Der globale Kulturverfall der Modeindustrie

von Ansgar Beckstedde:
Der globale Kulturverfall der Modeindustrie

 

 

Der Autor während einer Geschäftsreise in China (Quelle: Ansgar Beckstedde)

 

Mode ist eine riesige, globale Multi-Billionen-Dollar-Industrie. Seine Lieferketten umspannen Kontinente, Millionen von Arbeitnehmern, Verbrauch von Ressourcen und das Produzieren von Bekleidung – beides in großem Maßstab. Mode hat einen enormen Einfluss auf die Welt und die Menschheit. Laut Statistiken sind in den Bereich „Mode“ weltweit 457 Millionen Menschen involviert, vom Anbau der Rohstoffe wie z.B. Baumwolle, bis hin zur Herstellung.

Der globale Bekleidungseinzelhandelsmarkt ist derzeit mit einem Umsatz von 1,34 Billionen US-Dollar pro Jahr bewertet.

Die Weltbevölkerung zählt heute aktuell 7,589,824,281 Milliarden. Gleichzeitig sprechen wir hier von ca. 3,189,212,347 Milliarden Konsumenten.

Es wird geschätzt, dass 2017 weltweit etwa 107 Milliarden Kleidungsstücke verkauft wurden. Das entspricht global betrachtet einer durchschnittlichen Menge von ca. 13 Kleidungsstücken pro Person. Diese Zahlen dürften weiter wachsen. Bis zum Jahr 2021 ist ein Anstieg von ca. 13% zu erwarten. Vier Märkte jedoch – Frankreich, Deutschland, Japan und Italien – werden voraussichtlich bis 2021 schrumpfen.

Aus der Statistik unten ersehen wir, dass nur zehn Länder den globalen Markt für den Einkauf im Bekleidungshandel dominieren: China, USA, Indien, Japan, Deutschland, UK, Russland, Frankreich, Italien und Brasilien. Diese Märkte machen zusammen Dreiviertel der Kleidungsstücke aus, die jedes Jahr verkauft werden. China ist dabei besonders dominant – die Menge der verkauften Kleidungsstücke beträgt dort mehr als in den anderen neun Ländern zusammen. Die USA steht an zweiter Stelle und US-Verbraucher scheinen zudem die eifrigsten Käufer zu sein: ein US-Verbraucher kauft im Durchschnitt im mittleren Preissegment ein Kleidungsstück pro Woche.

 

Grafik-Quelle: Ansgar Beckstedde

 

Die Textil- bzw. Mode-Industrie arbeitet stetig und unermüdlich daran, die Bedürfnisse und Wünsche der über drei Milliarden Konsumenten zu wecken, künstlich zu erzeugen und den Verbraucher kontinuierlich zum Konsum zu stimulieren und zu animieren. Es wird hart daran gearbeitet Trends und Produktvielfalt zu iniziieren mit dem Ziel, den Konsumenten Gefühle von Befriedigung und eine gewisse Zufriedenheit zu suggerieren. Über allem aber steht das Hauptanliegen der Industrie, ihre Umsätze & Gewinne zu maximieren und profitabel zu operieren. Dies geschieht dadurch, dass die Preise immer günstiger werden, um die Verbrauchen stetig zum Kauf zu mobilisieren. Die digitale Vernetzung unterstützt diesen Prozess.

Die negativen Auswirkungen dieses Konsumverhaltens sind unter anderem die Erschöpfung der natürlichen Ressourcen und Verschmutzung der Erde. Wenn alle Menschen dieser Erde so leben würden wie die Verbraucher in den Industrieländern, bräuchten wir bis zu fünf Erden, um uns den Lebensstandard zu ermöglichen wie wir ihn heute gewöhnt sind. Und die Zahl der Konsumenten wächst im Sekundentakt.

Kurzlebigkeit und Trends bestimmen den Kleiderschrank und den Umgang mit Kleidung, sagt Greenpeace. Aufgrund einer repräsentativen Umfrage zu Kaufverhalten, Tragedauer und Entsorgung von Mode kommt Greenpeace zu dem Ergebnis, dass sich ca. zwei Milliarden praktisch ungetragene Kleidungsstücke in deutschen Kleiderschränken  befinden.

Auch das Handelsblatt schreibt in einem Artikel vom 12.02.2017 mit dem Titel: „TEXTILIEN immer schneller in die Tonne“.

„Über eine Million Tonnen an Textilien werden pro Jahr in Deutschland aussortiert. Mode-Ketten sind erpicht ihre Kunden weiterhin bei der Stange zu halten, werben mit der Rücknahme der überzähligen Stücke und plädieren auf Textil-Recycling. Eine sehr kurzsichtige Betrachtungsweise und meines Erachtens nicht die richtige Lösung. Warum? In diesem Recyceling-Prozess werden die Kleidungsstücke zumeist zerschnitten, geschreddert und zu Putzlappen verarbeitet, statt für die Herstellung neuer Kleidungsstücke verwendet zu werden. Folglich soll etwas recycelt werden, was sozusagen frisch aus der Produktion gekommen ist, beziehungsweise kaum oder nie vom Verbraucher getragen wurde.“

Textilfabrik in Myanmar (Burma) – Quelle: Ansgar Beckstedde

 

Immer mehr Kritiker mahnen zu einem veränderten Verhalten der Industrie und der Konsumenten, beispielweise in Form von Konsumverzicht. Am Beispiel Frankreich sehen wir, dass etwas in Bewegung gerät: Der französische Premierminister Edouard Philippe hat sich zum Ziel gesetzt, eine Kreislaufwirtschaft aufzubauen. Das Konzept beinhaltet den Vorschlag von Emmaus, einer in Paris gegründeten Wohltätigkeitsorganisation, dass Kleidung, die nicht verkauft worden ist, nicht mehr weggeworfen werden darf. Jährlich wirft Frankreich 700 Tausend Tonnen Bekleidung weg. Weniger als ein Viertel davon wird recycelt. Geschäfte per Gesetz zu zwingen diese Bekleidungsstücke zu spenden, würde Bedürftigen zugute kommen.

Offensichtlich ist ein Umdenken in allen Segmenten der Bekleidungsbranche essentiell. Hier sind alle gefragt, Textilunternehmen, Brands, CEOs, Industrie, Handel, Einkäufer, usw., und der Kunde selbst.

Denken Sie über Ihr eigenes Textil- und Modeverhalten nach und erkennen Sie destruktive Muster. Verändern Sie diese. Sehen Sie sich als einen Verbraucher, der gefragt ist, sich zu involvieren und sich zu informieren, statt sich als Konsument zu betrachten, der lediglich erwartet, dass ihm etwas geboten wird. Werden Sie ein verantwortungsbewusster Kunde. Agieren Sie selbstverantwortlich, statt vom Handel, der Industrie und NGOS zu erwarten, dass diese kurzfristig maßgebliche Veränderungen einleiten werden, die unsere Welt und die wertvolle Natur wieder zurück ins ökologische Gleichgewicht katapultieren werden. Kaufen Sie nur Kleidung, die Sie wirklich brauchen und auch lange tragen. Denken Sie daran, wie viel Wasser zur Produktion von Kleidung verbraucht wird und wie viele gefährliche Chemikalien zum Färben Drucken und Waschen von Textilien eingesetzt werden.

Auch Greenpeace befasst sich mit neuen Geschäftsmodellen in der Textil- und Mode-Industrie. Im Artikel „Konsumkollaps durch Fast Fashion“ vom 14.2.2017 heißt es dazu:

Neue Geschäftsmodelle gefragt – Die Art und Weise, wie Kleidung hergestellt, genutzt und entsorgt wird, bedarf einer Generalüberholung. Modemarken müssen qualitativ hochwertigere Kleidung produzieren, die langlebig, reparierbar, von weiteren Personen tragbar und am Ende vollständig kreislauffähig ist. Dafür sind neue Geschäftsmodelle gefragt, die diese Veränderungen befördern und entsprechende Systeme in der Herstellung, im Handel, bei Dienstleistungen, für die Wiederverwendung und im Recycling entwickeln, die auch ein verändertes Verhalten von Konsumenten unterstützen. Eine wirklich nachhaltige Modebranche muss sowohl den Kreislauf schließen als auch dessen Tempo reduzieren.“

Auch Textil- und Mode-Industrie sowie Politik sollten zum Nachdenken und zu drastischen Veränderungen angeregt werden. Die Frage liegt auf der Hand. Mit wieviel Kooperation aus Industrie, Handel und Politik kann hier gerechnet werden? Glaubt man an die Versprechen „Wir ziehen alle am gleichen Strang“? Wohl kaum. Bis heute herrscht immer noch die Devise, Wachstum = Erfolg = $$$.

Ein kleines Beispiel: Viele Modefirmen versprechen seit Jahren, dass sie ihre Produktpalette im ökologischen Sektor und speziell die Bio-Baumwolle massiv ausbauen werden, schon deswegen, weil jedem sehr wohl bekannt ist, dass konventionell angebaute Baumwolle mit ihrer extensiven Verwendung von Pestiziden und Insektiziden, die Menschen, die mit den Chemikalien in Berührung kommen, und der weitverbreiteten Verschmutzung durch Einweichen in Wasser, großen Schaden sowohl der Umwelt als auch den Arbeitern zufügt.

Es wird von der Textil- und Mode-Industrie versprochen Nachhaltigkeit zu praktizieren und BIO (organic) als die Grundlage für nachhaltige Kollektionen, zusammen mit recycelten Materialien und nachhaltigen Fasern zu bilden. Die Krux bei der Sache: Natürliche Materialien = höhere Preise. Da helfen auch die schönen Versprechen nichts, denn wie will man sonst die Billigprodukte auf den Markt bringen.

Aktuellen Daten zufolge werden weltweit 29 Millionen Tonnen Baumwolle pro Jahr produziert. Im Vergleich dazu jedoch nur zirka 100 Tausend Tonnen Bio-Baumwolle pro Jahr. Dieses armselige Ergebnis kann wohl kaum ein aktives Engagement der Bekleidungsindustrie bezeugen.

Im Gegenzug dazu gibt es die populäre Alternative, besonders für die Fast-Fashion Modefirmen, noch mehr als bisher Baumwolle durch die aus nicht-erneuerbarem Erdöl hergestellte chemische Faser Polyester zu ersetzen um die Kosten zu reduzieren. Beim Einkauf mag dann so mancher die Erfahrung machen, dass das 100% Baumwoll T-Shirt gleich neben dem mit der Baumwoll/Polyester Mischung liegt. Beide können fast identisch aussehen. Der „unachtsame“ Kunde jedenfalls sieht hier keinen Unterschied. Er wundert sich eventuell nur über den günstigeren Preis des Teiles mit Polyester. Und an günstig haben sich sehr viele Verbraucher schon lange gewöhnt. Ein sogenanntes „Baumwoll-T-Shirt“ für 3,00 € ist somit kein schlechter Witz. Jeder aber sollte sich bei dem Preis fragen: Wie ist das in der Preisgestaltung überhaupt möglich bei all den Schritten, die zur Herstellung notwendig sind? Es geht jedoch nicht nur um Kosten in der Herstellung, die den Preis eines Bekleidungsstückes ausmachen. Man muss berücksichtigtigen, dass Innovation, Kreativität & Design, Entwicklung des Produktes, usw. sehr kostspielig sind und dieses auch entsprechend honoriert und vergütet werden muss.

Die Firma Everlane in den USA gibt Einblick in Ihre Kostenstruktur (siehe Statistik unten), die jedem online zur Verfügung steht. Laut Everlane, „Wir glauben, dass die Kunden das Recht haben zu wissen, was die Herstellung ihres Produktes kostet“. Hier kann sich der Kunde selbst informieren und sich ein Bild darüber verschaffen, welche Kosten in jedem Bekleidungsstück wie, Hose, Jacke, T-Shirt, Polo, usw. stecken. Diese radikale Transparenz, wie Everlane sie selbst bezeichnet und auch praktiziert, ist eine Rarität im Bekleidungssektor.

 

 

Grafik-Quelle: Ansgar Beckstedde

 

FAZIT: Es ist wünschenswert, dass sich die Industrie besinnt, Überproduktion vermeidet, aktiv den Konsum drosselt, in BIO investiert, und dem Verbraucher die Zusammenhänge der Lieferkette besser erklärt. Ich bin sicher, dass viele Menschen bereit sind einen gerechtfertigten, fairen Preis für ein qualitativ hochwertigeres Bekleidungsstück zu investieren, besonders wenn es aus natürlichen Materialien hergestellt wurde.

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Copyright © dieses Textes und der Fotos liegen bei Ansgar Beckstedde – Apparel Global Sourcing (Bekleidungs Beschaffungs Experte)