Zugezogen ist nicht gleich zugehörig

von Helene Walterskirchen:
Zugezogen ist nicht gleich zugehörig

 

 

 

Junge Asylbewerber im Schulunterricht an den Beruflichen Schulen in Landsberg/Lech

 

Als ich Kind war, wuchs in einer Zeit auf, die „Nachkriegszeit“ genannt wurde und in der das Thema „Flüchtlinge“ ganz aktuell war. Im Gegensatz zu den Flüchtlingen der heutigen Zeit, die aus Eritrea, Somalia oder Afghanistan kommen, kamen die Flüchtlinge von damals aus den russisch besetzten Ostgebieten Deutschlands, u.a. Schlesien, Ostpreußen, Sudetendeutschland und Pommern. In der Geschichte der Neuzeit gilt die Zwangsmigration während und nach dem Zweiten Weltkrieg als die größte. 14 Millionen Deutsche mussten in der Zeit zwischen 1944 und 1950 aus den Ostgebieten fliehen. Die Flüchtlinge wurden innerhalb der vier westdeutschen Besatzungszonen aufgeteilt und mussten sich in einer, durch den Krieg gebeutelten Gesellschaft, integrieren, in der jeder um sein tägliches Brot kämpfte.

So weit so gut: Wir sprechen hier von Deutschen und deutschen Flüchtlingen. Es waren keine Afghanen, Iraker, Somalier oder Äthiopier. Es waren unsere nationalen Brüder und Schwestern, dieselbe Rasse, dieselbe Sprache, dieselben kulturellen Grundlagen, dasselbe Bildungssystem mit Goethe, Herder, Beethoven und Nietzsche.

In meiner Kindheit in den frühen 1950er Jahren lernte ich von meinen Eltern, die beide den Zweiten Weltkrieg mitgemacht hatten, ein Unwort bzw. Schimpfwort: „Flüchtling“. Meine Eltern und viele andere stempelten Mitbewohner in unserem Viertel mit der Bezeichnung: „Des san Flüchtling!“ ab. Uns Kindern wurde beigebracht, dass wir uns mit „Flüchtlingen“ nicht einzulassen hatten oder zumindest, dass es die Eltern nicht gerne sahen, wenn wir mit ihnen spielten. Nicht selten wurden die Vertriebenen als „Polacken“ oder „Zigeuner“ in der Öffentlichkeit angefeindet. Es kursierte der Spruch von den drei großen Übeln der damaligen Zeit: „Wildschweine, Kartoffelkäfer und Flüchtlinge.“

Die Flüchtlinge waren arm, sie hatten alles in den Ostgebieten zurücklassen müssen. Sie mussten sich hier im Westen eine neue Zukunft aufbauen und alles – vom Suppenschöpfer über Bücher bis hin zum Bett – anschaffen. Sie waren dabei auf Gaben und Almosen von Westdeutschen angewiesen. Dass manche es dabei vielleicht nicht ganz ehrlich meinten, sich zwei Betten schenken ließen und eines verkauften, um etwas Geld zu bekommen, mag sein. In jedem Fall wurde uns Kindern vermittelt, dass „die Flüchtlinge“ unehrlich sind, klauen, lügen oder darauf aus sind, sich einen Vorteil zu verschaffen. Deshalb hatte ich das Verbot von meinen Eltern bekommen, ein Flüchtlingskind zum Spielen mit nach Hause zu bringen. Es hätte ja sein können, dass es etwas klaut, weil „trauen kann man einem Flüchtling nicht“, so die Meinung meiner Eltern und auch der Mitmenschen.

Als ich in den 1950er Jahren in die Mädchen-Volksschule in der damals erzkatholischen Kleinstadt Freising eingeschult wurde, wurden mit mir auch einige Flüchtlingsmädchen eingeschult. Wir „Einheimische“ waren darauf bedacht, nur ja nicht neben einem Flüchtlingsmädchen zu sitzen. Sie waren für uns Fremde, schon allein wegen des Dialekts, den sie sprachen, und dann auch wegen ihrer Glaubenszugehörigkeit, denn sie waren nicht katholisch wie wir, sondern evangelisch. Deshalb mussten sie das Klassenzimmer während des Religionsunterrichtes verlassen und durften auch nicht an katholischen Veranstaltungen oder Gottesdiensten teilnehmen. Man kann es ganz offen sagen, dass wir „Einheimische“ die Flüchtlingsmädchen als Fremde bzw. Minderwertige ansahen und auch so behandelten. So hatten es uns unsere Eltern beigebracht und genauso verhielten wir uns auch, denn wir wollten gehorsame Kinder sein.

 

Familienfoto vor der Flucht aus Mecklenburg nach Westdeutschland

 

Später lernte ich das Thema „Ost-Flüchtlinge“ durch meine Heirat mit einem Sohn aus einer Flüchtlingsfamilie aus einer anderen Perspektive kennen. Sie hatten sich in Westdeutschland integriert, ja, aber in ihren Herzen waren sie noch Ostdeutsche, in diesem Fall Mecklenburger. Sie liebten es, über ihre Heimat zu sprechen. Wenn es größere Familientreffen gab, waren es zumeist Verwandte aus derselben Kleinstadt und Region, die zusammenkamen und in ihrem Dialekt, Plattdeutsch, miteinander „schnakten“. Ich als Bayerin verstand kein Wort und brauchte einen Übersetzer. Bei diesen Treffen ging es immer hoch her: da wurde über die alte Heimat gesprochen, über gemeinsame und familiäre Ereignisse, über Großeltern, Eltern, Onkel und Tanten, von denen noch ein Teil dort lebte und die allgemein vermisst wurden. Es wurde viel gelacht, aber es gab auch so manche Träne, weil jeder die alte Heimat und die noch dort lebenden Angehörigen vermisste. Das änderte sich nicht, solange meine Schwiegereltern lebten. Ihre Heimat war und blieb Mecklenburg und das kleine Städtchen Waren an der Müritz. Ihre Kinder, die noch in der alten Heimat geboren wurden und ihre ersten Lebensjahre dort verbracht hatten, waren zwiegespalten. Einerseits fühlten sie wie ihre Eltern, andererseits hatten sie aber auch einen Bezug zu Westdeutschland aufgebaut. Ihre Wurzeln jedoch lagen ganz eindeutig im Osten, dort, wo ihre Eltern und Vorfahren gelebt hatten. Es sind immer die Wurzeln, zu denen sich die Nachfahren zugehörig fühlen, auch wenn sich schon kleine neue Wurzeln in einer neuen Heimat gebildet haben.

Und wie sieht es heute nach mehr als 60 Jahren aus? Sind die „Flüchtlinge“ von damals immer noch Flüchtlinge oder sind sie in unsere Gesellschaft integriert? Sie sind integriert. Sie sind Deutsche wie wir, ihre Kinder und Kindeskinder sprechen denselben Dialekt wie wir „Einheimische“. Da sich auch das Thema der Glaubenszugehörigkeit in den letzten Jahrzehnten grundlegend verändert hat, ist es heute unerheblich, ob jemand katholisch oder evangelisch ist oder sonst einer bzw. keiner Glaubensgemeinschaft angehört. Die Nachkommen von Flüchtlingen sind heute Ärzte, Rechtsanwälte, Politiker oder Unternehmer und sind sehr oft angesehene und finanziell gutgestellte Persönlichkeiten. Nur der Familienname ist weiterhin ein wenig anders als unsere Namen wie Huber oder Mayer, nämlich Kowalzki oder Grunow, aber auch das fällt kaum mehr ins Gewicht bei den vielen ausländischen Familiennamen, die es heute in Deutschland gibt.

Aus all dem erkennt man: es braucht seine Zeit bis „Fremde“ in unsere Gesellschaft integriert sind. Dabei waren die „Fremden“ nach dem Zweiten Weltkrieg keine wirklichen Fremden, vielmehr waren sie unsere deutschen Mitbürger, nur dass sie eben im Osten des ehemaligen „Großdeutschen Reiches“ wohnten, das nach dem 2. Weltkrieg unterging. Wir hatten letztlich dieselbe Hautfarbe, dieselbe Sprache, dieselbe Kultur. War die Integration deshalb für uns leichter?

Und wie ist das heute, in einer Zeit, da Deutschland staatenmäßig und gesellschaftlich immer bunter wird, weil Menschen aus aller Welt bei uns einwandern? Wir haben mit diesen Menschen oft nicht dieselbe Hautfarbe, nicht dieselbe Sprache und nicht dieselbe Kultur. Wird die Integration deswegen womöglich schwieriger für uns und für sie? Man kann sicherlich die Sprachbarrieren auflösen, indem die Kinder der „Fremden“, die hier geboren werden, dieselbe Sprache oder sogar denselben Dialekt sprechen wie wir, aber kann man den Unterschied in Sachen Hautfarbe, z.B. zwischen Weiß und Schwarz, auflösen? Werden wir in das hinein geraten, was man Rassismus nennt, wie dies beispielsweise in den USA der Fall ist? Oder werden wir die Toleranz entwickeln, andere Hautfarben ebenso zu akzeptieren wie unsere eigene? Und wie steht es mit den Wurzeln der Flüchtlinge, die heute aus Eritrea, Nigeria, Afghanistan oder dem Iran zu uns kommen? Ihr Herz wird immer an der alten Heimat hängen, an ihren Vorfahren und Verwandten, die noch dort leben. Werden sie einmal auch ein Herz für ihre deutsche Zweitheimat entwickeln können? Oder wird es für sie immer nur ein Ort sein, wo sie Arbeit haben und Geld verdienen können, um einen Teil davon an ihre bedürftigen Familien in der Heimat zu schicken?

Die große Frage lautet: Was wird als Heimat betrachtet und wohin zieht uns unser Herz? Mein Vater war Landshuter und verbrachte sind Kindheit und Jugendzeit in der niederbayerischen Stadt Landshut, ehe er als junger Mann in den Zweiten Weltkrieg eingezogen wurde. Danach verschlug es ihn durch die Heirat mit meiner Mutter in deren Heimatstadt Freising. Landshut und Freising sind bekanntlich nur ca. 40 km voneinander entfernt. Mein Vater schwärmte sein ganzes Leben von Landshut und betrachtete sich als Landshuter; Freising hingegen blieb ihm immer fremd. Landshut war seine Heimat, dort lebten seine Angehörigen, die er immer wieder besuchte und mit denen er ein Leben lang Kontakt hielt. Meine Mutter blieb dabei die „Fremde“, denn sie war ja nicht aus Landshut und konnte sich auch nie für Landshut erwärmen. Mein Vater war zwar kein Flüchtling, aber dennoch ein Fremder in Freising, dessen Heimatherz für Landshut pochte, das er immer vermisste. Wie viele Menschen heute ziehen von ihrer Heimatstadt fort in eine andere Stadt – sei sie 40 oder 400 km entfernt. Wenn bei diesen geringen Entfernungen bereits ein Heimatverlustgefühl entsteht, wie muss es dann erst bei Flüchtlingen sein, die tausende von Kilometer von ihrer alten Heimat entfernt leben?

 

Lebenslange Heimat für meinen Vater: die Neustadt auf der Rückseite der Martinskirche in Landshut (Foto aus dem Jahr 1926, Quelle unbekannt)

 

Der Weg der Integration war nie ein einfacher Weg für die Beteiligten. Das war es weder damals, als die Flüchtlinge aus dem Osten zu uns kamen und sich bei uns im Westen eine neue Zukunft aufbauen wollten oder, besser gesagt, mussten, nicht und ist es auch heute nicht, wenn Flüchtlinge aus Eritrea, Somalia, Afghanistan oder Serbien zu uns kommen. Solange meine Eltern noch lebten, gab es „Einheimische“ und „Flüchtlinge“, auch, als diese sich immer mehr in unsere Gesellschaft integrierten. Für mich hingegen hatte das Thema „Flüchtlinge“ nie dieselbe Bedeutung wie für meine Eltern. Von meiner Schulzeit an gehörten Flüchtlinge mit dazu, auch wenn sie nicht ganz denselben Stellenwert hatten wie die Einheimischen. Wir plädierten für Leben und leben lassen, aber jeder eben in seiner eigenen Welt. So entstanden ausländische Subkulturen in Deutschland, von denen die türkische Subkultur wohl die größte ist, denn sie umfasst ganze Stadtviertel in den Großstädten.

Für meine Tochter, geboren in den 1980er Jahren, war es etwas Selbstverständliches, mit türkischen oder jugoslawischen Kindern die Grundschule zu besuchen und diese so akzeptieren wie sie waren – einfach etwas anders im Aussehen oder in der Religion, aber eben doch Kinder wie alle Kinder – ob deutsch, jugoslawisch oder türkisch. Dass unsere Kinder bereits anders mit ausländischen Kindern umgehen konnten, lag an unseren eigenen Erfahrungen, die wir in unserer Kindheit mit den Flüchtlingskindern gemacht hatten. Auch wenn ich meinen Eltern weitgehend gehorcht habe, so fand ich es als Kind nicht richtig, dass man mit Flüchtlingen und Flüchtlingskindern so umging wie dies meine Eltern und viele andere Mitbürger gemacht haben. Nur trauten wir uns damals nicht, unseren Eltern Paroli zu geben. Erst in den 1960er Jahren, als wir Teenager und junge Erwachsene wurden, gab es eine gesellschaftliche Revolution während der sogenannten Hippiezeit und wir sprengten die Begrenzungen, die uns durch unsere engstirnigen Eltern aufgepfropft worden waren.

Flüchtlinge sind für uns alle eine große Chance: eine Chance, toleranter zu werden, weltoffener zu werden, sich nicht vor Fremden und Fremdem zu fürchten, in jedem Menschen ein Geschöpf Gottes zu sehen und sich nicht in dem zu verstricken, was man nationale, kulturelle der religiöse Andersartigkeit nennt, die es zu verteidigen, zu bekämpfen oder zu eliminieren gilt. Wie schön, dass unsere Kinder und Kindeskinder in einer neuen multikulturellen und weltoffenen Gesellschaft aufwachsen und dabei ihren ganz eigenen Weg gehen dürfen. Ich gebe zu, ich bin ein wenig neugierig, wie unsere Gesellschaft in 50 oder 100 Jahren aussehen wird. In einem bin ich mir sicher: Es wird nicht dieselbe Gesellschaftsform sein wie heute und auch nicht, wie ich sie noch kennen gelernt habe. So wie Menschen sich bestimmten Entwicklungen anpassen und dabei verändern, passen sich auch Gesellschaften den gesellschaftlichen Entwicklungen an und verändern sich dabei. Der Trend, den ich sehe, ist eine zunehmende Weltoffenheit, Toleranz und Akzeptanz.

 

Copyright © aller Texte und Fotos (ausgenommen Fremd-Fotos mit Quellenangaben) dieser Ausgabe liegt bei Helene Walterskirchen

 

 

 

 

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