Über die göttliche Liebe

 

.

von Pater Stefan Frey, Priesterbruderschaft St. Pius X., Österreich

.

Pater Stefan Frey

.

 

Predigt vom 3. Fastensonntag 2021 in Wien

In New York sammelten einmal zwei Ordensschwestern milde Gaben für ihr Armenhaus. Sie kamen auch in einen Metzgerladen, dessen Inhaber ein ziemlich grober Mensch war. Kaum hatten sie ihr Anliegen vorgebracht, da jagte er sie auch schon aus dem Laden; und um seinen Worten Nachdruck zu verleihen, warf ihnen einen Knochen nach. Die Schwestern ließen sich nicht aus der Fassung bringen. Eine hob den Knochen auf und rief lächelnd zurück: „O danke! Das gibt eine gute Suppe!“

Der erst so grobe Mann war entwaffnet: „Das ist ja nicht zum Aushalten mit euch!“ polterte er, rief die Schwestern zurück, schenkte ihnen ein ansehnliches Stück Fleisch und ließ es ihnen sogar ins Haus bringen. Und so geschah es nun fast jede Woche. Er blieb ein Wohltäter der Anstalt.

Diese reizende Geschichte soll uns ins heutige Thema einführen und die Schönheit und die Bedeutung dessen zeigen, worüber wir sprechen wollen: die göttliche Liebe. In der Lesung des heutigen Sonntags mahnt der hl. Paulus: „Wandelt in der Liebe, wie auch Christus uns geliebt und sich für uns als Opfergabe hingegeben hat, Gott zum lieblichen Wohlgeruch.“

Was ist die Liebe und was bedeutet sie für unser Leben? Diese Frage hängt eng zusammen mit anderen Fragen, mit jenen Fragen, die jeden Menschen am tiefsten beschäftigen und auf welche er am sehnsüchtigsten eine Antwort wünscht: Wie finde ich das Glück im Leben? Wozu sind wir auf dieser Welt? Welche Aufgabe habe ich hier zu erfüllen? Wie kann ich aus meinem Leben etwas Schönes und Bedeutungsvolles machen? Was muss ich tun, um in den Himmel zu kommen? Was kann ich tun, damit auch die anderen Menschen in den Himmel kommen?

Auf all diese so brennenden, hochwichtigen Fragen gibt es im Grunde eine Antwort: Ich muss lieben! Wenn ich liebe, erreiche ich alles! Allein darauf kommt es im Leben an. Die Liebe allein gibt meinem ganzen Leben und all meinen Handlungen Wert und Bedeutung, ja in ihr erreicht unser Leben sein Ziel und seine Vollkommenheit. Denn der hl. Thomas von Aquin sagt: „Das Ziel aller menschlichen Handlungen und seelischen Regungen ist die Liebe.“

Gemeint ist aber nicht irgendeine Liebe – und das ist wichtig zu verstehen, denn was wird heute nicht alles als Liebe bezeichnet; gemeint ist die Liebe, die von Gott kommt, die der Heilige Geist in unsere Herzen ausgießt mit der heiligmachenden Gnade: die göttliche Tugend der Liebe.

Die Liebe, die wir aus uns selbst haben, wäre viel zu schwach, eine rein menschliche Liebe hätte niemals die Kraft, meinen Handlungen ewigen Wert zu verleihen. Alles Tun bliebe eben menschlich, und somit begrenzt und schwach.

Nicht so aber bei der göttlichen Liebe. Die göttliche Liebe ist eine Kraft, welche die menschlichen Grenzen sprengt, und unsere Handlungen über alles Irdische erhebt und sie so auf den Himmel ausrichtet und uns mit Gott verbindet. Damit ist das tiefe Geheimnis der übernatürlichen Liebe angedeutet. Sie ist ein Abglanz der unendlichen Liebenswürdigkeit Gottes. Wenn sie in unsere Herzen eingegossen wird, werden wir Gott ähnlich. Und damit werden wir fähig, mit jener Liebe zu lieben, mit welcher Gott uns liebt. Darum bewirkt diese göttliche Liebe auch, dass unsere Werke Gott überaus wohlgefällig werden und wir uns mit Ihm verbinden.

Wir sehen also: Von dieser Liebe hängt alles ab! Sie ist der Maßstab, nach dem alles gemessen und beurteilt wird. Wenn sie unsere Herzen erfüllt, dann hat unser Leben höchsten Sinn und schenkt tiefste Zufriedenheit, wo die Liebe fehlt, da fehlt alles, ist alles umsonst und wertlos, mag ein Mensch sonst noch so großartige Leistungen erzielen.

Paulus sagt ganz unmissverständlich: „Selbst, wenn ich allen Glauben hätte, so dass ich Berge versetzte, hätte aber die Liebe nicht, so wäre ich nichts. Und wenn ich meinen ganzen Besitz den Armen zuteilte und wenn ich meinen Leib den Flammen preisgäbe, hätte aber die Liebe nicht, so nützte es mir nichts.“

Wir können nun daraus Schlüsse ziehen, die für unser Leben von außerordentlicher Bedeutung sind:

  1. Der Wert meiner Handlungen hängt ab vom Grad der Liebe, mit dem ich sie tue.

Es kommt nicht so sehr darauf an, was ich tue, sondern wie ich es tue. Wenn eine Mutter ihrem Kind bei den Hausaufgaben hilft, oder mit dem Staubsauger unterwegs ist und dabei viel Liebe in ihr Tun hineinlegt, hat es hohen Wert, legt sie nur wenig Liebe hinein, hat es auch nur geringeren Wert.

Der hl. Franz von Sales drückt diese Wahrheit in der ihm eigenen Sprache aus: „Ein Nasenstüber, den man mit zwei Unzen Liebe erträgt, ist mehr wert als das Martyrium, mit einer Unze Liebe ertragen.“ – Entscheidend ist also das Maß der Liebe, das ich in meine Handlungen, Arbeiten, Tugendakte hineinlege.

Wir kommen gleich zu einer weiteren wichtigen Frage: Was macht denn eigentlich das Maß der Liebe aus, wie kann ich erkennen, wie groß mein Maß ist, oder noch wichtiger, wie kann ich es erhöhen…?

Es gibt drei Kennzeichen, gleichzeitig drei Mittel, um in der Liebe voranzuschreiten.

1) Reinheit der Absicht

Was ich auch plane oder unternehme, ich tue es in der reinen Absicht, damit Gott zu gefallen, seinen hl. Willen zu erfüllen, den Nächsten zu dienen und ihnen nützlich zu sein = Reinheit der Gottes- und Nächstenliebe.

Leider kann diese Reinheit getrübt werden. Es können sich unlautere Nebenabsichten einschleichen. – Da wird im Priorat XY eine Primiz vorbereitet, man sucht für das Primizessen einen freiwilligen Koch oder eine Köchin. Die Fr. Mohnfeld horcht sofort auf u. sagt sich: „Da melde ich mich, das ist die Gelegenheit. Da kann ich zeigen, wie großartig ich bin, wie phantastisch ich koche, wie selbstlos ich mich aufopfere!“ – Tatsächlich, das Primizmahl wird ein Riesenerfolg, Leute schwärmen: Also Frau Mohnfeld, einzigartig, ein Starkoch hätte…

Unsere Köchin freut sich über ihren Erfolg, aber: Leider ist das gute Werk befleckt durch die eitle Eigenliebe und sein Wert vor Gott gesunken.

2) Intensität der Aufopferung, oder: Freude der Aufopferung

Beispiel: Sie haben eine schlechte Nacht, können nicht schlafen, wälzen sich von einer Seite auf die andere, missmutig, halb verzweifelt, weil Sie am kommenden Tag eine schwere Prüfung ablegen müssen. „Wie soll das morgen nur gut gehen? Was soll ich nur tun? Ja, ich könnte ja beten. Also lieber Gott, bitte hilf mir, ich möchte Dir ja keine Vorwürfe machen, aber eigentlich hätte ich einen erholsamen Schlaf dringendst nötig. Ich will mich schon in deinen Willen ergeben, aber ehrlich gesagt, ungern! Ich bitte Dich inständig, mich etwas schlafen zu lassen.

Eine solche Reaktion ist menschlich, aber keine freudige Aufopferung, keine intensive Hingabe, zeugt von einem schwachen Gottvertrauen und einer noch bescheidenen Liebe!

Guter Rat: Bemühen wir uns immer um eine freudige Aufopferung mit feuriger Hingabe, restlosem Vertrauen: „O Jesus, wenn Du willst, dass ich die ganze Nacht wach bleibe, so will ich es auch gerne, freue mich, Dir Gesellschaft zu leisten mit Stoßgebeten. Du kannst ja alles möglich machen, auch dass ich morgen die Prüfung bestehe, und wenn ich durchrattere, dann trete ich aus Liebe zu Dir zur Nachprüfung an.“

Die freudigen Aufopferungen sind es, die der Liebe mächtigen Auftrieb verleihen = Triumphe der Liebe. – „Gott liebt den freudigen Geber“!

Thomas von Aquin: Die Liebe wächst durch die intensiven Akte, nicht aber durch die bloß mittelmäßigen. – Ein Vergleich mag dies veranschaulichen: Wie kann ein Hochspringer seine persönliche Rekordmarke steigern? Nur durch einen sehr intensiven Sprung, niemals durch mittelmäßige, die ihm nichts nützen. Doch Gott ist immer grenzenlos gut, denn auch das Mittelmäßige, wenn es auch kein Wachstum in der Liebe bewirkt, wird belohnt werden.

Das ist so wichtig zu wissen, es stellt das menschliche Tun in ein ganz neues Licht: Der hl. Bonaventura bezeugt: Ein Tag voller Kreuz (oder eine Nacht), ganz Gott ergeben, in Liebe erduldet, hat mehr Wert als ein Jahr mit Fasten zugebracht!

3) Häufigkeit

Wenn die Liebe wächst, dann drängt sie danach, sich immer zu betätigen, ohne Unterbruch Gutes zu tun. „Die Liebe Christi drängt uns“, sagt der hl. Paulus. Sie ist ja eine göttliche Kraft, die uns durch das Wehen des Heiligen Geistes antreibt, Gott und den Nächsten zu dienen, keine Zeit zu verlieren, ja sich zu beeilen.

Ein Rat: Vermehren Sie die Liebesakte, z.B. in Form von Stoßgebeten, in welchen Sie Ihre ganze Hingabe hineingelegen, alles Vertrauen und beständige Bitte. Auch hier sei ein Vergleich angeführt: Der Liebesakt entspricht dem Zündfunken in einem Auto mit Benzinmotor. Diese Funke bringt Benzin-Luftgemisch zum Explodieren und treibt den Motor und somit das Auto an. – Je häufiger und schneller der Zündfunke springt, umso mächtiger der Antrieb. Aussetzer in der Zündung hingegen machen die Reise sehr unangenehm.

Leider stößt die Liebe in ihrer Entfaltung auf ein gewaltiges Hindernis, das in drei Buchstaben benannt werden kann: EGO! Das eigene Ich, der Egoismus oder die Egozentrik. Hier tritt der der Todfeind der Liebe auf, der sich ständig gegen die drei erwähnten Kriterien in Stellung bringt:

  • Eitelkeit, Eigenwille: Statt Gott zu gefallen, lebt man sich selbst zum Gefallen; statt den Willen Gottes anzubeten, verabsolutiert man seinen eigenen an.
  • Genusssucht: Statt der Freude der Aufopferung jagt man irdischen Freuden und Vergnügungen nach.
  • Ohnmacht: Statt eifrig zu sein in Liebeswerken, verfällt man einer ohnmächtigen Lähmung der Seele, die sich im Müßiggang äußert.

Lebenslang müssen wir gegen diesen Feind in uns kämpfen: durch reine, intensive und häufige Liebesakte!

Einwand: „Aber es ist schwer, alle egoistischen Neigungen zu überwinden, dazu noch all die Schwierigkeiten des Lebens und den Ärger zu ertragen. – Das schaff ich einfach nicht!“

Das stimmt. Aus eigener Kraft schaffen Sie es niemals. Aber das Geheimnis der Liebe ist es ja, eine übermenschliche, göttliche Kraft zu sein. „Denen, die Gott lieben ist alles möglich!“

Diese göttliche Kraft der Liebe brauchen wir nur zu erbitten. Wenn wir unsere Bedürftigkeit spüren, eilen wir zu Gott als Bettler der Liebe, klopfen wir an bei seinem göttlichen Herzen. Gott ist nie geizig, weist keinen zurück, der aufrichtig zu ihm kommt. Insbesondere in den Sakramenten wird uns die himmlische Gabe der Liebe geschenkt. Haben wir Vertrauen. Nach dem Maß unseres Vertrauens und unserer Sehnsucht wird er uns beschenken.

Ein letzter Gedanke:

Die Liebe ist hingeordnet auf den Triumph! Wahre Liebe wird nie zuschanden, nein sie ist immer fruchtbar und siegreich, denn das Gute, das sie schafft, ist stärker als alle Bosheit.

Zunächst soll sie in uns triumphieren. Denn sie ist fähig zu unbegrenztem Wachstum. Bis zu unserem letzten Atemzug soll die Liebe wachsen und von Tag zu Tag das Bild Gottes in uns klarer und herrlicher gestalten. Welch beglückendes Geheimnis: Sie nimmt irgendwie an der Unendlichkeit Gottes teil, weil sie keine Grenzen kennt.

Doch nicht nur in uns soll die Liebe triumphieren, sondern auch um uns herum. Sie strahlt aus, überwindet das Böse und gewinnt die Herzen. Wer sich bemüht, stets Güte zu verströmen, allen gleichermaßen nur Gutes zu tun, der wird Siege sehen. Man wird vielleicht manche Enttäuschungen erleben, Misserfolge einstecken müssen, doch das darf uns nicht entmutigen, auf die Dauer wird die Güte die Herzen erobern. Denken sie nur an die Geschichte der Klosterschwestern mit dem knurrigen Metzger.

Ich glaube, diese Wahrheit ist eine der Hauptbotschaften für die heutige Zeit, die geprägt ist von Konsummentalität, Profit- und Machtgier sowie Rücksichtslosigkeit. Wir leben in einem geistigen Eiszeitalter. Der Egoismus macht das Herz leer, kalt, unglücklich und erweist sich immer als Illusion.

Seien wir überzeugt: Liebe wirkt ansteckend. Auf die Dauer wird sich ihr selten jemand entziehen können, auch wenn es manchmal etwas dauert, bis das Eis geschmolzen ist.

„Credidimus caritati – Wir haben an die Liebe geglaubt“, lautete der Wahlspruch unseres Gründers, Erzbischofs Lefebvre. Tun wir dies ebenfalls, gerade in der heutigen schweren Zeit, in welcher die Mächte des Bösen triumphieren. Die siegreiche Gegenmacht besteht letztlich allein in der göttlichen Liebe:

  • Sie verleiht uns Mut und Zuversicht, zu kämpfen und durchzuhalten, wenn Gott will, bis zum Martyrium.
  • Da die Liebe bekanntlich erfinderisch macht, gibt sie uns ein, wie wir auf die gegenwärtigen Herausforderungen richtig reagieren und – soweit gefordert – Widerstand leisten sollen.

Bitten wir immer wieder, ohne nachzulassen, den lieben Gott um seine kostbarste himmlische Gabe. Wir werden sie besonders in Fastenzeit brauchen: Die Liebe allein wird uns antreiben und die Kraft geben, großherzig Buße zu tun und Verzicht zu leisten…

Beten wir zur Gottesmutter, der Mutter der schönen Liebe, zu den Engeln und Heiligen, sie mögen uns helfen, ihr Beispiel der Liebe nachzuahmen, auf dass alle unsere Herzen mehr und mehr entflammt werden, so sehr wie etwa das Herz des hl. Franz von Sales, dessen Liebe so unverwüstlich ist, dass er sagen konnte: „Ich weiß nicht, wie Gott mein Herz gebildet hat; auch wenn mir jemand ein Auge ausreißen wollte; ich müsste ihn mit dem anderen immer noch freundlich ansehen.“ 


Stefan Frey

Distriktoberer der Priesterbruderschaft St. Pius X. von Österreich

Publikation in der Aktuellen Zeitgeschichte mit freundlicher Genehmigung des Autors.