Where to, Miss Manuela Bastian?

von Helene Walterskirchen
Where to, Miss Manuela Bastian?


Es sind die schicksalsträchtigen Querverbindungen, die ohne unser Wissen und Zutun die Fäden zwischen uns Menschen spinnen und uns dorthin führen, wo sie es beabsichtigen. Dies war der Fall bei der jungen Regisseurin Manuela Bastian und mir.

Es war eines Tages im Sommer des Jahres 2017, als mir meine Tochter eine neue DVD auf meinen Stapel anzuschauender Filme legte mit dem Hinweis: „Ein interessanter Dokumentarfilm von einer jungen Regisseurin. Den solltest Du Dir mal anschauen!“ Der Film hieß „Where to, Miss?“; die Regisseurin hieß Manuela Bastian. Neugierig geworden, schaute ich mir den Film noch am selben Abend an. Der Inhalt in kurzen Worten: eine junge Inderin macht sich auf den schweren Weg, sich in einer männerdominierten Welt zu emanzipieren und als Taxifahrerin ihren Platz im Leben zu finden. Auch wenn ich den Film gesehen hatte, die Regisseurin hatte erst einmal keinen Auftritt, sondern blieb im Dunklen.

Und weiter spannen die Nornen ihre Fäden: Im November 2017 erhielt ich über Axel Flörke, den Kulturreferenten der Stadt Landsberg am Lech, eine Einladung zur Kulturförderpreisverleihung des Landkreises Landsberg im Stadttheater. Fast wäre ich nicht hingegangen, da ich am selben Tag einen Interviewtermin in Hamburg hatte. Einer Eingebung zur Folge, verlegte ich jedoch den Termin und war so frei für die Kulturförderpreisverleihungsfeier am 15.12.

Vier Kunst- und Kultur-Schaffende aus der Region Landsberg erhielten an diesem Abend ihre Kulturförderpreise überreicht: Der Fotograf Philipp Altheimer, 26 Jahre, der 18-jährige Klavierspieler Markus Philipper, der 20-jährige Percussion-Student Korbinian Fichtl und – last not least – die 30-jährige Regisseurin Manuela Bastian mit ihrem Filmwerk „Where to, Miss?“. Nun hatte auch sie ihren Auftritt, Manuela Bastian, die Regisseurin; die Scheinwerfer des Stadttheaters erhellten das Dunkel.

Ich traf sie etwas später im Foyer des Stadttheaters, erzählte ihr meine etwas seltsame Geschichte mit ihrem Film und wir vereinbarten ein Gespräch Anfang des neuen Jahres, um die Fäden unserer Geschichte weiter zu spinnen.

Preisträgerin Manuela Bastian und ihre Laudatorin, die Kreiskulturrätin Annunciata Foresti

Fortsetzung Februar 2018, Kulisse: italienisches Restaurant in Schondorf, am Vormittag ein ruhiger Platz, um in südlichem Ambiente ein ungestörtes Gespräch zu führen und weiteres Licht in das Leben und Wirken einer jungen, ideenreichen und zielstrebigen Regisseurin zu bringen.

Manuela Bastian, geboren 1987 in München, aufgewachsen am Ammersee, machte ihre ersten Regieerfahrungen in der 10. Klasse der Waldorfschule in Landsberg am Lech, wo sie bei einer Aufführung des Theaterstücks „Der Club der toten Dichter“ mit einer Mitschülerin Regie führte. In der 12. Klasse, kurz vor dem Abitur, folgte ein weiteres Regieprojekt: ein 5-minütiger Film über ein kenianisches Waisenhausprojekt von Esther und Rupert Riedel, den Betreibern des Uttinger Strandbads. Maßgeblichen Anteil, dass das Filmprojekt realisiert werden konnte, trug ihr Vater, der sie nicht nur nach Kenia begleitete, sondern sowohl die Reise wie auch das Projekt finanzierte.

Auf meine Frage, was sie mit dem Film gemacht und ob sie dafür eine Gage bekommen hat, antwortet Manuela Bastian: „Ich habe ihn dem Verein überlassen, damit sie ihren Sponsoren zeigen konnten, wie es vor Ort aussieht und was dort so gemacht wird. Nein, eine Gage bekam ich nicht, dafür war der Film nicht gut genug. Mir jedoch war er sehr wichtig, denn ich habe bei der Gelegenheit viel gelernt, auch wie man mit einem Schneideprogramm arbeitet. Das konnte ich vorher nicht.“

Nach dem Abitur fuhr Manuela Bastian für drei Monate mit einer Freundin nach Indien und lernte eine bis dahin unbekannte Kultur kennen, die sie einerseits faszinierte, andererseits aber auch erschreckte, allen voran die dramatische Frauensituation in der dortigen männerdominierten Welt. „Ich habe das jedoch erst einmal filmisch nicht umgesetzt, sondern mich an der Kunstakademie in München beworben und bin auch genommen worden. Eigentlich hatte ich mich an der Filmhochschule München bewerben wollen, hatte aber nicht den Mut dazu. Nach einiger Zeit jedoch merkte ich, dass es mir zu einsam und eintönig war, alleine zu malen. Ich wollte mehr Mittel verwenden, um etwas zu erzählen. Bei einem Film kommen so viele Sachen zusammen, z.B. Ton, Musik, Sprache, bewegte Bilder, das macht das Ganze sehr lebendig.“

In diese Zeit fiel ein erneuter Indienaufenthalt von Manuela und ein Thema, von dem sie sich gepackt fühlte: die Gulabi-Gang. Deren Leiterin, die Frauenrechtsaktivistin Sampat Pal Devi, sagt dazu: „In Indien ist es ein Fluch, auf der untersten Stufe der sozialen Leiter zu stehen, aber mindestens genauso schwierig ist es, eine Frau zu sein.“ Aus eigener Erfahrung mit tyrannischen Schwiegereltern und gewalttätigen Ehemännern in der Nachbarschaft trat Sampat Pal eine Gegenbewegung los, die wenig später unter dem Namen Gulabi Gang bekannt werden sollte, zu Deutsch: Pinkfarbene Bande. (Auszug aus Spiegel Online, vom 28.03.2014, von Susanne Kaiser)

Manuela: „Meine Freundin, die ich in Indien besuchte, studierte Hindi und sprach es sehr gut. Ich sagte eines Tages zu ihr: ‚Wir müssen unbedingt einen Film über die Gulabi Gang machen und du musst mitmachen‘. Das hat sie dann auch tatsächlich gemacht und so entstand mein zweiter Film „Kampf in Pink“, ein einstündiger Dokumentarfilm. Es war mein erster Film, der auch auf Festivals lief, z.B. dem 5-Seen-Filmfestival im Raum Starnberger See/Ammersee. Das war damals ein wichtiger Motivationsschub für mich, da ich kurz zuvor eine Absage auf meine Bewerbung an der Filmhochschule München erhalten hatte und ziemlich down war.“

Wieder motiviert, bewarb sich Manuela Bastian danach bei der Filmhochschule in Ludwigsburg und erhielt kurz darauf zu ihrer großen Freude eine Zusage. Fünf Jahre lang ist sie seitdem zwischen Ammersee und Ludwigsburg hin und hergependelt, wobei sie jetzt kurz vor der Vollendung steht. Das Studium an der Filmhochschule ermöglichte ihr den Kontakt und den Austausch mit anderen Gleichgesinnten, etwas, das sie bis dahin im Raum Ammersee nicht in dem Maße gehabt und daher immer vermisst hatte. Sie konnte zudem neue, wichtige Kontakte zur Filmwelt knüpfen, etwas, das unerlässlich ist, um später beruflich in dieser Welt Fuß fassen zu können.


2013 startete Manuela Bastian mit ihrem nächsten Dokumentarfilm, der sich wiederum mit dem Thema der Gleichberechtigung indischer Frauen befasste: „Where to, Miss?“ Protagonistin des Films ist die junge Inderin Devki Verma, die einen Traum hat: sie will Taxifahrerin werden – ausgerechnet in der Millionenstadt Delhi, in der selbst emanzipierte Frauen nachts nicht alleine auf die Straße gehen, da sie Angst haben vor Überfällen und Vergewaltigung. Devki möchte daran etwas ändern. Bei der indischen Ausbildungsinitiative „Sakha Consulting Wings“ macht sie eine Ausbildung zur Taxifahrerin, um später Frauen – auch nachts – sicher von einem Ort zum anderen fahren zu können. Sie besteht die Prüfung nicht, ist am Boden zerstört, beugt sich ihrem Vater und stimmt seinen Heiratsplänen zu, zieht weit weg zu ihren Schwiegereltern. Nachdem Devki Mutter eines Sohnes geworden ist, erwacht ihr Kampfgeist wieder. Sie bricht aus der einengenden Familie ihres Mannes aus, um ihren großen Traum doch noch zu realisieren.

Insgesamt drei Jahre, jeweils in den Semesterferien, reiste Manuela Bastian nach Indien und arbeitete an ihrem Film: 2013, 2014 und 2015. Ein Problem waren die notwendigen Gelder, um den Film zu finanzieren, aber auch dabei stand der Film unter einem Glücksstern. Den ersten Dreh finanzierte der Vater und die Filmakademie, den zweiten eine Crowdfunding-Aktion und den dritten die Norbert-Janssen-Stiftung. Der Film wird ein Erfolg und erhält verschiedene Preise, unter anderem den Dokumentarfilmpreis Granit auf den internationalen Hofer Filmtagen, den Internationalen Nürnberger Menschenrechtspreis und den Publikumspreis beim Filmfestival in Kitzbühel. Und die Krönung des Erfolgs: er kommt ins Kino. Manuela Bastian ist überglücklich.

Derzeit brütet sie gerade über einigen neuen Filmideen und Projekten, unter anderem zum Thema „Matriarchat“. Manuela Bastian: „Es gibt davon nur noch ganz wenige auf der Welt, die im Zeitalter des Patriarchats überlebt haben. An einer bin ich gerade dran, die ist in Mexiko. Mich interessieren solche matriarchalischen Gesellschaftsstrukturen.“

Auf meine Frage, ob sie feministisch angehaucht ist, wehrt Manuela Bastian ab. „Das Wort ‚feministisch‘ ist, gesellschaftlich gesehen, zwiespältig. Ich habe aber ein Faible für starke Frauen, die sich in einer patriarchalischen Gesellschaftsordnung nicht unterdrücken lassen, sondern für ihre weibliche Würde und Selbstbestimmung kämpfen. Indem ich beispielsweise darüber einen Film mache, werden andere Frauen motiviert, nicht das Hoffnungslose ihrer Situation zu sehen und sich darin zu ergeben, sondern auch aufzustehen und für ihre Träume zu leben und zu kämpfen.“

Und hier laufen die schicksalhaften Fäden, die Manuela Bastian und mich miteinander verknüpfen seit ich den Film „Where to, Miss?“ sah, in einem Zentrum zusammen, das sich „Frauenkultur“ nennt, eine Frauenkultur in einem gleichberechtigten Miteinander von Männern und Frauen, eine Frauenkultur der weiblichen Würde, Selbstbestimmung und Freiheit. Ein Thema, das nicht nur mich, sondern auch zahlreiche andere Frauen dieser Welt, betrifft und anspricht. Ein erfolgsorientiertes Thema für eine junge Regisseurin, die nicht nur Karriere machen, sondern auch sinnhafte, gesellschaftsverändernde Filme machen möchte.

Manuela Bastian und die Autorin nach der Kulturförderpreisverleihung im Foyer des Stadttheaters Landsberg im gemeinsamen Gespräch

 

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