Wenn der Frieden Aufwind bekommt

von Helene Walterskirchen:
Wenn der Frieden Aufwind bekommt

 

 

Der Kemptener Oberbürgermeister Thomas Kiechle mit der Autorin bei der Preisverleihungsveranstaltung „Kemptener Schüler malen für den Frieden 2018“

 

Seit nunmehr acht Jahren bin ich als Friedenskultur-Mentorin tätig und habe verschiedene Friedenskultur- und Friedenskunst-Projekte ins Leben gerufen. Das Projekt, das sich als das stärkste erwiesen hat, ist die „Friedens-Banderole“, ein Volkskunstwerk des Friedens, das ich 2010 ins Leben gerufen habe sowie das Schwester-Projekt „Schüler malen für den Frieden“, das es seit 2016 gibt. Die Friedens-Banderole ist mittlerweile ein 1,7 km langes Stoffbanner, auf dem mehrere Tausende von Menschen ihr Friedensbild gemalt haben und mit dem wir bei Schulen, Seniorenheimen, Pfadfindertreffen, Kirchenfesten, Friedensfesten usw. waren. Die Aktion „Schüler malen für den Frieden“ habe ich ins Leben gerufen, um explizit an Schulen, im Kunstunterricht, Schülern die Möglichkeit zu geben, ihr Friedensbild zu malen. Das Malen des Friedensbildes ist Teil der Friedenspädagogik an Schulen, die ich dadurch anregen wollte. In den drei stattfindenden Mal-Wettbewerben malten Schüler verschiedener Schulen in Augsburg (2016), in Landsberg am Lech (2017) und in Kempten (2018). Wir haben auf diese Weise eine schöne Sammlung von künstlerisch beeindruckenden Friedensbildern bekommen.

Das Friedensmotto, das ich kreiert habe, lautet:

„Löse Deinen Konflikt nicht streitorientiert, sondern friedensorientiert! Dadurch zerbrichst du kein wertvolles Porzellan in deinen Beziehungen.“

 

Gruppenfoto der vier Hauptgewinner und sechs Nebengewinner aus dem Wettbewerb „Kemptener Schüler malen für den Frieden“ mit dem Schulleiter der Maria-Ward-Realschule in Kempten Wolfgang Kern (rechts)

 

Das Interesse am Frieden ist in der Bevölkerung relativ gering. – so habe ich es über die Jahre erfahren. An unseren Veranstaltungen nehmen zumeist wenige Menschen teil, doch die, die kommen, kommen nicht, weil es Freibier und Würstl gibt, sondern weil ihnen der Frieden wichtig ist. Mein jahrelanges Friedenskulturengagement wird zwar in der Öffentlichkeit für gut geheißen, jedoch auch ein wenig belächelt. Was bringt es schon?! Mit Frieden kann man weder Geld verdienen noch Besitz anhäufen, noch sein Image aufpolieren oder gar Fun haben. Frieden hat eine Aura von Langeweile, von Religiösem, von Missionarischem. Das hat über die Jahre dazu geführt, dass ich gelegentlich bei meinem Friedensengagement demotiviert war, jedoch gab es immer wieder Menschen, die mir mit ihren Worten Mut gemacht und mir dadurch neue Motivation gegeben haben.

So sagte beispielsweise der Kemptener Oberbürgermeister Thomas Kiechle im Frühsommer 2018 bei der Preisverleihungsfeier der Aktion „Kemptener Schüler malen für den Frieden“ zu mir, dass er eigentlich aufgrund eines vollen Terminkalenders zu solchen Veranstaltungen wie dieser nicht gekommen wäre, wenn es nicht um Frieden gegangen wäre. Der Frieden aber und das, was wir in Sachen „Frieden“ tun“ sei es ihm wert gewesen. Am Ende der Veranstaltung verabschiedete er sich von mir mit den Worten: „Sie sind jederzeit wieder herzlich mit einer solchen Aktion in Kempten willkommen!“

Diese Worte, die durch und durch ehrlich klangen, waren für mich und mein Friedenskultur-Engagement sehr motivierend, kamen sie doch in einer Zeit, in der in meinem Engagement gerade Flaute herrschte. Sie gaben den nötigen Aufwind, damit das Schiff wieder in Fahrt kam.

Einer, der im Jahr zuvor den entscheidenden Ausschlag gab, die Friedens-Banderole in ihrer gesamten Länge und Präsenz Ausdruck zu geben, war der erste Bürgermeister der Gemeinde Igling, Günther Först. Er griff meinen Vorschlag, die Friedens-Banderole einmal ausgerollt von ihrem Heimatort Schloss Rudolfshausen entlang der Hauptstraße durch den Ort Holzhausen und womöglich auch weiter nach Igling zu spannen, auf und sorgte mit seinem „amtlichen Segen“ für die Realisierung.

Und um zu zeigen, wie wichtig ihm der Frieden und unser Friedenskultur-Engagement sind, hielt er nicht nur eine einführende Friedensrede, sondern führte auch die Aktion an und begleitete sie bis zum Ende.

Auch durch diese spektakuläre Aktion in Holzhausen bekamen der Frieden und unsere Friedens-Banderole einen erheblichen Aufwind. Die Aktion war in die Kreiskulturtage Landsberg am Lech eingebettet und zeigte die Vielfältigkeit des kulturellen Ausdrucks in der Region.

 

Der erste Bürgermeister, Günther Först, mit der Autorin bei der Ausrollaktion der Friedens-Banderole vor Schloss Rudolfshausen entlang der Hauptstraße

 

Das Thema „Frieden“ ist vielen Menschen zu nichtssagend. Frieden wird erst dann für viele interessant, wenn es um Kampf für den Frieden geht. Der Friedenskampf ist eine aktive, emotionale Sache und gibt dem farblosen Frieden eine Färbung. Sie macht ihn sichtbar und fassbar für die Menschen. Mein Engagement zur Förderung der Friedenskultur und Friedenskunst hat für viele zu wenig emotionalen Zündstoff und erheiternde Elemente. Kultur und Kunst gehören zudem in die Domäne der Musen und sind, kombiniert mit Frieden, Bereiche, die den Menschen aus seiner reinen Betrachterrolle herausholen und in seinem Inneren etwas anfachen, das nicht jedem bequem ist. Wenn man sich mit Frieden befasst, muss man sich auch mit Streit, Kampf und Krieg befassen und das ist keine leichte Kost. Das macht den Frieden zu einem schwierigen Thema, mit dem man sich durchaus im Schulunterricht oder beim Kirchenbesuch befasst, aber nicht in der Freizeit, wo man Spaß haben möchte. Ja, würde ich mich mit menschlicher Liebe befassen, dann würde das sicherlich viele Menschen ansprechen. Aber Frieden!? Dabei ist der Frieden eine tolle Sache – nur wissen es viele nicht.

Der Frieden ist neutral bzw. neutralisierend und glättet Wogen, die durch Konflikte und Streit entstanden sind. Er ist nicht emotionalisierend wie die menschliche Liebe, die Gefühle erzeugt und das Herz zum Klopfen bringt. Die Liebe kommt meistens mit Pauken und Trompeten, die den Menschen aus seinem Alltagsdasein heben; der Frieden dagegen kommt mit einem beruhigenden Gesang, wie ihn die Mutter singt, wenn sie ihr aufgeregtes Kind beruhigen möchte.

Viele Menschen lieben spektakuläre Szenen, in denen sie, wie im Theater, schreien, streiten, kämpfen oder weinen können. Die Liebe ermöglicht es ihnen, denn sie facht die Emotionen im Menschen an und stärkt sein dramatisches Naturell. Der Frieden hingegen beruhigt alle emotionalen Wogen, erzeugt Ruhe und Ausgeglichenheit im Menschen und stärkt sein friedliches Naturell.

Die Liebe atmet ein, sie macht den Brustkorb weit, sie spannt sich an, sie füllt sich an und kostet den süßen Geschmack der Liebe. Der Frieden hingegen atmet aus, er entspannt den Brustkorb, er entledigt sich aller Gefühle und lässt sich tragen von einem Zustand der inneren Ruhe.

Die Liebe empfinden wir als etwas Attraktives, weil sie so lebendig und dynamisch ist wie Feuer. Den Frieden hingegen finden wir als eher langweilig, weil er kein Feuer ist und Feuer hat. Er ist erloschene Glut. Mit Asche kann man nicht spielen – Asche bleibt Asche. Ganz anders das Feuer: Man kann es immer mehr zum Lodern bringen und daraus ein Feuerspektakel machen.

Deshalb suchen viele Menschen den Zustand der Liebe und meiden den Zustand des Friedens. Sie sehen im Frieden kein Terrain zum Spielen. Und wissen nicht, dass gerade der Zustand des Friedens erst die Qualitäten des Lebens sichtbar werden lässt und dem Menschen die Ruhe und Gelassenheit gibt, sich seiner Entfaltung und seinen Visionen zu widmen. Wir tun gut daran, dem Frieden immer wieder Aufwind zu geben.

 

Mal-Aktion auf der Friedens-Banderole und Ausstellung PEACE ART mit Friedensbildern auf dem Kinderfriedensfest in Augsburg im Botanischen Garten 2017

 

Copyright © aller Texte und Fotos (ausgenommen Fremd-Fotos mit Quellenangaben) dieser Ausgabe liegt bei Helene Walterskirchen

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