Leute, Priester und endlich Männer, welche die Entscheidung darüber zu fällen haben, was Rechtens und was heilsam ist. (Aristot. Pol. 1328b)

Hinweis zur Übersetzung: Auch wenn Aristoteles hier von „Staat“ spricht, basiert dies nur auf der deutschen Übersetzung, denn im Originaltext heißt es Polis.

Auf die heutige Zeit bezogen bedeutet das:

  1. Der Staat muss sich selbst ernähren können (Landwirtschaftliche Selbstversorgung),
  2. Der Staat muss eine von Importen unabhängige Industrie haben (Mittelstand, Handwerksbetriebe, etc.),
  3. Der Staat muss gegen innere und äußere Feinde bewaffnet sein,
  4. Der Staat muss seine eigene Münze prägen, um finanziell unabhängig zu sein,
  5. Der Staat muss seinen Kult/Gottesdienst versorgen,
  6. Der Staat muss eigene Gesetze und Gerichte haben.

Sobald dem Staat eine dieser sechs Grundfunktionen fehlt, hört der Staat auf selbstständig zu sein und im eigentlichen Sinne ein Staat zu sein. Hier sollten wir uns die Frage stellen, wie es um unseren eigenen Staat, in dem wir leben, bestellt ist, ob er die 6 Punkte erfüllt oder nicht. Erfüllt er sie nicht, ist es dringend an der Zeit, dass wir Bürger dieses Staates daran etwas ändern, wenn nicht die Staatenführung in der Lage ist oder sich weigert, dies zu tun.

Wir Menschen einer Staatengemeinschaft, z.B. der deutschen, in der wir leben, sollten nicht von einer externen Staatenführung abhängig sein und dieser blindlings die Verantwortung überlassen, sondern mündige, verantwortungsvolle und pflichtbewusste Bürger sein, die aktiv an der Gestaltung und Führung unserer Staatengemeinschaft beteiligt sind:

Wenn uns weisgemacht wird, der normale Bürger sei dazu zu dumm oder zu unerfahren, dann sollten wir uns die Worte des weisen römischen Staatsmannes und Philosophen Cicero vor Augen führen, der folgendes sagte:

„Dieses vorausschauende, verständige, vielseitige, scharfsinnige, erinnerungsfähige, von planender Vernunft erfüllte Lebewesen, das wir „Mensch“ nennen, ist mit vorzüglichen Eigenschaften vom höchsten Gott geschaffen worden. Denn als einziges Wesen unter so vielen Arten und Geschöpfen der belebten Natur, hat er teil an der Vernunft und dem Denken, während alle übrigen Wesen davon ausgeschlossen sind. Was aber ist, um nicht zu sagen im Menschen, sondern im gesamten Kosmos und auf der Erde, göttlicher als die Vernunft? Sie wird, sobald sie herangereift ist und ihre Vollendung erreicht hat, mit Recht Weisheit genannt.

Es ist also, da es ja nichts Besseres als die Vernunft gibt und diese im Menschen wie auch in Gott ist, die erste Gemeinsamkeit des Menschen mit Gott, d.h. die gemeinsame Vernunft […]. Da diese [die Vernunft] das Gesetz ist, muss man davon ausgehen, dass wir Menschen auch durch das Gesetz mit den Göttern verbunden sind. Ferner besteht unter denjenigen, unter denen die Gemeinschaft des Gesetzes herrscht, auch die Gemeinschaft des Rechts. Diejenigen aber, denen diese Dinge gemeinsam sind, müssen auch als Bürger desselben Staates gelten. Wenn sie schließlich denselben Weisungen und Gewalten gehorchen, ist das noch viel mehr der Fall. Sie gehorchen aber dieser kosmischen Ordnung, dem göttlichen Geist und dem allmächtigen Gott, so dass nunmehr diese gesamte Welt als ein gemeinsamer Staat der Götter und Menschen anzusehen ist. Und wenn in den Staaten auf eine vernünftige Weise […] Standesunterschiede nach der Familienzugehörigkeit gemacht werden, dann ist dies in der natürlichen Welt um so viel herrlicher und schöner verwirklicht, da die Menschen mit den Göttern verwandtschaftlich verbunden sind.“

(Cicero De Legibus, Buch 1, 22-23)

 

Hadriansvilla im antiken Rom

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