Zerstörte Erdböden – erschöpfte Nährstoffe: Was wir erkennen müssen

Moderation Helene und Alexandra Walterskirchen

Zerstörte Erdböden – erschöpfte Nährstoffe: Was wir erkennen müssen 
von Prof. Andrew R. Dyer

 

 

Prof. Andrew R. Dyer (Fotoquelle: Prof. Dyer)

Snd-

Wir haben im vergangenen Jahr einen Vortrag von Prof. Andrew R. Dyer mit dem Titel „The Importance of Evolutionary Biology to Understandig Food Production, Diet and our Health“ bei „The Real Truth about Health“ (einem amerikanischen Gesundheitskongress, der auch einen eigenen Youtube-Kanal hat) gesehen, der uns sehr bewegt hat, so dass wir bei Prof. Dyer angefragt haben, ob er uns zu einem Interview zur Verfügung steht. Andrew R. Dyer ist Professor für Ökologie und Evolution, Umweltwissenschaft, Botanik und Restaurierungsökologie an der Universität von Süd Carolina Aiken. Wir haben ihm einige Fragen zum Thema „Bodenzerstörung“, Bodenregeneration, landwirtschaftlicher Anbau, Gartenanbau, qualitativ hochwertige Obst und Gemüse-Produktion, neue Anbaumethoden wie Aeroponic, Aquaponic etc.“ gestellt, die er nachfolgend ausführlich beantwortet hat. Unsere Fragen und die Antworten von Prof. Dyer sind nachfolgend aufgeführt:

Frage KMSR: Sind unsere Erdböden, in denen wir anbauen, wirklich so kaputt, dass ohne künstlichen Dünger und ohne Einsatz von Pestiziden nichts mehr wachsen würde?

Prof. Dyer: „In meinem Buch „Chasing the Red Queen“ (siehe Seite zuvor) habe ich einige Gründe dafür genannt, warum die moderne Landwirtschaft den Boden so schädigt. Allein der Prozess des Pflügens bzw. Umgrabens tötet eine große Anzahl der für die Bodengesundheit verantwortlichen Organismen und führt zudem zur Verdichtung des Bodens. Die Schäden haben in den letzten 70 Jahren zugenommen, da die Landwirte zunehmend auf Kunstdünger und synthetische Pestizide angewiesen sind. Viele dieser Stoffe bestehen aus Salzen, die für die Bodenmikrobengemeinschaft toxisch sind und zudem die biologische Vielfalt im Erdboden immer weiter verringern.

Da gesunde Böden ein Ökosystem sind und durch die im Erdboden lebende biologische Vielfalt erhalten werden, schädigt jede menschliche Tätigkeit, die mikrobielle Gemeinschaft und damit auch die Erde bzw. das Leben im Erdboden. Wir müssen heutzutage feststellen, dass der Erdboden immer weniger in der Lage ist, den landwirtschaftlichen Anbau ohne den Einsatz von immer mehr Chemikalien zu ermöglichen. So stecken wir in einer Falle, in der unsere landwirtschaftlichen Betriebe an Produktivität verlieren. Die Böden sind zerstört, und die Nährstoffe in den Böden sind erschöpft.

Leider haben wir uns bei der kommerziellen Landwirtschaft auf die Steigerung und Aufrechterhaltung eines sehr hohen Produktivitätsniveaus konzentriert, und unsere Fähigkeit, dieses Niveau zu erreichen, basiert auf künstlichen Zugaben wie Düngemitteln. Wir haben zu wenig darauf geachtet, wie wir den Boden beim Anbau von Nahrungsmitteln unterstützen können, und wir haben uns noch weniger darum gekümmert, die Schäden, die mit modernen Techniken und Chemikalien in den Erdböden entstanden sind, zu beheben.“

Frage KMSR: Würde sich der heutige, kaputte Erdboden, wenn die Menschen mehrere Jahre nichts mehr darin anbauen würden, wieder regenerieren?

Prof. Dyer: „Die Regeneration des Erdbodens geschieht nicht so einfach. Das Brachliegenlassen bzw. Ruhenlassen des Bodens übersieht die Tatsache, dass der Boden kein „lebloses Ding“ ist, sondern ein Prozess. Ein gesunder Erdboden besteht zu etwa 50% aus Luft und Wasser, zu ca. 5% aus Organismen und organischem Material und zu 40% aus anorganischen Materialien wie Sand, Schluff und Lehm. Wenn die Erde beschädigt ist, verliert sie den Porenraum und damit den Raum für Wasser und Luft; sie verliert die lebenden Organismen, insbesondere Bakterien und Pilze; und das organische Material wird schnell mineralisiert. Ein „Ausruhen“ des Bodens trägt also nicht zwangsläufig dazu bei, die physische Struktur wieder herzustellen, die durch die Zerstörung und Verdichtung verloren gegangen ist.

Um wieder Leben in den Erdboden zu bringen, muss man lebende Organismen zurückzubringen, die die biologischen Bodenprozesse wiederaufbauen können. Und um einen Porenraum zu schaffen, der die Wasserhaltefähigkeit und die Filtration verbessert, müssen Pflanzen angebaut werden, die mit ihren Wurzeln in den Boden eindringen und die Verdichtung des Erdbodens verringern. Die Wiederherstellung dieser oberirdischen Gemeinschaft wird der unterirdischen Gemeinschaft Schutz und Ressourcen bieten, damit diese mit dem Wiederaufbau der Bodenstruktur beginnen kann. Wenn der Boden zwei Jahre lang still gelegt wird, d.h. der Mensch nichts daran macht, wenn zudem keine Kulturpflanzen angebaut und keine Chemikalien verwendet werden, jedoch eine gesunde und vielfältige Pflanzendecke die Erdoberfläche bedeckt, werden Pflanzen, Mikroben und wirbellose Tiere den Boden sehr schnell wieder aufbauen können.“

Frage KMSR: Wie können wir als Menschen den Regenerationsprozess des Erdbodens unterstützen? In landwirtschaftlichen Flächen und im privaten Gemüsegarten?

Prof. Dyer: „Die heutigen landwirtschaftlichen Systeme, die den Erdboden so stark schädigen, haben mehrere grundlegende Probleme. Es kann durchaus sein, dass manche Landwirte schlichtweg nicht wissen, wie man einen Boden gesund erhält. Es gibt aber auch Landwirte, die sich um ihren Erdboden, der ihren Lebensunterhalt sichert, kümmern und es vorziehen würden, die Erde nicht zu zerstören. Dem entgegen steht jedoch folgende Entwicklung: Seit 1947, als es bereits Kunstdünger und synthetische Pestizide gab, kam es zu einem dramatischen Anstieg der Bevölkerungszahl. Deshalb musste die Nahrungsmittelproduktion erhöht werden.

Das, was wir heute haben, ist eine Lebensmittelproduktion bzw. Landwirtschaft, die man am besten als „Fabrikstil“ bezeichnen kann. Dies ist ein Stil, der sich auf Quantität und weniger auf Qualität konzentriert. Wenn die Produktion von Lebensmitteln verdoppelt oder verdreifacht wird und die zur Herstellung der Lebensmittel benötigte Zeit halbiert wird, steigt der Gewinn. Leider sinkt als Folge davon die Qualität der Lebensmittel. Dies ist sowohl eine ökonomische als auch eine biologische Binsenweisheit.

Ich empfehle deshalb den Menschen als besten Weg für die Regeneration der geschädigten Erdböden, sich für qualitativ hochwertigere Lebensmittel zu entscheiden und Produkte von Herstellern bzw. Landwirten zu kaufen, die sich einerseits um ihr Land kümmern und andererseits hochwertige Lebensmittel produzieren. Dies kann zu höheren Preisen für die Lebensmittel führen, da diese in kleineren landwirtschaftlichen Betrieben nach Bio-Maßstäben ohne Pestizide angebaut werden.

Der Anbau und die Produktion hochwertiger Lebensmittel dauern oft länger, da die Prozesse, die mit der physikalischen und chemischen Reifung verbunden sind, ihre Zeit brauchen. Mit anderen Worten: Die Qualität der Lebensmittel nimmt ab, wenn wir die Erde zwingen, schnell Nahrung zu produzieren, anstatt zuzulassen, dass der Erdboden und die Pflanzen gemeinsam ihr Werk vollenden. Gleiches gilt für den Anbau in erdlosen System. Zu den biochemischen Eigenschaften von Pflanzen zählen Aromen, Farben, Vitamine, Antioxidantien und Proteine. Diese Verbindungen entwickeln sich häufig als letzte, wenn Blätter und Früchte reif werden.“

Frage KMSR: Ein fruchtbarer, gesunder Erdboden bringt doch automatisch auch gesundes Gemüse oder Getreide hervor, mit Vitaminen, Enzymen, Mineralien usw. Und wie ist das bei einem unfruchtbaren und kranken Erdboden?

Prof. Dyer: „Alle jetzt lebenden Pflanzenarten sind das Ergebnis von Tausenden früherer Generationen, die den Stress ihrer Umgebung überstanden und sich an diesen Stress angepasst haben. Eine Möglichkeit zur Anpassung besteht in der Bildung von Mutualismus bzw. Lebensgemeinschaften mit anderen Organismen, z. B. Mikroben, die Stickstoff liefern, und Insekten, die Blüten bestäuben. Andere Anpassungen betreffen die Organismen im Erdboden, die für die Pflanze zum Schutz und für die Ernährung lebenswichtig sind. Einige dieser Wechselwirkungen können die Pflanze zur Produktion von Abwehrstoffen anregen.

Ebenso wichtig ist, dass ein gesundes Ökosystem Prozesse im Erdboden fördert, die eine Bodenstruktur schaffen, organische Materialien abbauen, Wasser halten und Erosion verhindern. Erde ist kein Schmutz, sie ist kein Ding, sondern ein vielfältiges Ökosystem mit lebenden Komponenten, die in den nicht lebenden Materialien wohnen bzw. wohnen können. Das Pflanzen einer Kulturpflanze in einen leblosen oder sterilen Boden erfordert bestimmte Eingriffe des Menschen, um die Ressourcen bereitzustellen, die der Erdboden nicht (mehr) produzieren kann. Und weil der Mensch nicht alle wichtigen Bodenprozesse kennt, die das Pflanzenwachstum unterstützen, können wir nicht erwarten, dass in einem künstlichen Boden bzw. einer künstlichen Umgebung gesunde Lebensmittel wachsen.“

Frage KMSR: Muss die Menschheit von der Lebensmittel Produktion in Böden auf eine Lebensmittel Produktion in bodenlosen Bedingungen wie z.B. Hydroponic, Aquaponic etc. umschalten? Ist das die Zukunft? Oder gibt es immer noch Hoffnung für unsere Böden?

Prof. Dyer: „Wenn Pflanzen in künstlichen und sterilen Böden leben, gibt es keine biologischen Prozesse in der Erde außer den eigenen Wurzeln der Pflanze, die mit inaktiven Materialien interagieren. Die Pflanze wächst ohne Anregung aus der Umgebung und ohne Fähigkeit, ihre Gene ausdrücken zu können. Wenn wir annehmen, dass diese Gene Aromen, Proteine, Vitamine, Antioxidantien oder andere Nährstoffe beeinflussen, produziert die Pflanze also keine Nahrungsmittel, die so nahrhaft sind wie Pflanzen, die draußen im lebenden Erdboden wachsen und mit der Umgebung interagieren.

Dies bedeutet nicht, dass wir unter unnatürlichen Bedingungen wie sterilisierten Böden oder Gewächshäusern nicht eine große Menge an Nahrung produzieren können. Wir sollten uns jedoch bewusst sein, dass die Pflanzen, die in künstlichen und sterilen Bedingungen angebaut werden, nicht dieselbe Nahrungsmittelqualität haben, wie die Pflanzen, die in der Natur unter natürlichen Bedingungen angebaut werden.

Pflanzen in Gewächshäusern sind körperlich schwächer als draußen. Oft können sie Wind und Regen nicht standhalten. Sie sind chemisch „kindlich naiv“, so dass sie sich nur schlecht vor Insekten und anderen Pflanzenfressern schützen können. Ein ungeschütztes Leben in der Außenwelt hingegen führt dazu, dass Pflanzen anders wachsen und mehr Energie für Kraft und Verteidigung sowie für die Nährstoffsuche zur Verfügung stellen. Diese Pflanzen nutzen ihre genetische Kapazität voll aus.

Frage KMSR: Was halten Sie von Gewächshäusern? Sind sie die Zukunft für unsere Landwirtschaft?

Prof. Dyer: Viele der saisonalen Lebensmittel, die wir essen, sind das ganze Jahr über durch Gewächshäuser und Importe aus anderen Klimazonen verfügbar. In Europa werden rund 40% der frischen Produkte in weiten Teilen von Gewächshäusern an der Küste des Alboranischen Meeres [Anm. d. Redaktion Spanische Provinz Almeria] erzeugt. Die Region wächst jedes Jahr. So ist es möglich, Obst und Gemüse in Gewächshäusern für sehr große Bevölkerungsgruppen anzubauen.

Wir müssen uns jedoch fragen, wie viel Nährstoffgehalt durch den Anbau von Lebensmitteln unter solchen Bedingungen verloren geht. Und wenn durch den Gewächshausanbau unter sehr industrialisierten, sterilisierten oder synthetischen Bedingungen die Qualität und der Nährstoffgehalt verlorengehen, müssen wir uns fragen: Was ist der kumulative Effekt einer solchen Ernährung auf uns?

Wir entdecken gerade erst die vielen Rollen des menschlichen Mikrobioms in der menschlichen Gesundheit und die Bedeutung von Pflanzenmaterial für die Gesunderhaltung des Mikrobioms. Meiner Meinung nach gehen wir große Risiken ein, wenn wir unsere Lebensmittelqualität durch diese Anbaumethoden senken, ohne zu wissen, welche Auswirkungen dies auf die interne mikrobielle Gemeinschaft haben könnte, die langfristig gesehen für unsere Gesundheit verantwortlich ist.“

Das KMSR dankt Prof. Andrew R. Dyer für seine sehr aufschlussreichen Ausführungen.

Abs-

Prof. Andrew R. Dyer im Gespräch mit einer Studentin (Fotoquelle Prof. Dyer)

Abs.

Gefällt Ihnen unser Blog und möchten Sie diesen abonnieren? Dann folgen Sie uns.
error