Christian Sedlmair – zwischen Ertragsimkerei und Bienen-Mission

von Helene Walterskirchen:
Christian Sedlmair – zwischen Ertragsimkerei und Bienen-Mission

 

 

Christian Sedlmair betreut seit einigen Jahren die Demeter-Bienenkisten im Garten von Schloss Rudolfshausen. Hier: bei der Honigernte

 

Was mir, seit ich ihn kenne, und das sind jetzt fünf Jahre, am meisten an Christian Sedlmair imponiert ist, dass er mit den Bienen in unserem Schlossgarten, die er betreut, umgeht als wären es zahme Wildkatzen. Dabei weiß doch ein jeder, dass Bienen stechen können. Er aber öffnet die Bienenkisten, verrichtet seine Aufgaben, ohne Schutzkleidung zu tragen und ohne eine Spur von Angst, gestochen zu werden. Die Bienen scheinen zu spüren, dass er einer ist, der es gut mit ihnen meint, der sie respektiert und für sie spricht – draußen in der Menschenwelt. Für mich ist er ein „Bienenflüsterer“, der mental mit seinen Schützlingen kommuniziert, so dass sie weitgehend gelassen das, was er mit ihnen vorhat, geschehen lassen.

Christian Sedlmair ist auf den ersten Blick schwer einzuschätzen, da er nur wenig von sich Preis gibt. Er ist weder euphorisch noch pessimistisch, sondern das, was man realistisch nennt. Er sieht die Vor- und Nachteile einer Sache, vergleicht, wägt ab und entscheidet sich für das eine oder andere. Dabei hat er nicht nur sein eigenes Wohl im Sinn, sondern immer auch das Gemeinwohl, das für ihn nicht nur aus der Menschenwelt, sondern aus dem größeren Ganzen, der Natur an sich, besteht. Er sieht, wie alles miteinander verwoben und vernetzt ist, wie alles voneinander abhängt und sich bedingt. Der 46-Jährige ist in erster Linie Naturwissenschaftler und in zweiter Linie Imker, Demeter-Imker, der auch seit 2005 dem Demeterverband angehört.

Und hier haben wir ein Stück der Philosophie, der Christian Sedlmair als Mensch und Imker folgt. Demeter e.V. ist nicht nur der älteste Bioverband in Deutschland (Gründung 1924), der aufgrund der lebendigen Kreislaufwirtschaft als nachhaltigste Form der Landbewirtschaftung gilt, sondern ist auch ein ethisches Konstrukt Rudolf Steiners, der Anfang des 20. Jahrhunderts neben der biologisch-dynamischen Landwirtschaft auch die Waldorfpädagogik und die anthroposophische Heilweise initiierte. Kern des Demeter-Konzeptes ist der respektvolle Umgang mit Erde, Pflanze und Tier und natürlich auch mit den Menschen. Im Biosektor gilt das Demetersiegel für Produkte und Lebensmittel als das höchste Bio-Siegel.

Christian Sedlmair war nicht immer Imker. Genaugenommen ist er Chemiker, dazu promovierter, und das, was man einen Akademiker nennt. Er könnte sich Dr. Christian Sedlmair nennen, was er aber nicht tut, da es ihm nicht wichtig ist. Nur manchmal, wenn sich bestimmte Situationen ergeben, in denen andere sich mit ihrem Akademikerstatus hervortun und von oben auf ihn, der ja „nur“ ein einfacher Imker ist, herabsehen, stellt er mit ein paar knappen Worten klar, welchen Background er hat. Ansonsten genießt er eher die Form des Understatements und schmunzelt leise in sich hinein.

Mit 30 Jahren, als sein erstes Kind geboren wurde, kam es im Leben von Christian Sedlmair zu einem Schnitt: er gab seinen Beruf als Chemiker auf und nahm sich eine längere Elternzeitpause, um herauszufinden, wie er sein weiteres Leben gestalten wollte. In dieser Zeit begann er mit zwei Bienenstöcken hobbymäßig zu imkern und besuchte parallel eine Imkerschule. Es machte ihm Freude, da er Bienen schon seit frühester Kindheit zugeneigt war. Als er sich im Allgäu, in Bidingen, eine alte Schreinerei kaufte und dort mit seiner Familie hinzog, wurden aus den zwei Bienenvölkern schnell 20 und der Weg in die professionelle Imkerei war gelegt. „Die Anfangszeit war nicht einfach und wenn nicht meine Frau gewesen wäre, die Teilzeit als Kirchenmusikerin arbeitet, hätten wir es finanziell nicht geschafft.“

Christian Sedlmair ist seit 15 Jahren Imker und als solcher ist er ein Imker wie alle anderen. Da gibt es keinen Doktortitel und damit auch keine Unterschiede. Fast. Dennoch: Imker ist nicht gleich Imker und Honig ist nicht gleich Honig. Der Honig, den die 70 Bienenvölker von Christian Sedlmair produzieren, ist ein Bio-Gourmet-Honig mit verschiedenen Geschmacksrichtungen, die von Löwenzahnhonig über Frühjahrsblütenhonig und Gebirgsblüten-Honig bis hin zu Waldhonig und Presshonig reichen.

 

Honigwabe von Bienen aus dem Garten von Schloss Rudolfshausen

 

Die Unterschiede in der Imkerei beschreibt Christian Sedlmair wie folgt: „Da gibt es die, die mit ihrer Imkerei eine Gewinnmaximierung betreiben, die mehrere hundert Bienenvölker haben und mit diesen herumreisen, um sie an die besten Stellen zu bringen, die hohe Erträge ermöglichen. Sie sind im Winter in Süditalien, um sich die Winterfütterung der Bienen zu sparen, ziehen dann im Frühjahr nach Deutschland und fahren dort von Region zu Region, wo eben gerade Blüte ist, z.B. die Akazienblüte oder Rubinienblüte, die Apfelbaum- oder Kirschbaumblüte usw. Dieses Herumreisen stresst die Bienen und daher sterben viele Völker.“

Eine solche Art der Imkerei, so Christian Sedlmair, wäre nichts für ihn. Er ist zwar Ertragsimker, d.h. er lebt von den Erträgen, die er durch seine Bienenvölker hat. Es ist jedoch zeitweise eher ein Überleben als ein wohlhabendes Leben, wie er es hätte, wenn er heute noch als Chemiker in der Autoindustrie tätig wäre. Man spürt, dass das Thema „Einkommen“ ihm hin und wieder zu schaffen macht. Aber zurückgehen – nein, das kann er sich überhaupt nicht vorstellen, zu wichtig ist ihm das Thema „Umwelt“ und „Natur“ und ein Lebensstil, der beides beinhaltet. Mit einem lukrativen Job in der Autoindustrie wäre ihm dies nicht möglich gewesen.

Als Imker kann Christian Sedlmair umweltbewusst leben und das, was ihm dabei wichtig ist, umsetzen. Er ist sein eigener Herr und kann seine eigenen Entscheidungen treffen – etwas, das sehr wichtig für ihn ist. Dies hat in seinen 15 Jahren als Imker auch dazu geführt, dass er immer mehr in die Öffentlichkeitsarbeit eingestiegen ist, insbesondere im Demeterverband sowie anderen Verbänden, z.B. dem Imkerkreisverband. Heute nimmt seine Öffentlichkeitsarbeit etwa die Hälfte seiner Tätigkeit in Anspruch. Er hält viele Vorträge, in denen er über Bienen und Imkerei informiert, aber auch Konzepte aufzeigt, wie man Gärten zu bienenfreundlichen Gärten umgestaltet, damit die Bienen auch in Zukunft einen Lebensraum haben, der ihnen ihre Lebensgrundlage ermöglicht. Seinen Auftrag als Imker sieht Christian Sedlmair darin, nicht nur von den Bienen etwas zu bekommen, d.h. ihren Honig, sondern ihnen auch etwas zurückzugeben, indem er sich für sie und ihr Wohl einsetzt. Dies ist für ihn die einzige Art einer tier- und menschenwürdigen Imkerei: ein gegenseitiges Nehmen und Geben – etwas, das in den Großimkereien keinen Raum hat und auch keine Rolle spielt.

Christian Sedlmair hat derzeit ca. 70 Bienenvölker bzw. Wirtschaftsvölker – an unterschiedlichen Plätzen, überwiegend im Allgäu und Pfaffenwinkel. So hat er auch unterschiedlichen Honig. „Beim Honig ist es wie beim Wein: es kommt auf den Standort der Reben an und auch welche Bäume oder Pflanzen dort stehen. Um die Qualität des jeweiligen Honigs zu bewahren, schleudere ich auch jeden Honig von einem unterschiedlichen Standort extra.“

Zukünftig will Christian Sedlmair auf 90 Bienenvölker aufstocken. Das ist dann das Maximum für ihn, um seine Bienenvölker als Ein-Mann-Betrieb (mit gelegentlicher Hilfe von Praktikanten oder der eigenen Familie) betreuen zu können. In seiner Honig-Manufaktur geschieht alles per Hand – vom Schleudern bis zum Abfüllen. Jedes Glas Honig läuft durch die Hände von Christian Sedlmair, ehe es an Kunden versandt wird. Allgäu-Biene, heißt seine Honig-Manufaktur und jeder kann dort online seinen Lieblingshonig bestellen.

Für Christian Sedlmair sind Bienen faszinierende Wesen. „Es geht nicht um die Bienen als Einzelwesen, sondern um den Gesamtorganismus, den man „Bien“ nennt. Zu so einem „Bien“ gehören um die 50.000 bis 60.000 Bienen. Ich habe schon in der Schule Biologie als Leistungskurs gewählt, weil ich Bienen so interessant fand, z.B. wie der Bienenstaat aufgebaut ist, wie sie sich organisieren, wie sie untereinander „absprechen“, wer was zu tun hat. In einem Bienenstaat geht es sehr demokratisch zu. Die Königin hat nur wenig zu sagen, sondern es sind vielmehr die Bienen, die die Entscheidungen treffen. Die Bienen zeichnen sich durch einen großen Ordnungssinn und Fleiß aus. Bezogen auf unseren Menschenstaat ist die Biene Abbild für einen fleißigen, pflichtbewussten Bürger.“

Wir können viel von den Bienen lernen, beispielsweise, dass wir uns mit unserem ausgeprägten Individualismus und Egoismus nichts Gutes tun, sondern dass es besser ist, wenn wir mehr im Sinne des Gemeinwohls aller denken und handeln.

 

Die beiden Demeter-Bienenkisten vor der Kulisse von Schloss Rudolfshausen. Zwei Waben wurden geerntet, die anderen verbleiben als Winterfutter für die Bienen

 

Demeter-Imkerei
ALLGÄUBIENE

Christian Sedlmair
Zur Wasserburg 8
87651 Bidingen

Tel.: 08348/9768975
E-mail: honig@allgaeubiene.de
www.allgaeubiene.de

 

Copyright © aller Texte und Fotos (ausgenommen Fremd-Fotos mit Quellenangaben) dieser Ausgabe liegt bei Helene Walterskirchen

 

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