Stummeldeutsch und Anglizismus-Verschnitte

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von Helmut Roewer

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Helmut Roewer

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Nein nein, ich will nicht wie meine Nachbarin, Frau Neumann, vor mich hin meckern, sondern nur höflich darauf hinweisen, dass ich schon lange nichts mehr über unsere Sprache geschrieben habe. Gut, muss man auch nicht andauernd tun. Aber da ich mich als so eine Art Chronist der Sitten und Gebräuche im Land der Dichter und Denker versuche – wozu wohnt man sonst in Weimar –, schnell einen aktuellen Blick in unsern mobilen Sprachwerkzeugkasten:

Da sind zunächst einmal die Stummelwörter, die sich plötzlich in unser Gerede einschleichen. Keiner weiß so richtig, wo sie herkommen. Ist zwar nicht unbedingt neu, denken Sie nur an die gute alte Anrichte. Ein scheußliches Wort für ein ebenso scheußliches Möbelstück. Ist ganz aus der Mode gekommen – gottlob. Aber die Anrichte hat offenbar Kinder bekommen:

Umkleide, die: Dereinst Umkleideraum oder Umkleidekabine geheißen, finden wir heutzutage die Umkleide, und zwar ganz ohne ein N am Ende als Aufschrift in Bädern, Kaufhäusern (jedenfalls noch letztes Jahr, als es solche in den Städten gab). „Die Umkleide ist videoüberwacht“ (Leipzig, Karstadt). „Vor dem Betreten der Umkleide Schuhe aus“ (Staatsbad Bad Steben).

Tanke, die: Das ist die Stelle, wo man sein Auto mit Sprit betankt. Während der tollen Tage der Pandemie, so liest man, habe dort der normale deutsche Trinker seinen tägliches Deputat eingekauft. Offenbar eine Art abendlicher Ersatzkontakthof wg. Kneipen-Verbot. Sie: „Ludwich, fahr ma nach die Tanke, dat Bier is alle“.

Schalte, die: Digitale Kleinversammlung unter Abwesenden. In der Langform und deswegen für den globalen, unter Zeitdruck stehenden Zeitgenossen unzumutbar: Video-Schaltkonferenz (ich hoffe, ich habe den Bindestrich an der richtigen Stelle gesetzt). Die Schalte erfreut sich vor allem im Politikbetrieb hoher Beliebtheit, denn sie gewährt unsern Lenkern viel Freizeit, um Spiele auf dem Handy zu absolvieren. Sozusagen der persönliche Lockdown, der vor eigenen Gedanken schützt.

Impfe, die: Universalwort für alles Mögliche, was mit einer Impfung zusammenhängt, nämlich: die Impfung als solche, das Impfen schlechthin, das Impfen als Vorgang, der Impfstoff (z.B. BioNTech-Impfe), das Impfzentrum („Hermann, die Impfe is anner Post auffe andere Seite“. Ob demnächst der Impfausweis auch als Impfe bezeichnet wird, bleibt abzuwarten.

 

Nun die Anglizismus-Verschnitte. Dass Anglizismen oder Schein-Anglizismen (z.B. Handy, sprich Händieh) sich höchster Beliebtheit erfreuen, bedarf kaum des Kommentars. Still und unbeweint hat sich der Laden aus unserer Wirklichkeit verabschiedet. Er musste dem Shop (sprich Schopp) weichen. Das geht nicht ohne Seltsames einher, so:

Back Shop, der (sprich Backschopp): Vulgo Bäckerei oder eigentlich wieder nicht, denn eine Bäckerei ist doch wohl eher ein Betrieb, in dem Brot aus seinen Grundbestandteilen (Mehl, Wasser, Hefe und so) hergestellt und gebacken wird. Im Back Shop steht bestenfalls ein Elektro-Ofen mit einer Zeitschaltuhr („Zeit-Schalte“), in welchem Fertigprodukte erhitzt und gebräunt werden. Der passende Brotgeruch wird – man mag es nun glauben oder auch nicht – durch die Beigabe von feingemahlenem Haar von männlichen Asiaten erzeugt (hm, lecker). Nebenbei: Auch dieser Anglizismus ist für den Engländer unverständlich. Er vermutet, dass der Brötchenkram nur Fassade ist, während man im Hinterzimmer das eigentliche Geschäft abwickelt. Ist aber nicht so.

Fone oder Phone, das (sprich Fohn): Ist das gute alte Telefon. Mit einem i davor ist es eines von Apple (sprich Äppel) und kommt direkt aus China. Merke: Das i nicht wie ein i sprechen (Apple-Leugner), sondern als langgezogenes Ei. Ein Phone für Computer-Spiele heißt Smartphone.

App, die (sprich Äpp): Programm, das man auf seinen Computer, z.B. ein Smartphone, laden kann und das sich sodann im Betriebssystem breit macht. Nicht immer zum Vorteil des Nutzers, z. B. die Corona-App oder andere Tracking-Apps (sprich Träckingäpps), die dazu dienen, Ihren Standort oder Ihre Gewohnheiten oder beides bei Leuten zu speichern, mit denen Sie eigentlich nichts zu tun haben wollen.

Logistics, die (stets Plural, sprich Lodschisticks): Wichtiges Modewort aus Handel und Wandel, steht für Versorgung, Nachschub, Lagerhaltung, Transport, Ersatzteilbevorratung und -beschaffung, Spedition. Zwingt zu näherem Hinsehen, denn nicht jeder, der einen Vorrat an Taschenlampenbatterien in die Schublade legen will, möchte zugleich eine polnische LKW-Spedition mit der Anlieferung beauftragen.

Service, der (sprich ßörwiss): Eigentlich Hilfestellung oder Beratung oder ganz allgemein Dienstleistung, z. B. Blumengießen, Ölwechsel oder Schneefegen. Sind lediglich inkompetente Ratschläge gemeint, so wird der Service über Service-Nummern abgewickelt. Bezieht sich der Service auf Telefonanbieter, Geldinstitute oder Versicherungen aller Art, sollte man nach dem zweiten vertanen Tag den Anbieter wechseln.

Banking, das (sprich Bänking): Bankgeschäfte aller Art, deren Erledigung die Banken auf die Kunden abgewälzt haben, um Personal einzusparen. Zum Ausgleich verlangen sie von den Kunden happige Gebühren.

Callcenter (sprich Koolßänter): Virtuelles Zentrum von Heimarbeitsplätzen, die über eine Telefonschleife, wenn man Glück hat, zu erreichen sind, was man aber spätestens nach dem zweiten Versuch nie wieder in Erwägung zieht, nachdem man erkannt hat, dass es unmöglich ist, sich mit Sprachunkundigen über ein meist technisches Problem zu verständigen, geschweige denn das Problem aus der Welt zu schaffen.

Fake (geschlechtsneutral, sprich Fääjk): Kurzform für Falschnachricht, Lüge, Desinformation oder Tagesschau. Gewöhnliches Arbeitsmittel der Qualitätsmedien, um die Menschen vor der schlimmen Wirklichkeit zu bewahren.

Handling (sprich Händling oder [falsch] Händeling): Eigentlich Handhabung. Doch wer will schon heutzutage ein technisches Gerät handhaben. Wenn man mit einem modernen Auto losfahren will, einem hierbei das Mäusekino ständig dazwischennörgelt und das Armaturenbrett Töne zum Besten gibt, die man nur mit Mühe und nach Lektüre einer mehrhundertseitigen Gebrauchsanweisung vage lösen kann, dann weiß man es: Man ist beim Handling angekommen.

Blue Tooth (sprich Blutu-und-Ausspucken): Zu deutsch: einsamer Zahn, stellt eine Funkverbindung zwischen elektronischen Geräten in der näheren Umgebung her. Beliebte Möglichkeit, sich ins Gequatsche in fremden Autos einzumischen.

Und sonst? Kanack, das: Deutscher Dialekt, der es ermöglicht, kurze Sätze in einem Atemzug zu sprechen, mit starker Ausbreitung vor allem in den Ballungsräumen Westdeutschlands und in Berlin. Verbindet auf erstaunliche Weise sprachliche Inkompetenz mit gediegener alter Kultur aus dem Orient:

DHL (sprich Dehaéll): Vollkommen sinnfreie Buchstabenkombination auf den Paketautos der Post. Verleiht dem deutschen Staatsbetrieb einen Hauch von Internationalität.

N-Wort, das: Pharisäerhafte Umschreibung des Wortes Neger. Wird unbedingt gebraucht, um jemanden denunzieren zu können, er habe dieses Wort – na, Sie wissen schon) – unerhörter Weise benutzt. Zugleich bringt der N-Wort-Nutzer zum Ausdruck, dass er zu den Guten gehört und unter dem Kolonialismus vergangener Jahrhunderte furchtbar leidet (Hottentotten und so). Das Wort wird über kurz oder lang ein ähnliches Schicksal erleiden, wie alle Vermeidungsworte (z.B. Behinderter anstelle von Krüppel) und einen hämischen Charakter annehmen („Du bisja behindert, ääh“). Merke: Nicht alles, was gut gemeint ist, ist auch gut gemacht.

Bimbo: Gegenstand von Missverständnissen. Während der Deutsche in wenig freundlicher Form Farbige so bezeichnet, vielleicht um das verpönte N-Wort zu vermeiden, hat der Amerikaner ganz anderes im Sinn. Dortzulande ist ein Bimbo weiblich, meist blond, von eher überschaubarem IQ und dem Geschlechtsverkehr in auffälliger Weise zugetan. Merke: Man überdenke, wann und wo man Bimbo verwendet. Man könnte sonst unerwartet Ohrfeigen beziehen.

©Helmut Roewer, Mai 2021

Helmut Roewer: Rechtsanwalt und Dr. jur. Danach Beamter im Sicherheitsbereich des Bundesinnenministeriums in Bonn und Berlin, zuletzt Ministerialrat. Frühjahr 1994 bis Herbst 2000 Präsident einer Verfassungsschutzbehörde. Nach der Versetzung in den einstweiligen Ruhestand freiberuflicher Schriftsteller. Sein jüngstes Buch „Spaygate. Der Putsch des Establishment gegen Donald Trump“ ist im April 2020 im Kopp-Verlag  erschienen.