Die Erde als Spielball

Buch-Vorstellung von Alexandra Walterskirchen

„Die Erde als Spielball – Der Mensch hat das Anthropozän in der Hand“

Das Buch „Die Erde als Spielball – der Mensch hat das Anthropozän in der Hand“ von Manfred Pohl und Jelena Mitsiadis (Hg.) vom Frankfurter Allgemeine Buch-Verlag bietet eine ganz eigene Sichtweise auf die derzeitigen gesellschaftlichen, kulturellen, ökonomischen, sozialen und ökologischen Probleme auf der Erde, die sowohl Utopie wie auch Dystopie sein kann. Gemessen an unserer Philosophie ist sie eher eine Dystopie.

Die in diesem Buch vom renommierten Thinktank „Frankfurter Zukunftsrat“ vorgestellten „Zukunftsarbeiten“ stammen von interdisziplinären Kapazitäten wie dem britischen Professor für Paläobiologie Jan Zalasiewicz (Universität Leicester) sowie des ehemaligen Exekutivdirektors des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (UNEP) Klaus Töpfer, u.a. Dabei wird das neue Zeitalter des „Anthropozän“ näher vorgestellt, in welchem wir uns jetzt nach Ansicht der Autoren befinden sollen, wie es entstanden ist, wie seine Folgen auf Menschen, Natur und Leben sind usw. Was ist das Anthropozän? „Anthropozän“ stammt von den altgriechischen Wörtern ἄνθρωπος (deutsch ‚Mensch‘) und καινός (deutsch ‚neu‘) und ist das Zeitalter, in dem der Mensch zu einem der wichtigsten Einflussfaktoren auf die biologischen, geologischen und atmosphärischen Prozesse auf der Erde geworden ist.

Nachfolgend wollen wir einige markante Passagen aus dem Buch zitieren:

Renaissance des Regionalen

Prof. Dr. Klaus Töpfer, ehemaliger Bundesumweltminister (von 1987-1994) und ehemaliger Exekutivdirektor des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (UNEP): „Ich frage mich zunächst, welche Strukturen wir denn gegenwärtig in der Politik haben und worüber wir entscheiden. Ich weiß nicht, ob Sie den Essay des Berliner Politikwissenschaftlers Herfried Münkler im „Spiegel“ im Juli 2012 gelesen haben. Überschrift: „Die rasenden Politiker“, Untertitel: „Vom absehbaren Ende der parlamentarischen Demokratie.“ Er führt dort genau dieselbe Argumentation an, die ich gerade versucht habe, darzustellen: dass die Entscheidungsstrukturen immer kurzfristiger werden, so dass eigentlich eine Debatte über Alternativen in Parlamenten gar nicht mehr stattfindet.

Und genau das ist doch die Frage: Wie kriegen wir denn eigentlich diese Beschleunigung im Entscheiden mit der Verbindung der Langfristigkeit der Folgen unserer Entscheidungen in Einklang mit einer Staatsform? Die Staatsform braucht hierbei eigentlich Zeit, um Alternativen zu entwickeln. In dieser Zeit merkt der Mensch allerdings auch immer stärker, dass diese Alternativen ja eigentlich gar nicht da sind.

Hannah Arendt hat einmal den schönen Satz gesagt: Entscheiden können/Anfangen können ist der Keim der Freiheit. Das heißt, je kurzfristiger wir werden, umso unfreier sind wir ganz offensichtlich. Und umso weniger sind wir in der Lage, auch durch eigenes politisches Mittun Veränderung herbeizuführen [….]

Einer der Beiträge im „Time Magazine“ ist überschrieben mit: „Nature is over“. Gibt es noch „Nature“, oder ist „Nature“ gar nicht mehr da? Es ist keine mehr da. Sie ist nur noch das, was der Mensch erlaubt, Natur zu sein. Wir nehmen sie also voll und ganz in Anspruch. Die Natur kennt überhaupt keine Katastrophe, sondern sie wird ja dann zur Katastrophe, wenn sie etwas für den Menschen Relevantes zerstört. Das heißt „Naturkatastrophe“ ist ein anthropozentrischer Begriff. Und wir sehen, dass sich die Einflüsse immer stärker überlappen. Ist ein Hochwasser eines Flusses von der Natur hervorgerufen – oder ist es menschengemacht, nachdem der Mensch den Fluss vorher begradigt oder diesem Augebiet weggenommen hat? Ein Jahrhunderthochwasser ist heute etwas anderes, als es ein Jahrhunderthochwasser vor hundert Jahren war. Diese Fragen sind es, die ich mit dem Begriff „Anthropozän“ in hohem Maße verbinde.“ (S. 40ff)

Auf die Frage der Flüchtlingswellen, Klimaflüchtlinge und der Vermischung der Weltbevölkerung antwortet Prof. Dr. Klaus Töpfer: „Wir haben aber zugleich eine Renaissance des Regionalen, wie in vielen anderen Bereichen. Die „Renaissance des Regionalen“ ist mir lieber als eine Renationalisierung. Wir haben auch in Deutschland eine Renaissance des Regionalen. Die Menschen werden sich ihrer regionalen Identität sehr bewusst […] Derzeit sieht man auf einmal wieder diese Rückkehr von Dialekten, von regionalen Bräuchen, von Festen und so weiter […] Es ist eine Abkehr, ein Vorbehalt gegen globale Produkte – Coca-Cola-Syndrome und so weiter – aufgekommen. Das ist alles ganz spannend, und das wird eher eine Rationalisierung im Sinne der kulturellen Eigenständigkeit des Bewusstseins mit sich bringen. […]

Zugleich haben wir eine Bevölkerung, die immer bunter wird. […] Dass wir bunter werden, halte ich nicht für negativ. Die Frage ist, wie schnell ist das Tempo, wie schnell ist die Möglichkeit, das Bunte miteinzubinden, und an welchen Dingen machen wir es denn fest? Das hat ja auch wiederum etwas mit einem intellektuellen Kraftakt zu tun. Wenn wir selbst keinen Wert haben, dürfen wir uns nicht wundern, dass Wertesysteme die Menschen aus den Ländern, aus denen sie vertrieben wurden, mit zu uns bringen, auf einmal dominanter werden. Die Menschen sehnen sich in der Komplexität dieser Welt sehr danach, wieder Orientierungsmuster zu haben und entlang Vertrauenspfaden denken zu können.

Der Grund dafür, dass solche Dinge wie Big Data, Crowd Wisdom und andere Dinge immer problematischer werden, ist vor allem, dass sie mit keinen Verantwortlichkeiten verbunden sind […].“ (S. 53ff)

Anthropozän, Neurotheismus und der Gottesbegriff

Prof. Dr. Manfred Pohl schreibt in seinem Beitrag „Anthropozän und Neurotheismus“, dass er der festen Überzeugung ist, das Anthropozän habe das Holozän, das vor 11.700 Jahren begann, abgelöst und eine neue kulturelle und geochronologische Epoche eingeleitet. Alle alten Strukturen wurden aufgebrochen, die bis dahin über Jahrtausende das Leben der Menschen bestimmt haben. Dies betrifft sowohl die Religion als auch die Rolle von Mann und Frau sowie den Zugang aller Menschen zum Wissen der Welt. Diese Entwicklung ist seit dem 15. Jahrhundert in immer schnelleren Zyklen erfolgt, die schließlich dieses neue Erdzeitalter geprägt und gebildet haben.

Aber klar ist auch: Das Anthropozän unterscheidet sich grundlegend von den vorausgegangenen Erdzeitaltern. Das hängt eng mit der Steigerung der kognitiven Leistungsfähigkeit des Menschen zusammen. Der Mensch hat sich in neue geistige Dimensionen entwickelt. Er will die Erde „sich untertan“ machen und sie so gestalten, wie er es für richtig hält. Es geht hierbei nicht nur um die geochronologische Dimension, sondern um eine neue, alle Bereiche des menschlichen Denkens und Fühlens umfassende globale Entwicklung.“ (S. 79)

Das Anthropozän umfasst dabei nicht nur die Geowissenschaften und andere Naturwissenschaften, sondern auch die Geisteswissenschaften wie Theologie und Neurobiologie. Denn nicht allein die industrielle Revolution hat das Anthropozän eingeleitet, sondern primär die kulturelle Revolution und ihr Geist/Mind bestimmten den Beginn des Anthropozän und seine weitere Entwicklung. Mit dieser Revolution begann die Aushebelung aller Religionen, die es bis heute schwer haben, wissenschaftliche Erkenntnisse in ihre Religionsstruktur einzubauen, weil sie diese nicht wirklich akzeptieren wollen. So herrscht heute immer noch in allen Bereichen der Welt ein Kampf der Religionen und Kulturen gegen die Fakten der Wissenschaft vor, so Pohl.

Die Eintrittsphase des Anthropozän in das neue Erdzeitalter begann im Zeitraum zwischen dem 15. und 18. Jahrhundert, denn dort wurden die Grundvoraussetzungen bzw. Grundveränderungen geschaffen, die dann mit der Erfindung der Dampfmaschine und des mechanischen Webstuhls zur industriellen Revolution und zur fortschreitenden Verschmutzung der Erde führten. Aus all dem entstanden dann die Verdrängung der Vegetation durch landwirtschaftliche Monokulturen, Artensterben und Artenwanderung, der Anstieg der Produktion von Treibhausgasen, usw., wie wir sie heute haben.

Nur wenn die Geschlechter und Religionen gleich sind, so Pohl, kann eine im Zeitalter des Anthropozän friedliche Welt entstehen. Das ist heute noch ein Problem, denn alle existierenden dominanten Religionen wurden z.B. von Männern „erfunden“ und gestaltet, d.h. der jeweilige Gott war immer männlich, Frauen spielen bis heute in allen Religionen eine untergeordnete Rolle, und zudem begründet sich jede Religion auf dem Prinzip des „Alleinseligmachens“, womit es alle Andersgläubigen automatisch ausschließt und bekämpft. In der patriarchalen Welt bedeuteten Gott und Geld seit jeher Macht und Antriebskraft, was die Männer schon immer als Begründung für ihre Taten und Handlungen angeführt haben. Was hat also dieser von Männern geprägte Gottesbegriff noch für einen Wert für unsere heutige Welt?

Prof. Dr. Manfred Pohl plädiert deshalb für eine neue zeitgemäße Definition Gottes. Wir sind nicht mehr Moses und müssen die Tafeln mit den zehn Geboten auch nicht als Ausgangspunkt der heutigen Erkenntnisse akzeptieren. Mythen sind durchaus berechtigt und gut, weil sie helfen, Identität zu schaffen und zu wissen, wer man ist und wo man hingehört, aber mehr auch nicht. Manfred Pohl fordert deshalb u.a. die Neudefinition eines Gottesbegriffes auf Basis der heute feststehenden wissenschaftlichen Erkenntnisse und das Herausarbeiten eines geschlechtsunabhängigen Gottesbegriffes sowie die Akzeptanz und Toleranz aller Lebensformen von Religionen und Kulturen und die Gleichstellung von Mann und Frau.

Prof. Dr. Manfred Pohl: „Gott und Seele erhalten so eine neue Definition und Dimension, losgelöst von allen metaphysischen Deutungen, von mythischen und mystischen Dogmen. Darüber hinaus wird die sogenannte Glaubensbindung, der Kern des Streits, ob Theologie der Wissenschaftlichkeit unterliegt, aufgehoben. Gott ist die Summe aller Neuronen und Synapsen der Menschen, die waren, sind und sein werden.“ (S. 92)

Jeder Mensch ist folglich mit Gott verbunden und „ein bisschen Gott“, weil das Absolute in jedem Einzelnen wohnt. Das ist die Weltfriedensformel für die Menschheit. Es gibt kein Weltganzes, das von jemandem regiert wird, sondern die Summe aller Neuronen und Verschaltungen regiert die Welt, d.h. die Summe aller Menschen.

Da jedes Gehirn anders vernetzt ist, besitzt jedes Neuron und jede Verschaltung eine eigene Identität, deren Summe die Seele ist. „Die Seele ist die Summe der Neuronen und Synapsen eines jeden Menschen. […] Das Alleinstellungsmerkmal ist das Gehirn des einzelnen Menschen, und die Summe ist Gott.“ (S. 94)

Prof. Dr. Manfred Pohl macht zum Abschluss deutlich: „Der Neurotheismus will keine der bestehenden Religionen und Kulturen abschaffen, sondern er will eine mögliche Grundlage bereiten, mit der alle Religionen arbeiten und gemeinsam leben können. Vielleicht kann er als eine Art Holding aller Religionen wirken. Die Religionen müssen im Laufe des Anthropozäns die naturwissenschaftlichen Erkenntnisse nutzen, um dem Menschen eine lebenswerte, von allen Drohungen freie Existenz zu ermöglichen. Den Religionen kommt so im Anthropozän eine zentrale Aufgabe zu. Sie werden zum inhaltlichen/geistigen Fixpunkt des menschlichen Zusammenlebens.“ (S. 95)

Der Machbarkeitswahn des Menschen

Prof. Dr. Bernd M. Scherer betrachtet das Anthropozän aus einer philosophischen Perspektive und verwendet als Metapher Erzählungen von Ovid sowie die Figur des Frankenstein-Monsters. Er schließt mit folgendem Fazit: „Da unsere Wirkung als Spezies auf der Erde immer größere Wunden hinterlässt, drängt die Zeit. Beginnen wir, uns um unsere Monster zu kümmern, bevor diese sich um uns kümmern.“ (S. 76)

Im Dreier-Gespräch mit Joachim Müller-Jung und Prof. Dr. Jan Zalasiewicz macht Prof. Dr. Bernd M. Scherer auf S. 103ff deutlich, dass ein großer Teil der Philosophie, die zum Anthropozän führt, der Machbarkeitswahn ist, d.h. in dem Moment, wo der Mensch eine Idee hat, wird sie technologisch umgesetzt, wodurch er die Erde verändert und dann damit auch einen weitreichenden Einfluss auf die Erde hat. Die Menschen sollten deshalb in Zukunft nicht mehr ihren Fokus darauf richten, was in der Entwicklung von Technologie möglich ist, sondern, welchen Sinn diese machen und was wir damit überhaupt wollen.

Prof. Dr. Bernd Scherer: „Momentan sind wir eigentlich Getriebene der technologischen Entwicklungen. Wir sind so schnell, dass keiner mehr, der daran mitarbeitet, überhaupt voraussagen kann, voraussehen kann, was die weiteren Implikationen sind. Das führt dazu, man jetzt zum Beispiel in diesem Kontext der Technosphäre-Entwicklung davon ausgeht, dass wir nicht mehr nur von einzelnen Technologien sprechen, sondern von einer Technosphäre. Das heißt, Technologien sind so miteinander vernetzt, dass sie eine eigene Welt darstellen, die zurückwirkt auf uns. Sie sind nicht mehr nur Mittel für uns, um etwas zu erreichen und zu tun, sondern sie beginnen uns zu prägen. Das Wesen des Menschen wird mehr und mehr von dem bestimmt, was die Technologie kann. […]

Wir müssen einfach auch wieder eine Sensibilität für die materielle Natur entwickeln und eine Sprache, die nicht nur als etwas verstanden wird, das man ausbeuten kann. Die Vorstellung, in der Wüste einfach einen Golfplatz anzulegen, weil es möglich ist, bringt mehr negative als positive Konsequenzen mit sich. Grasland in die Wüste zu legen oder in der Wüste sozusagen mit wahnsinnig viel Energieressourcen klimatische Verhältnisse herzustellen wie in Deutschland, das grenzt an unnötigen Machbarkeitswahn.“ (S. 103ff)

Unser Fazit: Das 109-seitige Büchlein gibt einen Einblick in eine Welt und Zukunft, die für die einen völlig normal und erstrebenswert ist, für all jene jedoch, die mit der Natur und Gott verbunden sind und an eine natürliche Bestimmung des individuellen Menschen glauben, ist diese Welt und Zukunft unglaublich leer und deprimierend. Ein Büchlein, das bewusst macht, dass die Erde kein Spielball sein, sondern unsere Liebe und unsere Respekt verdienen sollte.

Verlag: Frankfurter Allgemeine Buch
Auflage (12. September 2018)
Gebundene Ausgabe: 104 Seiten
ISBN: 978-3962510077
18,00 Euro