Prof. Andrew R. Dyer zum Coronavirus: Status 13.03.2020

 

Aus dem Englischen übersetzt von Alexandra Walterskirchen:

 

Der Ausbruch des neuen Coronavirus und COVID-19 hat zu unterschiedlichen Meinungen hinsichtlich der Schwere und des Ausmaßes der Infektion geführt. Obwohl ich kein Experte für Infektionskrankheiten bin, kann ich als Ökologe und Evolutionsbiologe einen Standpunkt aus einem anderen Blickwinkel anbieten. Denn ich habe ernsthafte Bedenken hinsichtlich der vielen Menschen, die dieses Virus bzw. diese Krankheit nicht ernst zu nehmen scheinen oder als nicht wirklich gefährlicher als eine Erkältung oder Grippe ansehen. Es ist nicht richtig eine solche Einstellung bezüglich COVID-19 zu haben.

 

    • 1. Es ist unmöglich, gegen etwas zu kämpfen, das wir nicht verstehen. Wenn wir also die Epidemiologie dieses Coronavirus nicht verstehen, sind wir mehr oder weniger hilflos, bis wir mehr wissen. Wir können die Anzahl der Fälle, die Inkubationszeiten, die Dauer und die Anzahl der Todesfälle nicht vorhersagen, ebenso wenig die genauen Gesundheitszustände, die die Sterblichkeitsrate vorausberechnen, und auch nicht, ob das Virus resident oder vorübergehend wird, wie schnell es mutiert oder nicht, ob es andere Altersgruppen und Empfänglichkeitsgruppen betrifft oder nicht. Das heißt: Wir sind unwissend und das ist äußerst gefährlich. Das Klügste, was wir in unserer Unwissenheit tun können, ist, sehr vorsichtig zu sein.

 

    • 2. Es ist nicht nur irgendeine Grippe oder Erkältung. Erstens gibt es mehrere Grippeviren und Erkältungen und nicht nur eine, und sie variieren in ihrer Intensität. Influenza A hat viele Varianten und es gibt viele Rhinoviren, die die Hauptursache für Erkältungen sind. Zweitens ist Influenza A jedes Jahr weltweit für mehrere hunderttausend Todesfälle verantwortlich, und die Sterblichkeitsrate von COVID-19 ist mindestens zehnmal höher. Drittens ist die Sterblichkeitsrate für Menschen, die durch COVID-19 so krank geworden sind, dass sie ins Krankenhaus eingeliefert werden müssen, viel höher. Die Schwere dieser Krankheit wurde eindeutig unterschätzt und dies ist eine unglaublich gefährliche Sache. Wir werden die wahre Mortalitätsstatistik für dieses Virus erst kennen, wenn eine ausreichend große Anzahl von Menschen die Möglichkeit hatte, wieder gesund zu werden, und diese Genesungsphase wird Wochen dauern. Solange Krankheitsexperten über das Fortschreiten dieser Krankheit noch nicht mehr wissen, sollten wir also überaus vorsichtig sein.

 

    • 3. Das Risiko von Virusinfektionen erhöht sich, wenn sie schwerwiegend genug sind, dass sie einen Krankenhausaufenthalt erfordern. Ein durch eine Virusinfektion geschwächter Körper ist nämlich anfällig für Sekundärinfektionen, und eine dieser Infektionen in einem Krankenhaus ist sehr wahrscheinlich eine Lungenentzündung. Das ist eines der Hauptrisiken für ältere Menschen (und Kinder), die ins Krankenhaus eingeliefert werden müssen. Im Fall von COVID-19 benötigen Patienten mit Atemwegserkrankungen mit ziemlicher Sicherheit ein Beatmungsgerät, und das Pneumokokken-Bakterium ist leider ein häufiger Bewohner von Beatmungsgeräten in Krankenhäusern. Zum Vergleich: In der spanischen Grippepandemie von 1918 war die Todesursache auf den meisten Sterbeurkunden (in den USA) eine Lungenentzündung mit Influenza als Mitverursacher. Jeder, der also eine Sekundärinfektion riskiert, indem er sich nicht um eine Primärinfektion kümmert, zeigt einen gefährlichen Mangel an Verständnis für Infektionskrankheiten.

 

    • 4. In den letzten 75 Jahren hat die Menschheit langsam die kollektive Erinnerung daran verloren, wie das Leben vor der modernen Medizin und der nahezu weltweiten Verfügbarkeit von Antibiotika (seit 1945) gewesen ist. Zum Vergleich: Vor der Einführung von Impfstoffen in den frühen 1900er Jahren starb 1 von 4 Säuglingen im Alter von zwei Jahren und 1 von 4 jungen Erwachsenen an Tuberkulose, Typhus und anderen Infektionskrankheiten. Der Tod durch Infektionskrankheiten war eine Bedrohung für jede Altersgruppe, da man nicht die Möglichkeit hatte, einfachste Infektionen zu stoppen. In der modernen Zeit der Antibiotika und Impfstoffe haben wir jedoch unsere Angst verloren, weil wir ziemlich sicher sind, dass die Technologie uns retten wird. Die Technologie basiert jedoch auf Informationen, und im Fall von COVID-19 liegen uns nur sehr wenige Informationen vor, und die Rettung wird folglich einige Zeit dauern. Der Umgang mit unbekannten Krankheitserregern wie COVID-19 ist ein Schritt zurück in eine tödliche Vergangenheit.

 

    • 5. Es ist also unglaublich naiv für jemanden zu sagen, dass ich mir keine Sorgen machen um den Virus und entsprechende Schutzmaßnahmen machen muss, weil ich keine bereits bestehenden Vorerkrankungen habe, von denen ich weiß. Das mag vielleicht in der Theorie stimmen, aber in der Praxis kann sich das ganz anders verhalten. Der schnellste Weg, um herauszufinden, ob ein Organismus eine Anpassung für das Überleben aufweist, besteht darin, ihn einem tödlichen Stress auszusetzen. Das heißt für Sie: Der schnellste Weg, um herauszufinden, ob Sie keine bereits bestehenden Erkrankungen haben, besteht darin, sich mit der Krankheit zu infizieren und abzuwarten, ob Sie überleben werden. Wenn Sie dies nicht tun, haben Sie sich geirrt. Unabhängig von Ihrem Alter, Ihrer Krankengeschichte, Ihrer Familiengeschichte oder wie gut Sie sich heute fühlen, zeigt ein Virus nämlich sehr schnell, ob Sie eine unentdeckte Schwäche in Ihrem Organismus haben. Da sich die Krankheitsexperten noch nicht sicher sind, was den vollen Umfangs der Indikatoren für COVID-19 betrifft, ist die einzig realistische Vorgehensweise: Vorsicht.

     

    Andrew R. Dyer, PhD

     

    Andrew R. Dyer ist Professor für Ökologie und Evolution, Umweltwissenschaft, Botanik und Restaurierungsökologie an der Universität von Süd Carolina Aiken. Er schreibt gerade an seinem neuen Buch „Hungern im Schlaraffenland“ [von uns übersetzter deutscher Titel], von dem wir den 1. Und 2. Teil in unserem „Kultur-Magazin Schloss Rudolfshausen“, Editionen III/2019 und I/2020 abgedruckt haben.

     

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